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AT&T räumt Beschneiden weiterer Konzert-Webcasts ein

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Die Unterdrückung von Bush-Kritik durch AT&T bei der Web-Übertragung eines Pearl-Jam-Konzerts ist kein Einzelfall. Dies hat der US-Telekommunikationsriese nach Beschwerden von Fans eingeräumt. Vergleichbare "Fehler" seien auch bei anderen Konzert-Webcasts passiert, die über das Streaming-Angebot Blue Room von AT&T verbreitet worden sind, heißt es bei dem Konzern. Es sei zwar nicht die Absicht der Firma, politische Kommentare aus den Übertragungen herauszuschneiden. Unglücklicherweise seien solche Eingriffe aber "in einer Handvoll Fälle" vorgekommen. Zugleich versicherte eine Firmensprecherin, die nötigen Schritte unternommen zu haben, um ähnliche Vorkommnisse künftig zu verhindern.

AT&T musste sich vergangene Woche scharfe Zensurvorwürfe von der US-Rockband Pearl Jam gefallen lassen. Die Veteranen hatten bei einem Auftritt im Rahmen des diesjährigen Lollapalooza-Festivals in Chicago bei der Darbietung des Songs "Daughter" Passagen wie "George Bush, find yourself another home" eingebaut. Diese an den US-Präsidenten gerichteten Zeilen fanden sich im AT&T-Webcast aber größtenteils nicht wieder. Vielmehr scheint es in dem Stream mehrere Sekunden lang zu einem Tonversagen zu kommen. Die Band hat inzwischen die beim Ton beschnittene und die Originalversion zum Vergleich auf ihrer Website veröffentlicht. Der Pearl-Jam-Gitarrist Mike McCready beklagt zudem, die Telekommunikationsfirma habe die Rocker in ihrem Verfassungsrecht zur freien Meinungsäußerung eingeschränkt. Wenn ein Unternehmen oder eine Person darüber entscheiden könne, was andere hören, handle es sich dabei um totalitäres Denken. McCready warnt, dass Zensur in die Diktatur führe.

Laut US-Medienberichten soll von den Schneidekünsten AT&Ts unter anderem auch das Bonnaroo Music and Arts Festival in Tennessee im Juni betroffen gewesen sein. Angeblich waren damals im Webcast Kommentare des John Butler Trios über das Versagen der Regierungshilfe während des Wütens des Hurrikans Katrina und Kritik an Bush durch die Band Flaming Lips nicht zu hören gewesen. Fans wollen zudem Unterschiede bei der Übertragung des Auftritts der Rocker von Rage Against the Machine mitbekommen haben.

Die ursprüngliche Argumentation des Telco-Giganten, nur auf den Jugendschutz bei Konzert-Webcasts zu achten, ist derweil durch eine Erklärung der von Pearl Jam mitbegründeten Initiative The Future of Music ins Wanken geraten. Die Koalition will allein beim Auftritt der Grunge-Rocker in Chicago 20 Fälle gezählt haben, in denen Bandmitglieder obszöne oder andere für Kinder nicht geeignete Begriffe unzensiert auch bei der Netzübertragung verbreiten durften. Die Leiterin der Initiative, Jenny Toomey, geht daher von einem klaren Muster von AT&T oder von der Firma beschäftigter Subunternehmer aus, die Möglichkeiten zu politischen Meinungsäußerungen einzuschränken.

Toomey nutzte die Gelegenheit auch, um auf die Notwendigkeit einer raschen gesetzlichen Festschreibung der Netzneutralität hinzuweisen: "Diese Zensurmaßnahme umreißt sehr genau die Pläne von AT&T und andere großen Telcos, sich selbst als Gatekeeper über Internetinhalte in Szene zu setzen." Die Versprechungen der Breitbandanbieter, keine Inhalte im Netz blockieren zu wollen, klängen nun hohl. Das Prinzip des offenen Internet müsse daher gesetzlich verankert werden, um die inhaltliche Kontrolle der Netzbetreiber über ihre Infrastrukturen einzuschränken. Großen US-Breitbandanbietern und einigen europäischen Carriern wie der Deutschen Telekom geht es im Streit um die vor allem Netzneutralität darum, für den Aufbau ihrer Hochgeschwindigkeitsnetze Inhalteanbieter für die zugesicherte oder besonders rasche Übertragung von Daten zur Kasse zu bitten und Inhalte mit unterschiedlichen Prioritäten zu verschicken. Verfechter strenger gesetzlicher Netzneutralitätsregeln wie Amazon.com, Google, Microsoft oder Yahoo fürchten dagegen, dass neue Geschäftsmodelle und Innovationen durch ein Mehr-Klassen-Netz behindert werden.

Zur Auseinandersetzung um die Netzneutralität siehe auch die Hintergrundinformationen und die Übersicht zur bisherigen Berichterstattung in dem Online-Artikel in c't – Hintergrund:

(Stefan Krempl) / (jk)

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