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Acceptable Ads: Nervige Werbung trotz Adblock Plus?

Weiterleitungen zu Online-Kasinos und Pornospielen - die Whitelist von Adblock Plus lässt nicht nur "nicht nervende Werbung" durch, wie "Mobilegeeks" dokumentiert.

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Stop-Schild

Das Acceptable Ads-Programm des Adblock-Plus-Entwicklers Eyeo ist wieder zum Ziel der Kritik geworden. Konkret geht es um so genannte Parking-Domains, die offiziell zum Verkauf stehen und in der Zwischenzeit durch Werbeeinblendungen Umsätze machen sollen. Mehrere Domains leiteten Besucher teilweise an nicht jugendfreie Angebote weiter – trotz eingeschaltetem Werbefilter.

Der Domain-Dienstleister Sedo ist der Teil des "Acceptable Ads"-Programms. Das heißt: Sedo darf auf den geparkten Domains Werbung an die Benutzer der Werbeblocker ausliefern, die sich an dem Whitelist-Programm beteiligen. Eigentlich sollen nur wenig aufdringliche Werbeformen wie Textwerbung oder einfache Banner durch die Whitelist geleitet werden.

Wie das Techblog Mobilegeeks dokumentiert, werden auf den bei Sedo geparkten Domains auch wenig subtile Domainweiterleitungen eingesetzt. Wer die beiden von Mobilegeeks gefunden Domains ansurfte, landet immer wieder auf anderen Webseiten – im Test von heise online waren relativ harmlose Angebote darunter, aber auch eine Casino-Webseite und ein explizites Porno-Spiel mit nicht-jugendfreier Startseite.

Andere Werbeblocker warnen vor den Domainweiterleitungen.

Möglich wird dies, weil Sedo über einen so genannten "Sitekey" von Adblock Plus verfügt. Damit kann der Kölner Anbieter alle Parking-Domains gegenüber den Werbeblockern als Träger akzeptabler Werbung identifizieren und muss nicht jede einzelne Domain, jeden Adserver und Werbeplatz einzeln freischalten.

Auf Anfrage von heise online teilt das Unternehmen mit, dass die Weiterleitungen zum normalen Geschäft von Sedo gehörten und die Vereinbarung mit Eyeo nicht beträfen. "Eine Weiterleitung ist keine Werbeanzeige", erklärt ein Unternehmenssprecher. Anders als Mobilegeeks nahelege, führten die Umleitungen nicht zu Phishing- oder Trojaner-Seiten. "Für Feedback stehen wir jederzeit zur Verfügung und überprüfen gern die Qualität der Weiterleitungsziele unserer Vermarkter", ergänzt Sedo.

In den offiziellen Kriterien für Acceptable Ads steht zwar kein explizites Verbot von Domainweiterleitungen, aber die Aufforderung, dass Werbung als solche ausgewiesen werden muss. Den Inhalt einer Webseite dürfen "akzeptable Werbungen nur eingeschränkt verdecken – allerdings haben die geparkten Domains keine Inhalte im eigentlichen Sinne. Inwieweit die Weiterleitung auf den Sedo-Seiten gegen die Richtlinien entsprechen, hat Eyeo auf Anfrage von heise online bislang nicht beantwortet. Andere Werbeblocker machen mit dieser Werbeform kurzen Prozess. UBlock Origin zeigte sogar eine explizite Warnmeldung, um den Nutzer aufmerksam zu machen.

Mobilegeeks-Autor Bernd Rubel wirft den Adblock-Plus-Entwicklern Käuflichkeit vor. "Wer zahlt, bestimmt die Regeln und bei Adblock Plus gilt das offenbar im doppelten Sinne: Denn hier bestimmt nicht nur der zahlende Whitelist-Kunde die Regeln, sondern auch der Hauptinvestor der Eyeo GmbH selbst", schreibt Rubel. Tatsächlich ist Sedo-Mitgründer Tim Schumacher einer der Hauptinvestoren der Firma Eyeo – das Unternehmen wurde auch als einer der ersten Kunden in die Whitlelist aufgenommen. Schumacher tritt inzwischen auf Messen und Branchenevents als Vertreter von Eyeo auf.

Die neuen Vorwürfe kommen dem Hersteller von Adblock Plus ungelegen. Gerade hatte Eyeo Vertreter der US-Werbeindustrie zu einem Meeting in New York geladen, um deren Bedenken gegen das "Acceptable Ads"-Programms auszuräumen. Der Plan: Gemeinsam mit Industrievertretern soll ein neues Gremium gegründet werden, das künftig festlegen soll, welche Werbung "akzeptabel" ist und damit durch die beteiligten Werbeblocker geschleust werden kann. Gleichzeitig versucht Eyeo andere Hersteller von Werbeblockern zur Übernahme der Whitelist zu gewinnen.

Bei den Werbern stößt die Charmeoffensive bislang auf wenig Begeisterung: Zum einen erscheinen ihnen die Kriterien zu willkürlich und restriktiv, zum anderen sehen sie in dem Versuch, sich die Freischaltung von akzeptabler Werbung bezahlen zu lassen, als Erpressungsversuch. Zwar hat mittlerweile auch das Interactive Advertising Bureau Fehler eingestanden, will sich aber nicht vorschreiben lassen, welche Werbung akzeptabel ist und setzt stattdessen auf die aktive Bekämpfung von Adblockern.

Dennoch hat das Acceptable Ads schon eine erstaunliche Reichweite - Großkunden wie Google, Amazon und United Internet machen es möglich. In einer kürzlich veröffenlichten Untersuchung (PDF-Datei) stellten vier Forschern an der Pennsylvania State University fest, dass inzwischen über 3500 Domains per Whitelist explizit freigeschaltet wurden. Hinzu kommen über 2,6 Millionen geparkte Domainnamen. Ein Drittel der vom Statistik-Dienstleister Alexa ermittelten Top 100-Domains stehen auf der Whitelist.

In einer Online-Umfrage versuchten die Forscher zudem zu ermitteln, wie Nutzer die von Adblock Plus freigeschaltete Werbung empfinden. Bei einer Werbeform lag die Ablehnung der Nutzer bei bis zu 90 Prozent. "Diese Werbung freizuschalten scheint also den erklärten Zielen des Programms zu widersprechen", schließen die Forscher. Allerdings warnen sie davor, die Ergebnisse überzubewerten. Insgesamt stimmen die Forscher der Zielrichtung des Acceptable Ads-Programms zu, empfehlen aber die Transparenz des Freischalteprozesses zu erhöhen und insbesondere die finanziellen Beziehungen Eyeos offenzulegen. Sitekeys sollen nach Meinung der Autoren abgeschafft werden, da sie zu intransparent seien.

[UPDATE, 6.11.2015, 10:00]

Gegenüber heise online bestreitet Eyeo-Geschäftsführer Till Faida einen beabsichtigten Zusammenhang. "Redirects sind nicht Teil von Acceptable Ads uns es wurden auf der Whitelist keine Filter zur Freischaltung von Redirects hinzugefügt." Grund für die angezeigte Werbung sei ein fehlerhaft eingebundes Skript bei Sedo gewesen, das sich bei Nutzern mit eingeschalteter Whitelist anders ausgewirkt habe als bei anderen Nutzern ohne Whitelist.

Das Fehlverhalten sei nicht aufgefallen, weil es ein seltener Fall sei und zudem kein Nutzer das Problem gemeldet habe. Faida zeigte sich optimistisch, dass die Autoren der in Adblock Plus eingebundenen Sperrlisten solche Weiterleitungen in Zukunft unterbinden. Bei Tests von heise online mit aktualisierten Filtern traten die Redirects nicht mehr auf. (Torsten Kleinz) / (jo)

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