Menü

90 Jahre Radio in Deutschland

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 89 Beiträge
Von

"Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400 Meter. (..) Die Benutzung ist genehmigungspflichtig." – so preußisch-steif begann am 29. Oktober 1923 das Radio in Deutschland (Mitschnitt als WMA-Audiodatei). Aus dem Berliner Gebäude der Schallplattenfirma "Vox" in der Potsdamer Straße 4 (heute Nummer 10) strahlte per amplitudenmodulierter Mittelwelle ein aus U-Boot-Teilen gebauter Behelfssender ins Umland – betrieben vom Telegraphischen Technischen Reichsamt. Als Empfänger diente der "Detektor", eine simple, aus Spule, Kondensator und Diode bestehende Schaltung. Das Gerät kam ohne Strom aus, die Sendeenergie reichte zum Betrieb eines Kopfhörers.

Die "Goebbels-Schnauzen" empfingen nicht nur die unter Nazi-Kontrolle stehenden Sender. Vor den Folgen der Nutzung dieser Fähigkeiten warnte daher vorsorglich ein Aufkleber.

Das Programm wurde live gesendet; einzige verfügbare Konserve waren Schallplatten. Mangels elektrischer Tonabnehmer platzierten die Tontechniker einfach ein Mikrofon vor ein Trichtergrammophon. Bis zur Entwicklung des Tonbandgeräts 1935 experimentieren die Rund-Funker aber unter anderem auch mit dem Tri-Ergon-Tonfilmverfahren, um etwa Hörspiele gestalten zu können.

Radios mit besseren Empfangseigenschaften und Lautsprechern konnten sich die meisten Deutschen lange Zeit nicht leisten. Das änderte sich erst mit dem Volksempfänger für 76 Reichsmark. Das entsprach zwar immer noch mehr als einem halben Monatslohn eines Arbeiters, das Gerät war aber deutlich erschwinglicher als andere Modelle.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam nicht nur das Ende der deutschen Hörfunksender. Auch die elektronische Industrie lag darnieder – und durfte zunächst den Betrieb nicht wieder voll aufnehmen. Max Grundig reagierte 1946 darauf geschickt mit dem Radio-Bausatz "Heinzelmann".

Auf der 4. Europäischen Wellenkonferenz in Kopenhagen verlor Deutschland 1948 die meisten Mittel- und Langwellenfrequenzen. Was zunächst wie ein Nachteil aussah, erwies sich letztlich als Glücksfall: 1950 ging die im Vergleich zu Mittel- und Langweile qualitativ überlegene Ultrakurzwelle (UKW) auf Sendung – zunächst nur im Bereich bis 100, später 104, heute bis 108 MHz. Von den gerade entstandenen öffentlich-rechtlichen Stationen wurde UKW als "Welle der Freude" beworben.

Die gab es anfangs allerdings nur in Mono. Der Sender Freies Berlin (SFB) experimentierte jedoch bereits 1958 mit Stereo-Raumklang, 1962 entschlossen sich die damals noch konkurrenzlosen ARD-Anstalten zum Umstieg auf Stereo. Bei der Umsetzung dieses Vorhabens ließen sie sich jedoch Zeit: Die beliebte Popwelle des damaligen Südwestfunks SWF 3 stellte beispielsweise erst 1980 auf Zweikanal um. Mit Stereo war das System ausentwickelt – nur Komfortfeatures wie RDS ergänzten die Technik noch.

Ende 1954 erschien in den USA mit dem Regency TR-1 das erste Transistorradio.

(Bild: Wikipedia / Gregory F. Maxwell (GFDL-1.2))

Auf der Empfängerseite ging der Fortschritt schneller: Die Halbleitertechnik ermöglichte ab Ende 1954 kompakte, transportable Geräte mit geringem Stromverbrauch und war mitverantwortlich für den Siegeszug des Radios als allgegenwärtiges Unterhaltungs- und Informationsmedium. Bis Anfang der 1980er war der UKW-Rundfunk abseits der Vinyl-Schallplatte die bevorzugte Musikquelle. Jugendliche jagten mit dem Radiorecorder ihren Hits nach, die Erwachsenen per Tonbandgerät und UKW-Tuner – der im Idealfall an einer Rotorantenne hing. Das Empfänger-Flaggschiff jener Tage war der Revox B760, ein mit 1900 Mark exklusives Vergnügen.

Viele reichweitenstarke Lang-, Mittel- und Kurzwellensender blieben nach dem Ende des Kalten Kriegs stumm. Für UKW wurden ebenfalls bereits mehrfach Termine zur Abschaltung verkündet (zuletzt 2015) – und still wieder kassiert. Denn die Digitalisierung des Hörfunks hat der Hightech-Standort Deutschland bislang gründlich vergeigt. Angefangen beim für Kabel oder Satellit gedachten DSR über ADR und das terrestrische DAB – mal war kein Interesse da, mal sabotierte die Politik die Technik. Der DAB-Nachfolgestandard DAB+ könnte die Wende für Deutschland bringen – zumindest stimmen Sendeleistung, Gebietsabdeckung und die Preise für Empfangsgeräte.

Dennoch ist der aktuell attraktivste Digitalrundfunk ein Abfallprodukt des per Kabel und Satellit verbreiteten DVB – hier gibt’s viele ÖR- wie Privatradiostationen mit vergleichsweise hoher Bitrate in MP2 (MPEG 1 Layer II), viele öffentlich-rechtliche Klassikkanäle zusätzlich in Dolby Digital und ohne Dynamikkompression.

Im Zeitalter leistungsfähiger Mobilfunknetze wird der Sinn terrestrischer Radiosender häufig bezweifelt. Aber noch ist es zu früh, die Sendemasten zu kappen. Dr. Michael Silverberg, Professor für Nachrichtentechnik an der Fachhochschule Köln erläutert: "Um flächendeckend Radioprogramme über die existierenden LTE-Netze senden zu können, müssten diese trotz Multicast-Technik extrem aufwendig und teuer ausgebaut werden. Erst mit neuen, noch zu entwickelnden Standards könnte sich diese Lage ändern." Unabhängig von den Kosten: Niemand kann Katastrophen und Kriege ausschließen. In einem solchen Fall wäre ein unabhängiges Sendernetz tatsächlich überlebenswichtig.

Das Internet scharrt mit den Hufen: Wem das begrenzte Angebot von UKW und DAB+ nicht reicht, findet im WWW unter Tausenden Radiostationen höchstwahrscheinlich eine Station, die seinem Geschmack entspricht. (nij)