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AVIT^C3: "Frame für Frame Aktion" bei den VJs

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Bewegtbildkünstler aus aller Welt tagten von Montag bis Mittwoch erstmals am Rande des 21. Chaos Communication Congress in Berlin. Die VJs zaubern aus ihren Rechnern Visuals zur elektronischen Musik, sehen sich als mal verspielte, mal politische Botschafter in der Club-Kultur und haben insbesondere dem "alten" Medium TV den Kampf angesagt. "Wir wollen über die Clubs einmal das werden, was die Blogger für die allgemeinen News sind", sagt Falk Gärtner, Organisator der bei den Hacker mit untergekommenen AVIT^C3-Konferenz der VJs. So wie die Autoren der Online-Journale müssten die Macher der technischen, meist rein auf den Moment angelegten Bilder "Hitze erzeugen", um im Tanzschuppen Aufmerksamkeit zu erregen. Dort steht naturgemäß zunächst die Musik im Vordergrund. Das ist laut Gärtner "Hindernis und Chance" zugleich für die VJs: Es gehe darum, die eigene "Message" hintenrum in die Köpfe der Besucher zu bringen.

Zur Veranschaulichung der Arbeit der Visual Jockeys zieht Gärtner einen Vergleich mit Comics: Es herrsche "Frame für Frame Aktion, aber das Interessante passiert dazwischen in der Vorstellung des Betrachters." Ganz anders als im Fernsehen, wo jedes Detail gezeigt werde. Überhaupt haben die VJs dem Kommunikationsdesign-Studenten zufolge mit der Glotze abgeschlossen: "Die Inhalte sind schlecht, die Stationen werden von großen Firmen kontrolliert, es gibt wenig individuelle Meinungen und keine Experimente. Seit 30 Jahren sieht man dort nur die gleichen Formate." Froh ist Gärtner daher darüber, dass seine Zunft über angesagte Clubs Hunderttausende Leute pro Abend erreicht -- mit den Jugendlichen just die Hauptzielgruppe der TV-Sender.

Was genau die Bewegtbildkünstler zur Untermalung der stampfenden Beats produzieren, lässt sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. "Es gibt hunderttausend Arten zu vjen", sagt Gärtner. Die Palette reiche dank schier unerschöpflicher Rechnermöglichkeiten "von sehr narrativen Geschichten über super-abstrakt bis zu psychedelisch und Flash". Heftig diskutiert wurde auf der AVIT-Konferenz der Vorwurf, dass die VJs sich überschätzen und ihre Kunst mit reinen Bilderfluten zu sehr in den Vordergrund rücken würden. Es gebe einige Vertreter, die allein ihr Powerbook aufklappen und gedankenverloren loslegen würden, gesteht Gärtner ein. Er selbst habe ein Faible für Geschichtenerzähler, die auch Bilder aus dem Irak-Krieg zeigen oder Montagen aus TV-Nachrichten erstellen. "Es geht um mehr als 'bewegte Tapeten'", stellt er klar. Es gelte, eine Balance zu finden.

Gut verstanden haben sich die Bewegtbildmeister mit dem Hackervolk. Gärtner macht Übereinstimmungen fachlicher Natur aus: So wie die Chaosjünger seien auch die VJs "sehr anarchisch" und würden jegliche Medienkontrolle ablehnen. "Jeder darf bei uns alles machen bis hin zum Sampling", freut sich der Student. Eine Auseinandersetzung um Urheberrechte habe es in der "globalen" Szene, die sich online etwa um die etwa 7000 registrierte Nutzer zählende Plattform VJCentral formiert, noch nie gegeben.

Auf der Softwareseite stehen den VJs, die ihre Zentren in Deutschland in Großstädten wie Berlin, Hamburg, München oder Frankfurt haben und aus den meisten Clubs nicht mehr wegzudenken sind, bereits eine ganze Reihe an Werkzeugen zur Verfügung. Die Auswahl besteht beispielsweise zwischen kompletten Programmieroberflächen wie Max/MSP/Jitter oder der Open-Source-Umgebung Pure Data und einer Reihe einfacher zu bedienender vorgefertigter Applikationen. Zu den wichtigsten gehören für den Mac VDMX und Modul8. Für Windows-PCs verfügbar sind unter anderem Resolume und VJamm. Zum VJ-Rüstzeug gehören ferner diverse Effektgeräte.

Die Geschichte der den Sound begleitenden Bewegtbildkultur lässt sich bis zu 150 Jahre zurückverfolgen. "Mit schrägen Maschinen, Klavieren mit Klappen und Kerzen" hätten die Vorfahren der heutigen VJs in England damals losgelegt, erzählt Gärtner. Eine Dampfmaschine habe damals die Bässe gemacht. In den 1970ern zählt er Videokünstler zu den Pionieren der Zunft. Damals funktionierte man vor allem alte Röhren aus Fernsehern um und nahm diese dann wieder mit einer Kamera auf, um musiksynchrone Visuals zu erhalten. Mit der Einführung von MTV starb die "Live Video"-Szene zunächst fast aus, erlebte dann im Zuge der Blütezeit elektronischer Musik und dem Aufkommen schnellerer PCs in den Neunzigern Jahren ihr Revival und schwang sich laut Gärtner zur "letzte Bastion der freien Bewegtbilder" auf. (Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (jk)

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