50 Jahre CeBIT-Halle 1: "Entdecken Sie die Wirtschaftswunder"

Zum Auftakt der Hannover Messe 1970 ging Willy Brandt auf Fühlungnahme mit fortschrittlichster Technik in der größten Messehalle – der Keimzelle der CeBIT.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 32 Beiträge

Hannover Messe mit dem neuen "Centrum für Büro- und Informationstechnik". Gut sichtbar die "Trelemente" auf dem Dach von Halle 1.

(Bild: Deutsche Messe AG)

Von
  • Detlef Borchers

"Wir wollen mehr Demokratie wagen." Mit diesen Worten ist Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) in die Geschichtsbücher eingegangen. Weniger bekannt ist, dass er in seiner berühmten Antrittsrede von 1969 auch das vorweg genommen hat, was wir heute Digitalisierung nennen. Vom "kritischen Bedürfnis nach Information" sprach der Bundeskanzler, von der "ständigen Fühlungnahme mit den repräsentativen Gruppen unseres Volkes" , der "umfassenden Unterrichtung" und der Mitwirkung des Bürgers.

Die Technik für diese "ständige Fühlungnahme" konnte Brandt schon bald persönlich in Augenschein nehmen: Am 25. April 1970 eröffnete der Bundeskanzler die Hannovermesse und wurde dabei auch durch das Centrum für Büro- und Informationstechnik geführt. Das "CeBIT" residierte in der neuen Halle 1, dem jüngsten Prestigeprojekt der Deutsche Messe AG.

Besonders Kanzleramtschef Horst Ehmke und Brandts Pressesprecher Conrad Ahlers interessierten sich für das, was in Halle 1 präsentiert wurde. Sie hatten das Projekt eines computerisierten Kanzler-Informationssystem KIS übernommen, das die Heidelberger Studiengruppe für Systemforschung unter Brandts Vorgänger Kurt-Georg Kiesinger 1968 entwickelt hatte. Gedacht war an eine Art Multimedia-Projektions-Anlage, die dem Kanzler zur morgendlichen Lagebesprechung Daten und Presseausschnitte präsentierte.

In rund zwei Jahren Bauzeit entstand die neue Halle 1. Sie sollte künftig die Bürotechnik beherbergen, die bis dahin in Halle 17 angesiedelt war.

(Bild: Deutsche Messe AG)

Die moderne Halle 1 war als Herzstück des anbrechenden Informationszeitalters in zweijähriger Planungs- und Bauzeit für knapp 60 Millionen D-Mark entstanden und ging 1984 als "weltgrößte ebenerdige Messehalle" ins Guinness-Buch der Rekorde ein. Size does matter: Die Computer, Drucker, Frankier- und Kopiermaschinen, die damals in der Halle ausgestellt wurden, waren keine Leichtgewichte.

Doch "ebenerdig" ist leicht irreführend, denn die Halle stand teilweise auf Ständern, damit 2000 Autos direkt unter der Halle parken konnten. Gabelstapler und LKW fuhren über Rampen direkt in die Halle darüber. Zehn Fußballfelder groß, mit integriertem Kongress- und Pressezentrum sowie einigen Restaurants bestückt, kam die neue Halle 1 auf 81.220 m². Entworfen hat das Ganze der Hannoveraner Architekt Ernst Friedrich Brockmann, der zuvor schon die Essener Grugahalle konzipiert hatte.

Direkt am ebenfalls neuen Messeschnellweg gelegen, sollte die Halle im Untergeschoss und auf dem Dach ausreichend Parkplätze haben, um eine schnelle An- und Abfahrt zu gewährleisten. Doch der damalige Messechef Ernst Pätzold hatte die Idee, dass auf dem Dach 1000 Bungalows gebaut werden, in denen die Aussteller nächtigen konnten, um morgens ausgeschlafen im Aufzug direkt wieder hinunter zum Firmenstand zu fahren.

Damit das Ganze ausreichend schick aussah, sollten die Leichtbau-Bungalows aus den sechseckigen "Trelementen" der Goslarer Firma Junior gebildet werden. Das war eine Idee, die auch dem Architekten Brockmann ausnehmend gut gefiel: "So ein dem Kreis angenäherter Raum hat immer etwas Harmonisches, Fließendes, Menschliches – im Gegensatz zur kubischen Form."

Von den rund 635 Firmen, die zur Eröffnung in Halle 1 dabei waren, kauften aber nicht alle auch ein Stück Himmelsfreiheit: 750 Trelemente wurden insgesamt errichtet. Ein gutes Dutzend kaufte sich allein die Siemens AG, doch nicht zum Übernachten. Hier empfingen die Direktoren und Vorstände die wichtigsten Kunden. Die sechseckigen Trelemente waren Gegenstand zahlreicher – vor allem anzüglicher – Witzeleien.

Trelemente: Entwurf der Bungalow-Elemente von Architekt Ernst Friedrich Brockmann.

(Bild: Deutsche Messe AG)

Aussteller mussten ihre Standfläche, Parkplätze im Untergeschoss und die Dachgrundstücke für mindestens fünf Jahre "kaufen". Das hatte den Vorteil, dass die Messestände vieler Firmen recht stabil waren, weil sie stehen blieben und über die Jahre mehrstöckig wuchsen. So entwickelte sich eine Standkultur eigener Art, die die Steuerberater-Genossenschaft DATEV (seit 1974 dabei) dokumentiert. Ein weiterer Vorteil: die riesige Halle mit einem kryptischen Organisationsschema, das den Besucher von "4f2" nach "5e2" schickte, wurde durch die festen Einbauten ein bisschen übersichtlicher.

Das CeBIT in Halle 1 zum Prunkstück der Hannover-Messe, bevor es 1986 als die CeBIT eigenständig wurde. Über zwanzig Jahre hat das Bauwerk die Messe mitgeprägt, bevor Halle 1 im Jahr 2008 aufgegeben wurde – das Vorzeigeprojekt des neuen deutschen Wirtschaftswunders war hoffnungslos veraltet. 2018 war dann auch für die größte Computermesse der Welt endgültig Schluss.

Denkwürdig ist jener Werbe-Jingle geblieben, der zur CeBIT 2004 mit einem anderen Bundeskanzler für die Halle 1 warb. Ihn hörte man im Stau am Morgen bei der "Maßnahme A" wie Anfahrt und durfte grübeln, wie Politik unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), Außenminister Joschka Fischer (Grüne) und Finanzminister Hans Eichel (SPD) wohl gemacht wurde. Ein Schröder-Imitator sprach da ins Mikrofon:

"Joschi, Hans! Ärmel hoch und anschnallen! Wir fahren nach Hannover auf die CeBIT! Da finden wir, was wir brauchen, um die Wirtschaft auf Vordermann zu bringen! Ha, ha, ha. Drucker und Kopiersysteme von Kyocera Mita. Damit steigern wir die Leistung und senken gleichzeitig die Kosten."

Sprecher: "Entdecken Sie die Wirtschaftswunder von Kyocera Mita auf der CeBIT, Halle 1 Stand 2a2."

Schröder: "Und die Doris macht uns bestimmt was Leckeres zu essen. Ha, ha, ha."

50 Jahre Halle 1: Keimzelle der CeBIT (12 Bilder)

Messegelände von oben

Im Vordergrund die Halle 1 mit den markanten "Trelementen" auf dem Dach. Die Parkhäuser an der Nordseite (im Bild unten) kamen später dazu. Die 1969 gebaute Halle sollte der Bürotechnik auf der Hannover Messe eine neue Heimat geben. (Bild: Ballon-sz.de / CC BY-SA 2.0 de )

(vbr)