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60 Jahre Bundesnachrichtendienst: Auslandsspionage mit Inlandsproblemen

Heute vor 60 Jahren entstand aus der "Organisation Gehlen" der Bundesnachrichtendienst (BND), der zunächst westdeutsche, heute gesamtdeutsche Geheimdienst, der für die Auslandsspionage und Nachrichtenbeschaffung zuständig ist.

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BND in Pullach

Mit dem Beitritt der jungen Bundesrepublik Deutschland zur NATO wurde beschlossen, dass Deutschland einen Nachrichtendienst bekommen soll, dessen Auftrag mit der "Feindaufklärung im Osten" umschrieben wurde. So entstand aus der Organisation Gehlen, die dem US-amerikanischen Auslandsdienst CIA zuarbeitete, der Bundesnachrichtendienst.

Die Behörde widmete sich der Analyse militärischer Übungen in Osteuropa und erzielte ihren größten Erfolg mit der Einschätzung, dass die Truppen des Warschauer Pakts beim Einmarsch in die Tschecheslowakei nur den Prager Frühling beenden und nicht den Westen angreifen wollten. Die in Gefechtsbereitschaft berufene Bundeswehr konnte zum Routinedienst zurückkehren und die Soldaten ins Wochenende schicken.

Als am 1. April 1956 die US-amerikanischen Geheimdienstler aus "Camp Nikolaus" abzogen und die Organisation Gehlen die gesamte Reichssiedlung Rudolf Heß in Pullach in eigener Regie übernehmen konnte, schlug die Geburtsstunde des Bundesnachrichtendienstes (BND). Die Truppe rund um ihren Chef Reinhard Gehlen, die sich noch viele Jahre später halb scherz-, halb ernsthaft der "letzte aktive Truppenteil der deutschen Wehrmacht" nannte, war bunt gemischt.

Auf der einen Seite war der BND in seinen Anfängen ein großes Auffanglager für Generalstäbler der Wehrmacht bis zur Bildung der Bundeswehr. Mit der Entstehung dieser Truppe wechselten bis zum Jahr 1958 160 Offiziere direkt zurück in die militärische Laufbahn, wo sie Leitungsfunktionen übernahmen, wie BND-Forscher Erich Schmidt-Eenboom herausfand.

Auf der anderen Seite bot die Organisation Gehlen so manchen Angehörigen der NS-Elite und vor allem den "entwurzelten und nun mittellos dastehenden Angehörigen des Adels und des Bürgertums aus den verlorenen Ostgebieten" (Schmidt-Eeenboom) eine Heimstatt, die ihresgleichen suchte.

In der auch fotografisch dokumentierten Idylle von Pullach lebte man wie ein "Freikorps", mit "unvorstellbarer Unbeschwertheit", wie es BND-Mitarbeiter Harald Mors in seinen Erinnerungen beschrieb. Mors war früher Kommandeur der Fallschirmjäger, die den Faschisten Benito Mussolini mit dem Unternehmen Eiche befreite.

Die Geschichte des BND beginnt mit der Entlassung des Generalstäblers Reinhard Gehlen durch Adolf Hitler im April 1945. Gehlen, Chef der Auslandsaufklärungsabteilung "Fremde Heere Ost", verpackte sein Material in Kisten, um sich und seine Truppe gleich nach dem Kriege den US-Amerikanern als voll funktionsfähige Informationsbeschaffer im bald einsetzenden Kalten Krieg anbieten zu können. Das funktionierte, obwohl die CIA nicht von der Qualität des Materials überzeugt war.

Nach der Protektion durch die Amerikaner suchte Gehlen über seinen "Kanal" Hans Globke die Nähe zum damaligen Bundeskanzler Adenauer und erreichte, dass seine "Org" als Auslandsdienst eine staatliche Behörde wurde, Verbeamtung der Spione inklusive. Am erbitterten Widerstand der Briten scheiterte indes sein Plan, gleichzeitig Leiter des Verfassungsschutzes zu werden – hier wurde der zivile Widerstandskämpfer Otto John berufen.

Was die Aufklärungsarbeit des BND in der jungen Bundesrepublik anbelangte, so war sie zunächst sehr ineffektiv. Mit Heinz Felfe hatte der nicht russisch sprechende Gehlen einen KGB-Mitarbeiter zum Chef der Spionageabwehr gemacht. Besser lief es in den 60er Jahren, als der BND im west-östlichen Entspannungsprozess wichtige Hinweise liefern konnte – sehr zum Ärger Gehlens, der gegen die "Ostpolitik" wütende Pamphlete schrieb.

Doch die Leistungsfähigkeit der BNDler hatte ihre Grenzen: Als das Transitabkommen der BRD mit der DDR verhandelt wurde, verlangte der westdeutsche Chefunterhändler Egon Bahr vom BND, die DDR-Delegation zu verwanzen. Die Antwort: "Das können wir nicht so schnell." Es stellte sich heraus, dass die Technik im aufwendigen Beschaffungsverfahren erst gekauft werden musste.

Heute ist der BND stärker denn je in der Kritik. "Schuld" daran ist der US-Amerikaner Edward Snowden, der als Whistleblower Dokumente weitergab, aus denen eine engere Zusammenarbeit des US-amerikanischen Dienstes NSA mit dem BND in Umrissen deutlich wird, die noch der vollständigen Aufklärung harren und mittlerweile selbst einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss überfordern. Der derzeitige BND-Chef hält tapfer dagegen und behauptet, dass es im Zeichen des Kampfes gegen den Terror keine Alternative gibt zur Zusammenarbeit mit den USA.

Kurz vor seinem Tod wurde SPD-Veteran Egon Bahr zum Thema BND für die Dresdener BND-Ausstellung über seine Gründung 1956 zum BND und auch zur Rolle von Edward Snowden befragt. Er antwortete unverblümt: "Und alles, was US-Präsident Obama bisher gesagt hat, dass er das einstellen oder beruhigen werde – nichts ist passiert, mit der Ausnahme, dass wir die Forderungen nach einem No-Spy-Abkommen still beerdigt und eine Situation erreicht haben, in der die deutschen Dienste, einschließlich BND, so gleichgeschaltet sind, dass wir es de facto mit einem amerikanisch-britisch-deutschen – wie es weitergeht, weiß ich nicht – vernetzten Instrument zu tun haben, das jedenfalls von außen nicht kontrollierbar ist. Auch nicht durch parlamentarische Kontrolle. Das ist doch lächerlich."

Siehe dazu auch:

UNHEIMLICH – Der Bundesnachrichtendienst 1956 – 2016 (10 Bilder)

Die neue BND-Zentrale in der Chaussestraße in Berlin.
(Bild: martin lukas kim )

(kbe)