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9. November: Ein besonderes Kalenderblatt für Deutschland

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Heute vor 18 Jahren richtete sich die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit auf Günter Schabowski. Das DDR-Fernsehen hatte in seinem Bemühen, endlich bürgernah zu berichten, schon wochenlang sein reguläres Programm ständig umgeworfen, Demonstrationen, diverse Diskussionsrunden und Pressekonferenzen übertragen. Da erschien es zunächst nicht als eine Besonderheit, dass nun auch das Mitglied des SED-Politbüros auf einem Podium gezeigt wurde, wie es über ein Blatt Papier gebeugt leicht nuschelnd und hastig einen Beschluss der DDR-Führung "Zur Veränderung der Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die CSSR" vorlas.

Obwohl der Beschluss in dem üblicherweise kaum verständlichen Bürokratendeutsch verfasst wurde, zeigt sich insbesondere die Folgenschwere eines Passus' – "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Versagungsgründe werden nur in besonderen Ausnahmefällen angewandt." – noch am gleichen Tag, denn nachdem vor allem westdeutsche Medien diesen als Auftakt zur Maueröffnung interpretierten, strebten die DDR-Bürger zu den Grenzübergängen des deutschen Nachbarn. Unter dem Druck der Massen wurde als erstes der Grenzübergang Bornholmer Straße geöffnet. Die Mauer begann zu bröckeln.

Schon vor der Maueröffnung hatte sich jeweils an einem 9. November in der deutschen Geschichte einiges Bedeutendes ereignet, vor diesem Hintergrund wird gerne von einem "Schicksalstag" der Deutschen gesprochen. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann proklamiert 1918 an diesem Tag vom Reichstagsgebäude aus die Republik, fast zur gleichen Zeit der Spartakist Karl Liebknecht vom Berliner Stadtschloss die deutsche Räterepublik. Reichskanzler Maximilian von Baden hatte an diesem Vormittag eigenmächtig die Abdankung Kaiser Wilhelms II. verkündet und Friedrich Ebert mit den Amtsgeschäften betraut. Scheidemann hatte mit seiner Rede den Vorstellungen von einer konstitutionellen Monarchie, wie sie Ebert erwogen hatte, ein Ende bereitet.

Fünf Jahre später zieht Adolf Hitler zusammen mit General Erich Ludendorff und einer teilweise bewaffneten Gruppe zur Feldherrnhalle in München. Am Tag zuvor hatte Hitler eine "nationale Veranstaltung" des bayerischen Generalstaatskommissars Kahr im Münchner Bürgerbräukeller als Forum für seinen Putschversuch genutzt, doch der Marsch am nächsten Tag wurde durch die bayerische Landespolizei gestoppt. Er sollte nach dem Vorbild der italienischen Faschisten Auftakt eines Marsches nach Berlin sein, um die deutsche Regierung der "Novemberverbrecher" zu stürzen. Wiederum fünfzehn Jahre später ist Hitler längst an seinem Ziel. Am 9. November 1938 brennen während eines inszenierten Pogroms in Deutschland die Synagogen, jüdische Geschäfte werden geplündert, jüdische Mitbürger verhaftet, verletzt oder getötet.

Nun, am 69. Jahrestag der Pogromnacht, erhitzen sich die Gemüter an einer Aufforderung des durch die "Filbinger-Affäre" angekratzten baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger, dass aus diesem Anlass auf dem heutigen Landespresseball nicht getanzt werden sollte. Der Zentralrat der Juden wirft ihm laut einem Bericht der Stuttgarter Nachrichten Instinktlosigkeit vor, der Ball solle besser komplett abgesagt werden. Zuvor hatte sich ein evangelischer Pfarrer im Ruhestand aus Tübingen ebenso wie die israelitische Religionsgemeinde Württemberg bei der Regierung über den 9. November als Balltermin beschwert.

Die Schwäbische Zeitung kommentiert, an keinem Tag lägen in Deutschland Freud und Leid so nahe beieinander wie am 9. November. "Einen richtigen Umgang mit dem Datum gibt es nicht, sagen Historiker. Dennoch kann man viel falsch machen, wie die Kritik des Zentralrats der Juden am Landespresseball heute Abend zeigt." Ein neuer Gedenktag könne nicht gleichzeitig der Judenverfolgung wie dem Fall der Mauer gerecht werden, heißt es weiter in dem Leitartikel. Allerdings kann man auch der Meinung sein, dass wir dazu verdammt seien, ahnungslos zu ertragen, "wenn wir uns nicht erinnern, was war. Daher sollte der 9. November, der eigentliche deutsche Gedenktag, das Menetekel sein, das uns alle daran erinnert, was werden könnte, wenn wir uns nicht erinnern".

Vielleicht hätten all diese Ereignisse nicht stattgefunden, wäre am 9. November 1848 nicht der Buchhändler und Reichstagsabgeordnete Robert Blum exekutiert worden, spekuliert die Süddeutsche Zeitung. Der Münchner Historiker Professor Dr. Wolfram Siemann würdigte anlässlich einer Ausstellungseröffnung im Juni dieses Jahres im Deutschen Bundestag Blum als einen Demokraten, der seiner Zeit weit voraus war: als Autor mit Zivilcourage, konsequenten Parlamentarier, politischen Visionär, Europäer, Anhänger der Emanzipation der Juden, Repräsentant einer gleichberechtigten Partnerschaft zwischen den Geschlechtern und mutigen uneigennützigen Kämpfer.

Zu Lebzeiten sei Blum eine Art Popstar der bürgerlichen Revolution, sein Bild auf Kaffeetassen, Schmucktellern und Broschen zu sehen gewesen. "Gedichte wurden geschrieben über den Politiker, Schriftsteller und Theatermann Blum. Er galt als Deutschlands Zukunft, als ein Mann, der das Land in eine Demokratie verwandeln wollte," schreibt die Süddeutsche Zeitung. Als die Revolution zu scheitern drohte, kämpfte Blum mit der Waffe und wurde unter Missachtung seiner Immunität als Reichstagsabgeordneter am 9. November 1848 in der Brigittenau bei Wien standrechtlich erschossen. Eine Hinrichtung, die man bereits als Menetekel für die Tragödie des kurzen 20. Jahrhunderts verstehen mag: "Vielleicht hätte das Land einen anderen Weg genommen, und Deutschland wäre viel erspart geblieben." (anw)