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50 Jahre nach Gagarin: Raumfahrt im Umbruch

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Hinter dem 107 Meter hohen Denkmal "Für die Eroberer des Weltraums" in Moskau beginnt die "Kosmonautenallee", wo jedes Jahr am 12. April Gagarins Flug gefeiert wird.

(Bild: André Kramer)

Im Zitatenschatz der Raumfahrt hat Juri Gagarins lang gedehnter Ausruf beim Abheben der Wostok-Rakete bei weitem nicht den Status wie Neil Armstrongs Vergleich zwischen kleinen Schritten und großen Sprüngen, als dieser den Fuß auf den Mondboden setzte. Aber in diesen Tagen sind Gagarins Worte wieder überall zu lesen und zu hören, denn es ist genau 50 Jahre her, dass er sie in sein Bordmikrofon brüllte: "Pojechali!" – "Auf geht‘s!"

Am 12. April 1961 umkreiste Gagarin die Erde in 108 Minuten und stieß damit die Tür zum Weltraum auf. Die aktuelle Ausgabe des New Scientist bringt Auszüge des Funkverkehrs zwischen ihm und dem Chefingenieur Sergej Koroljow in englischer Übersetzung. Darin sind auch die Sätze zu lesen, die seitdem von den meisten der über 500 Menschen, die bis heute ins All geflogen sind, in ähnlicher Weise wiederholt wurden: Wie schön der Anblick der Erde sei, die Wolken, die Ozeane. Das Gefühl der Schwerelosigkeit bezeichnete Gagarin 20 Minuten nach dem Start als "interessant". Doch die größte Begeisterung löste das aus, was er sah.

Mehr als 40 Jahre später sagte der US-Astronaut David M. Brown in einem Interview vor dem Flug mit dem Space Shuttle Columbia, mit dem er am 1. Februar 2003 tödlich verunglücken sollte: "Ich glaube, der beste Rat, den ich gehört habe, seit ich Astronaut bin, war etwas, was John Glenn gesagt hat. Er sagte: 'Wenn du da oben bist, dann sieh zu, dass du aus dem Fenster schaust.' Als ich darüber nachdachte, stellte ich fest, dass das eigentlich alle Astronauten sagen. Und wenn du aus dem Fenster guckst, siehst du dir nicht die Sterne oder den Mond an. Du schaust zur Erde."

"Das Gefühl der Schwerelosigkeit ist interessant": Juri Gagarin spielt mit einem schwebenden Bleistift. (Szenenfoto aus der Planetariums-Show "Der Sprung ins All")

(Bild: Mirage3D)

Obwohl der Blick aus dem Fenster zu den prägendsten Erfahrungen des Raumflugs gehört, zu dem Astronauten auch immer wieder befragt werden, steht er praktisch nie im Zentrum von Weltraummissionen. Im Gegenteil, das Arbeitsprogramm der Astronauten ist in der Regel so dicht gepackt, dass die Klage, man komme ja kaum dazu, mal aus dem Fenster zu schauen, fast ebenso zu einem Mantra geworden ist wie die Rede von der zarten, verletzlichen Erdkugel, auf der keine Grenzen zu erkennen seien. Natürlich gibt es Programme zur Erdbeobachtung, doch dabei geht es um Datensammlung, nicht um das ästhetische Erlebnis. Das findet seinen Niederschlag allenfalls in Wandkalendern oder Hochglanzbroschüren. Eine wirkliche kulturelle Nutzung der Internationalen Raumstation ISS kommt dagegen nur mühsam voran.

Viele Menschen möchten daher mit ihren eigenen Sinnen unmittelbar erleben, was es bedeutet, durchs All zu fliegen. Und 50 Jahre nach Juri Gagarin sind die Chancen dafür so günstig wie nie zuvor. Denn die Privatisierung der Raumfahrt geht voran. Nach der Ausmusterung der Raumfähren will die US-Raumfahrtbehörde Nasa Flüge in den erdnahen Orbit künftig von Privatfirmen kaufen. Dabei hat die Firma SpaceX derzeit die Nase vorn. Erst im vergangenen Dezember gelang es dem Unternehmen, das Raumschiff "Dragon" mit Platz für bis zu sieben Passagiere in die Umlaufbahn und wieder zurück auf die Erde zu bringen. Zwei weitere Testflüge, bei denen auch die Annäherung an die Internationale Raumstation erprobt wird, sind für dieses Jahr geplant. Rechtzeitig zum 50. Jahrestag der bemannten Raumfahrt kündigte Firmenchef Elon Musk zudem an, dass die neue Schwerlastrakete Falcon Heavy Ende 2013 oder Anfang 2014 zum ersten Mal starten soll. Sie soll bis zu 53 Tonnen Nutzlast in einen erdnahen Orbit bringen können – zu einem Preis von etwa 2000 US-Dollar pro Kilo.

Staatliche Raumfahrtagenturen wie Nasa oder Esa sollen nicht die einzigen Kunden bleiben. Weltraumtourismus gilt als großes Geschäft der Zukunft. Suborbitale Flüge bis in eine Höhe von 100 Kilometer, bei denen die Passagiere für drei bis sechs Minuten Schwerelosigkeit erleben, könnten im Verlauf der nächsten Jahre starten. Die Firma Virgin Galactic nimmt bereits Buchungen entgegen, mehr als 400 Interessenten sollen schon für jeweils 20.000 US-Dollar Plätze reserviert haben. Das Ticket für einen Flug kostet 200.000 Dollar. Ein Datum, wann die ersten Spritztouren an die Grenze zum Weltraum vom Startplatz in New Mexico abheben werden, hat Virgin Galactic allerdings noch nicht genannt.

Doch allzu lange wird es nicht mehr dauern, denn die Konkurrenz schläft nicht. Rechtzeitig zum Gagarin-Jubiläum meldete sich die niederländische Firma SpaceLinq mit der Ankündigung, vom Flughafen Lelystad suborbitale Flüge mit bis zu fünf Passagieren starten zu wollen. Losgehen soll es im Juni 2015. Ob die Firma, die noch nicht mal eine eigene Homepage hat, diesen knappen Zeitplan wird einhalten können, bleibt abzuwarten. Auch die Ankündigung der ebenfalls in den Niederlande angesiedelten International Space Transport Association (ISTA), für den kommerziellen Raumflug das werden zu wollen, was die International Air Transport Association (IATA) heute für den Luftverkehr ist, war erst einmal nur eine Absichtserklärung.

Aber wer auch immer am Ende das Rennen macht: Die kommerzielle Raumfahrt ist da und wird die Verhältnisse im erdnahen Weltraum grundlegend verändern. Die Behauptung, damit werde das Weltall "für jedermann zugänglich", wie es in der Planetariums-Show "Der Sprung ins All – Dawn of the Space Age" heißt, ist zunächst allerdings maßlos übertrieben. Denn ausgewählt werden Astronauten auch im Zeitalter des Weltraumtourismus, es ändern sich lediglich die Selektionskriterien: Waren es bisher Qualifikation, charakterliche Eigenschaften und Gesundheitszustand, ist es nun die Verfügbarkeit finanzieller Mittel und die Bereitschaft, sie zu investieren.

Die vom niederländischen Studio Mirage3D produzierte Show läuft derzeit in Planetarien wie Jena und Hamburg. Die Animationen, mit denen sie die ersten 50 Jahre bemannter Raumfahrt Revue passieren lässt, sind durchaus beeindruckend. Irritierend ist dagegen der Soundtrack, der nicht nur mit bombastischer Musik aufwartet, sondern auch mit Steuerdüsen und Triebwerken, die im Vakuum laut zischen und dröhnen. Das ist dann doch mehr Hollywood als Wissenschaftsprogramm. Zusammen mit der kritiklosen Begeisterung für die Kommerzialisierung der Raumfahrt hinterlässt das einen sehr durchwachsenen Eindruck.

Aber vielleicht entspricht genau das der gegenwärtigen Situation der bemannten Raumfahrt am besten, die nicht genau weiß, wo sie hin will und wie sie sich organisieren soll. 50 Jahre nach Juri Gagarin ist die Raumfahrt im Umbruch. Ob zum Besseren oder Schlechteren werden die Kommentatoren anlässlich des 100. Jahrestages von Gagarins Erdumrundung besser beurteilen können. (Hans-Arthur Marsiske) / (pmz)

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