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AOL-Europe heiss begehrt

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Die Vodafone-Vivendi-Allianz ist am Kauf der bislang von Bertelsmann gehaltenen AOL-Europe-Anteile interessiert. Vivendi-Sprecher Alain Delrieu ist davon überzeugt, dass das geplante Internet-Joint-Venture des britischen Telekommunikationsanbieters Vodafone AirTouch und des französischen Mischkonzerns Vivendi ein idealer Partner für AOL ist. Das Gemeinschaftsunternehmen soll gegründet werden, wenn Vodafone die Übernahme von Mannesmann gelingt.

Vivendi hält über seine Beteiligungen an dem französischen Telekommunikationsanbieter Cegetel und dem Pay-TV-Anbieter Canal-Plus bereits 55 Prozent von AOL Frankreich. Das geplante Internet-Unternehmen solle als Konkurrent für Internet-Größen wie Yahoo aufgebaut werden, berichtet heute der Wirtschaftsdienst Bloomberg. Über die Telekommunikationskunden von Cegetel und Vodafone, sowie die Abonnenten von Canal-Plus würde es 70 Millionen potenzielle Kunden erreichen. Yahoo spricht in seinem letzten Geschäftsbericht von weltweit rund 120 Millionen Nutzern.

Auf Nachfrage von c't bestätigte ein Sprecher von Vivendi, dass man an einer Zusammenarbeit mit AOL interessiert sei. Es gebe auch schon Gespräche mit AOL USA, allerdings noch keine konkreten Verhandlungsresultate. Die Frage, ob man auch schon mit Bertelsmann in Kontakt getreten sei, beantwortete der Vivendi-Sprecher vieldeutig: "Wir führen mit allen Gespräche."

Auch Bertelsmann hält sich bedeckt. Konzernsprecher Oliver Herrgesell betonte, dass das Gütersloher Unternehmen primär am Ausbau der eigenen E-Commerce-Aktivitäten und der Plazierung der eigenen Inhalte auf allen zugänglichen Plattformen interessiert ist, alles andere habe eine geringere Priorität.

Für AOL-Chef Steve Case wäre es durchaus sinnvoll, über eine Kooperation mit Vivendi und Vodafone nachzudenken. Der amerikanische Online-Dienst hält genauso wie Bertelsmann 50 Prozent der Anteile an AOL Europe. Diese Konstellation ist durch die Fusion von AOL und Time Warner brisant geworden: Seitdem sind AOL und Bertelsmann direkte Konkurrenten. Thomas Middelhoff, Chef der Bertelsmann AG, hat als Konsequenz kurz nach der Fusion von AOL und Time Warner seinen Verwaltungsratsposten bei AOL niedergelegt. Zugleich beteuerte er allerdings, dass er in Europa an einer Zusammenarbeit mit AOL festhalten will.

Ob dieser Vorsatz noch lange Bestand haben wird, ist spätestens seit dem Zusammenschluss von EMI und der Warner Music Group sowie den jüngsten Gerüchten über eine mögliche Fusion der Bertelsmann Music-Group mit Sony Music Entertainment fraglich. Allerdings bestreitet der Konzern aus Gütersloh, dass es bereits konkrete Gespräche mit Sony gebe. Doch der de-facto Aufkauf von EMI durch AOL hat die Konkurrenzsituation zwischen AOL USA und Bertelsmann verschärft.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr unwahrscheinlich, dass Bertelsmann sein Tafelsilber AOL-Europe opfert. Middelhoff jedenfalls hat zuletzt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung angedeutete, dass er den Online-Dienst nicht mehr als Kerngeschäft betrachte. (chr)