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5 Jahre Windows Phone: Der ewige Dritte

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben: Microsoft hatte sich mit der Renovierung von Windows Mobile damals zu viel Zeit gelassen. Als der Nachfolger 2010 schließlich kam, konnte er sich zwar sehen lassen, aber lange nicht richtig etablieren.

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Steve Ballmer

Steve Ballmer hat mit Windows Phone alles auf eine Karte gesetzt.

(Bild: Microsoft)

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“Es ist ein großer Schritt”, sagt Steve Ballmer. Der Microsoft-Chef steht auf einer Bühne im großen Saal des Hotels Catalonia in Barcelona und beendet seine Präsentation. Er ist heiser. “Ich glaube, wir haben hier wirklich eine Chance, den Markt nachhaltig zu beeinflussen.” Ballmer spricht vom Smartphone-Markt, auf dem Microsoft ins Hintertreffen geraten ist. Die Trends setzen andere. Ballmers Chance heißt Windows Phone.

Das war im Februar 2010 auf dem Mobile Word Congress (MWC). Das Jahrestreffen der Mobilfunkbranche war die Bühne, auf der Microsoft sein neues Mobilbetriebssystem erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Der Markt war im Umbruch und boomte: Nach dem iPhone war nichts mehr so wie vorher. Nokia ruht sich mit Symbian zu lange auf seinen Lorbeeren aus. RIM konnte sich nicht vorstellen, dass der Blackberry ein paar Jahre später nur noch eine Fußnote sein würde. Android und Apple sollte die Zukunft gehören.

Fünf Jahre Windows Phone (15 Bilder)

Das Line-up zur Einführung von Windows Phone war nicht so inspirierend.
(Bild: Microsoft)

Microsoft wollte auch eine, hatte aber mit Windows Mobile den Anschluss verloren. “Wir haben eine Runde verpasst”, räumt Ballmer ein. Ein großer Wurf musste her. Eigentlich sollte der schon 2009 gelingen, doch musste Microsoft das Release von Windows Mobile 7 verschieben. Um auf dem MWC 2009 nicht mit leeren Händen dazustehen, schiebt Redmond Version 6.5 dazwischen. Ein Jahr später ist es dann endlich soweit: Ballmer kann in Barcelona Windows Phone 7 vorstellen.

Ballmer wusste, dass "more of the same" nicht reichen wird. Also wird Windows Phone anders: Microsoft verabschiedet sich vom Desktop mit Symbolen und verpasst dem neuen System eine reduziertes Design, das stark auf Typografie setzt. Auch das horizontale Scrollen in System und Anwendungen kennt man schon vom Medienplayer Zune, Microsofts Antwort auf den iPod. Für den war Joe Belfiore verantwortlich, dem Ballmer dann auch den Neustart von Windows Mobile anvertraute.

Steve Ballmer kündigt Windows Phone an.

Nach dem ersten Aufschlag in Barcelona dauerte es noch ein paar Monate, bis Windows Phones erhältlich waren. Als es am 21. Oktober 2010 endlich soweit war, hatte Android schon deutliche Geländegewinne erzielt. Google hatte sein Smartphone-System Ende 2007 vorgestellt, das erste Android-Smartphone kam im Herbst 2008 auf den Markt. Als Microsoft zwei Jahre später den Neustart wagt hat Android schon einen Marktanteil von knapp 23 Prozent.

Microsoft macht mit Windows Phone zwar vieles richtig, ist aber spät dran. Viele Hersteller haben sich bereits für Android entschieden. Dennoch stehen HTC, LG und Samsung zur Markteinführung im Herbst 2010 mit einigen Windows Phones bereit – auch, um sich eine Option offen zu halten, sollte Google irgendwann zu mächtig werden.

Richtig rund war Windows Phone 7 noch nicht. Mit dem “Mango”-Update auf Windows Phone 7.5 rüstete Microsoft erst ein Jahr später zahlreiche Funktionen nach, die Anwender vermissten – etwa Copy & Paste oder Multitasking nicht nur für ausgewählte System-Apps. Technisch war Windows Phone 7 ein Windows-CE-Kernel mit einer Silverlight-Oberfläche. Auch die Apps wurden mit einem Silverlight-Framework entwickelt.

Ein kurzes Hands-on des Lumia 800.

Microsoft machte den Herstellern strikte Vorgaben für die Hardware, die 2010 zur Oberklasse gehören: 1-GHz-Prozessor, Touch-Display mit HVGA- oder WCGA-Auflösung, mindesten 256 MByte RAM und 8 GByte Speicher und eine 5 Megapixel-Kamera. Auch bei der Bauform redet Microsoft mit. Das Ergebnis sind gleichförmige und uninspirierte Smartphones. Nur Dell, im PC-Bereich ein wichtiger Partner von Microsoft, bringt mit dem Venue Pro immerhin ein außergewöhnliches Windows Phone mit Slider-Tastatur auf den Markt.

So richtig konnten sich die Hersteller nie für Windows Phone erwärmen. LG klagte wenige Monate nach der Markteinführung über schleppende Verkäufe. Ein Grund für den fehlenden Enthusiasmus der Hersteller dürften auch die nicht unerheblichen Lizenzkosten gewesen sein, die Microsoft für ein Windows Phone aufrief. Android war erheblich billiger. Ein Fehler, den Microsoft erst viel später mit der Einführung von Windows 10 korrigieren sollte.

Ballmers Plan ging nicht auf. Ein Bündnis mit Nokia sollte Windows Phone endlich zum Durchbruch verhelfen. Dessen Chef Stephen Elop war kurz zuvor von Microsoft gekommen, um den finnischen Patienten wieder auf Trab zu bringen. Elop schickte das berühmte Memo von der “brennenden Bohrinsel” und ging eine schicksalhafte Verbindung mit Microsoft ein: Nokia sollte sich selbst und Windows Phone retten. Schließlich hat Ballmer den Laden gleich ganz gekauft. Für die Finnen ging das nicht gut aus.

Bevor Elop und Ballmer die Finnen auf Windows Phone einschworen, hatte sich Nokia mit Intel zusammengetan, um gemeinsam ein neues Betriebssystem zu entwickeln. Das Nokia N9 mit MeeGo kam nur in wenigen Ländern überhaupt auf den Markt. Das von Stefan Pannenbecker entwickelte Design prägt Nokias neue Smartphone-Linie, die mit dem Lumia 800 im Herbst 2011 Premiere feierte. Doch das schöne Lumia war kaum ein Jahr später schon Altmetall.

Mit Windows Phone 8 kam der Wechsel auf einen NT-Kernel. Die erste Generation der Windows Phones sollte das Update nicht bekommen. Ausgerechnet die Kunden der ersten Stunde blieben auf der Strecke. Mit dem Update auf Windows Phone 7.8, das zumindest einige der neuen Funktionen für die erste Gerätegeneration bereitstellte, verteilt Microsoft ein Trostpflaster. Auf das nächste Update auf Windows Phone 8.1 müssen die Anwender zum Teil monatelang warten.

Mit Windows 10 Mobile steht nun die nächste Häutung des Systems bevor (und die ist auch schon wieder spät dran). Das Smartphone wird noch enger mit dem PC verknüpft. Doch die ganz großen Marktanteile konnte das System nie erringen. In einigen europäischen Ländern – auch in Deutschland – waren die Marktanteile zuletzt immerhin zweistellig.

Smartphone-Verkäufe 2015 nach Betriebssystem, Gartner
OS 2. Quartal 2015 2. Quartal 2014 Absatz +/-
Geräteabsatz Marktanteil Geräteabsatz Marktanteil
Android 271,0 Mio. 82,2 % 243,5 Mio. 83,8 % +11,3 %
iOS 48,1 Mio. 14,6 % 35,3 Mio. 12,2 % +36,0 %
Windows Phone 8,2 Mio. 2,5 % 8,1 Mio. 2,8 % +1,3 %
Blackberry 1,2 Mio. 0,3 % 2,0 Mio. 0,7 % -43,6 %
Andere 1,2 Mio. 0,4 % 1,4 Mio. 0,5 % -13,3 %
Gesamt 329,7 Mio. 290,4 Mio. +13,5 %
Gartner, August 2015

Windows Phone hätte mehr verdient: Es ist eine tolle Alternative, wenn man die sich immer ähnlicher werdenden Android und iOS langweilig findet. Das System hat anfangs vor allem durch die konsequente Integration von Social Media gepunktet, auch wenn das inzwischen wieder etwas zurückgedreht wurde. Mittlerweile gibt es auch im App-Store eine ordentliche Auswahl. Viele Apps von freien Entwicklern sind dabei besser als die Originale. Die Kacheloberfläche lässt sich nach eigenen Vorlieben gestalten und ist damit ein individuelles Fenster in die Anwendungen.

Windows Phone spielt zwar für die Pläne des neuen CEO Satya Nadella weiter eine Rolle. Doch im Smartphone-Geschäft will Redmond nur noch mit einigen “Flagship Devices” reüssieren. Ballmer ist Geschichte, ebenso seine Idee von Microsoft als “Device Company”. Der Kollateralschaden heißt Nokia. (vbr)

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