Menü

Ach, Du liebes Internet: Eine Beschimpfung – und ein Kommentar zur Upload-Filter-Debatte

Die Beschlüsse im EU-Parlament zur EU-Copyright-Reform lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Der Film-Komponist Matthias Hornschuh hat eine andere Sicht.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 553 Beiträge
Upload, Internet, Notebook, Diskussion, Kommentar, Vernetzung

(Bild: Pexels, gemeinfrei )

Inhaltsverzeichnis

Achtung, liebes Publikum, das Internet geht kaputt, schon wieder. Sie wissen schon: Uploadfilter mit toxischen Nebenwirkungen! Überwachung! Zensurmaschine! Linksteuer! ... Schlimm, was die EU da mal wieder macht, völlig ahnungslos, klar: #neuland. Und wofür das Ganze: Urheberrecht?! Ach, komm...

Ich schätze, das ist Ihnen vertraut. Im Wortlaut sogar.

Mir auch. Leider. Ich bin Komponist. Ich muss leben von diesem für Sie bedauerlicherweise lästigen Recht. Der Musikstudie von 2015 zufolge erwirtschaften deutsche Musikautoren rund zwei Drittel ihres Gesamteinkommens durch Nutzungsvergütungen. Das abstrakteste Wertschöpfungsmodell, das es derzeit wohl gibt, ist für Menschen wie mich unverzichtbar und unersetzlich.

Ein Kommentar von Matthias Hornschuh

Bild: Matthias Hornschuh / Sebastin Linder

Matthias Hornschuh lebt und arbeitet in Köln als Komponist mit Schwerpunkt Film, TV, Radio. Er ist Vorsitzender des Berufsverbands mediamusic e.V., Vorstandsmitglied verschiedener weiterer Verbände und seit einigen Wochen Mitglied im Aufsichtsrat der GEMA.

Aber wir waren ja bei wichtigeren Dingen; Internet kaputt, und so. Ich hoffe, Sie sind angemessen erregt. Sie und ich, wir haben darin ja schon einige Erfahrung, also lassen Sie uns doch bitte den Weltuntergang handhaben wie gewohnt: Sie klicken da, ich hier, wir rufen uns ein paar obszöne Kommentare hinterher und alles geht seinen Gang, bis dann, in etwa etwa einem halben Jahr, exakt dieselben Protagonisten erneut den Internetuntergang verkünden und Sie erneut eine Petition zeichnen werden. Alles dann immer noch im Internet, versteht sich.

Wir drehen uns im Kreis. Und das seit geschlagenen zwei Dekaden. Dabei geht es hier um nicht weniger als die Frage, wie wir gesellschaftliche Diskurse organisieren und zu welchem Interessenausgleich wir am Ende bereit sind.

Für uns, die wir das hier lesen (oder geschrieben haben), ist das Netz ein wichtiger, unverzichtbarer und längst irgendwie organischer Raum unserer Lebensgestaltung. Ja, auch für mich; vom Aufwachen bis zum Einschlafen.

Menschlicher Lebensraum zeichnet sich dadurch aus, dass er gestaltet ist. Das nennen wir Kultur: der von Menschen gestaltete Teil ihrer Umwelt. Das Netz ist nicht nur von Menschen gestaltet, es wurde sogar von ihnen erfunden. Wenn's im Netz nicht läuft, dann haben wir das verbaselt. So gesehen ist es wohl auch an uns, es wieder zu richten. Genau das wird seit einiger Zeit in Brüssel versucht, in Form des Groß-, nein, Megaprojekts "Digitaler Binnenmarkt". Der große aktuelle Aufreger ist ein kleines Teilprojekt davon.

Was zur Zeit in Brüssel gebacken wird, vielleicht haben Sie es ja mitbekommen, ist kein "Presseleistungsschutzrecht+Uploadfilter-Erlass", sondern eine Urheberrechtsrichtlinie. So wird es aber nicht behandelt. Das Urheberrecht ist – vor allem anderen – das grundrechtlich verbriefte und nicht-aufgebbare Recht der Urheber. In wie vielen Artikeln der vergangenen aufgeheizten Wochen aber ist Ihnen auch nur ein einziger Urheber untergekommen? Gar zu Wort gekommen? Das kommt quasi nicht vor. Denn wir sind kompliziert: "Das verstehen unsere Leser/Zuschauer/Hörer nicht!"

Ansichten zur EU-Copyright-Reform

Die EU-Copyright-Reform wird mit Upload-Filtern und einem EU-weiten Leistungschutzrecht verbunden. Das sorgt für sehr geharnischte Kommentare.

Wirklich? Professionelle Urheber wissen, wie kurz der Weg von Überforderung über Forderung zu beglückender Erfahrung ist. Man sollte sein Publikum nicht unterschätzen. Andernfalls wird das möglicherweise, schneller als einem lieb ist, empfänglich für, nun, grobe Vereinfachungen, um ein anderes #TrendingTopic hier zu vermeiden. Was ein solches entwöhntes Publikum verstehen soll, das muss in Großbuchstaben mit Ausrufezeichen und in Bunt daherkommen; ohne große Erklärungen oder gar Belege im Originaltext – das lenkt nur ab. Dann noch ein "empört mich!"-Button und, natürlich, ein Claim (Originalität ist überbewertet!): Das Internet geht kaputt! So nimmt man Brüssel im Sturm – und das soll die Demokratie der Zukunft sein?

Anzeige
Anzeige