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70 Jahre Sony: Vom Reiskocher über Trinitron und Walkman zur Playstation

Am 7. Mai 2016 feiert Sony sein 70. Firmenjubiläum. Die Geschichte des Unternehmens gleicht einer Achterbahnfahrt – mehrmals stand der Konzern am Rande des Abgrunds, aktuell ist die einst als "Totsuko" gegründete Firma aber wohlauf.

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70 Jahre Sony: Vom Reiskocher über Trinitron und Walkman zur Playstation

(Bild: dpa, Kimimasa Mayama/Archiv)

Die große Party hebt man sich in Tokio wohl für den 75ten auf: Weder im Internetauftritt Sony Deutschlands noch auf der globalen Unternehmensseite sony.net findet man Hinweise auf das Jubiläum. Dabei gäbe es Grund zu feiern – zum ersten Mal seit drei Jahren schreibt man wieder schwarze Zahlen.

Super-Audio-CD-Spieler wie den SCD-XB 95 gibt es immer noch. Im Massenmarkt kam das klanglich hochwertige Format aber nie an.

(Bild: Sony)

Davon, dass Sony einmal ein Weltkonzern werden würde, dürften die Gründer Masaru Ibuka und Akio Morita nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im zerstörten Japan nur geträumt haben. Als erstes baute Ibuka erfolgreich Kurzwellenzusätze für japanische Radios. Gemeinsam entwickelten er und Morita einen Reiskocher, der eher bescheiden funktionierte – ob das Küchenutensil je in Serie ging, ist unklar.

Beides entstand aber noch nicht in dem Unternehmen, das später den Namen Sony tragen sollte. Das wurde als "Tokyo Tsushin Kogyo" (kurz: Totsuko, etwa: Tokioter Firma für Telekommunikationsentwicklung) am besagten 7. Mai 1946 gegründet. Kurz darauf beschlossen Ibuka und Morita, die damals modernen Tonbandgeräte zu bauen. Allerdings entwickelten sie zunächst in mühsamen Versuchen ein Tonband – nach der Logik, dass ein Hersteller leistungsfähigster Magnetbänder auch in der Lage war, die besten Aufnahmegeräte dazu zu entwickeln. So konstruierte Totsuku 1950 zum Band das passende Aufnahmegerät – den Typ G.

Die Trinitron-Bildröhre gab es seit 1997 als "Flat"-Version mit planer Front. Je nach Bilddiagonale brachten die TVs 70 Kilogramm und mehr auf die Waage.

(Bild: Sony)

Daneben setzte das Unternehmen früh auf den Transistor, der die in den 1950er-Jahren noch allgegenwärtigen Elektronenröhren bald verdrängte. Das Verdienst, das erste Transistorradio der Welt gebaut zu haben, verpasste Totsuko jedoch. Dafür halfen Transistoren Sony bei der konsequenten Miniaturisierung von TV-Geräten.

Die dritte Säule des Erfolgs sollte aber die Trinitron-Farbbildröhre werden. Beinahe hätte sie jedoch die Firma ruiniert: In den USA gab es seit 1953 Farbfernsehen – aber die von der RCA entwickelten Lochmasken-Bildröhren waren klobig, funzelig und unzuverlässig. Als 1961 Sonys Laborleiter Nobutoshi Kihara auf der Wissenschaftsausstellung "IRE Show" die von Ernest O. Lawrence entwickelte Chromatron-Farbbildröhre sah, war er überzeugt, den Stein der Weisen gefunden zu haben.

Längst Geschichte: Sonys Eigengewächs MicroMV hatte nie Bedeutung. Die Kombi aus Winzkassette und MPEG-2-Datenreduktion fand wenig Fans. Per Bluetooth konnte der DCR-IP 220 theoretisch auch Fotos ins Internet schicken – die praktische Umsetzung war aber Murks.

(Bild: Sony)

Doch die Chromatron-Röhre erwies sich als Albtraum: Hätte IBM seinerzeit nicht im großen Stil Sony-Aktien gekauft, gäbe es die Firma wohl nicht mehr. Irgendwann stand man vor der Entscheidung Chromatron einzustampfen und RCA-Technik zu kaufen oder einen weiteren Versuch wagen. Bildröhren-Produktionsleiter Susumu Yoshida hatte die entscheidende Idee: eine gemeinsame Elektronenlinse für alle drei Farbkanonen. Ende 1966 bauten er und sein Team sie in einen Chromatron-Fernseher – und betrachteten das schärfste TV-Bild, das sie je gesehen hatten. Der erste Trinitron-Röhren-Prototyp – jetzt mit Streifenmaske – erblickte am 15. Oktober 1967 das Licht der Welt.

In der damaligen BRD bekamen das nur Fachleute mit, denn erst 1970 wurde Sony Deutschland in Köln gegründet. Anfangs durften japanische Unternehmen in Deutschland nur TVs mit einer Röhrendiagonale bis maximal 51 Zentimeter verkaufen. Sonys Aufstieg verhinderte das nicht: Mit dem ersten brauchbaren Videokassettensystem U-matic belieferte das Unternehmen – zunächst gemeinsam mit JVC und Panasonic – institutionelle Anwender. Zum TV-tauglichen High-Band und High-Band SP bohrte Sony das System im Alleingang auf.

Einen der letzten MiniDisc-Spieler präsentierte Sony im Jahr 2003 mit dem MZ-N 10. Der durfte zwar an den PC; MP3-Musik musste aber verlustbehaftet und zeitraubend ins hauseigene Atrac-Format konvertiert werden. Zu der Zeit kamen auch die ersten MP3-fähigen CD-Portis auf; CD-Brenner waren längst im Massenmarkt angekommen, der iPod da – das war's.

(Bild: Sony)

1975 folgte dann jedoch Sonys größter Reinfall: der Betamax-Heimvideorecorder. Die Geräte waren verkleinerte U-matics – wie diese mit nur einer Stunde Spielzeit. Das rivalisierende VHS-Lager um Entwickler JVC konterte mit zwei Stunden Aufnahme und Wiedergabe. Dass Sony eiligst ein Longplay-Modell mit zwei Stunden Spielzeit nachschob, half ebensowenig wie die bessere Bildqualität. Immerhin schaffte es Sony, den professionellen Markt ab 1982 weltweit jahrzehntelang mit seinem "Betacam"-Format zu dominieren. 1991 begann Sony dann, für den europäischen Markt eigene VHS-Decks zu fertigen – und deklassierte nach Meinung vieler Experten dabei die Modelle des "VHS-Erfinders" JVC.

Vom Start weg ein weltweiter Erfolg wurde der 1979 vorgestellte Walkman, ein mobiler Compact-Cassetten-Spieler. Sony reklamierte lange für sich, das Gerät erfunden zu haben, doch schon 1977 meldete der Deutsche Andreas Pavel seinen verblüffend ähnlichen "Stereobelt" zum Patent an.

Zeitgleich zum Walkman-Start vereinbarten Philips und Sony die gemeinsame Entwicklung der Audio-CD. Gerne wird in diesem Zusammenhang berichtet, dass die CD-Spielzeit auf Wunsch des damaligen Sony-Vizepräsidenten Ohga erhöht wurde – von ursprünglich 60 (bei 11,5 Zentimetern Durchmesser) auf 75 Minuten (12 Zentimeter Durchmesser), da Ohga Beethovens 9. am Stück hören wollte. Tatsächlich behauptet der damals auf Philips-Seite beteiligte Kees A. Schouhamer Immink, dass Sony nur den CD-Fertigungsvorsprung der damaligen Philips-Tochter Polygram torpedieren wollte. So oder so fanden beide Firmen in den 1990ern immer wieder zusammen – bei der Entwicklung der Super-Audio-CD wie bei der nie veröffentlichten Multimedia-CD, dem Video-DVD-Vorläufer auf Sony-/Philips-Seite.

In den 1980ern begann man bei Sony, sich von der technischen Verliebtheit des Hauses ein wenig zu lösen – passend zum aufkommenden Motto "Content is King!". 1988 übernahm Sony das Musik-Label Columbia Records (CBS), mit dem man auf dem japanischen Markt schon vorher zusammengearbeitet hatte, 1989 folgte Columbia Pictures (heute Sony Pictures).

Ein Klassiker: das GSM-Mobiltelefon CMD-Z 5. Wie so oft war das Sony-Handy seinerzeit eines der kleinsten – und begehrtesten.

(Bild: Sony)

Doch die Verbindung brachte auch Probleme – etwa bei der 1992 zunächst verhalten gestarteten MiniDisc, die um die Jahrtausendwende eine kleine Blüte erlebte: Als MP3 zum Massenphänomen wurde, wehrte sich Sony Music (wie CBS jetzt hieß) mit Händen und Füßen dagegen, dass MiniDiscs MP3 direkt speichern konnten. Zu schlechter Letzt legte man auf dem Höhepunkt des Kopierschutzwahns 2005 dem Haus mit dem notorischen Rootkit auf nur so genannten Audio-CDs einen PR-GAU ins Nest.

Auch in der PC-Sparte war Sony früh aktiv – bei den MSX-Computern mischte man schon in den 1980ern mit; die 3,5-Zoll-Diskette stammt von Sony, ebenso wie die zahllosen Trinitron-Röhren in PC-Monitoren. Längst vergessen sind die Versuche in den 1990ern, erst mit einer Daten-MiniDisc und später der HiFD einen Nachfolger für die Diskette zu etablieren. Auch die eigenen, unter dem Namen Vaio seit 1996 angebotenen PCs sind seit 2014 Geschichte – wie seit 2010 auch die proprietären Memory Sticks.

Ungebrochen ist bis jetzt hingegen der Erfolg der 1994 erstmals in Japan angebotenen Playstation-Spielekonsole, die mittlerweile in der vierten Generation am Markt ist. (nij)

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