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Ach, Du liebes Internet: Eine Beschimpfung – und ein Kommentar zur Upload-Filter-Debatte

Identitätsstiftend für Demokratie

Inhaltsverzeichnis

Diskurs, Auseinandersetzung, Sich-Einlassen, Dialektik, die Trennung von Sach- und Beziehungsebene, eigentlich alles, was in irgendeiner Form darauf angelegt wäre, das Gegenüber in der politischen Kommunikation nicht zu beschädigen, was Demokratien funktional macht: Das alles geht anders. Das hier hingegen geht gar nicht.

Über Urheberrecht, überhaupt über legitime Partikularinteressen mit drastischer Relevanz für unser Gemeinwohl zu diskutieren, ist längst weitenteils unmöglich geworden. Im unendlichen Gebrüll sind die leisen Stimmen nicht zu hören; sie zu hören und zu berücksichtigen ist aber ist eine identitätsstiftende Vorgabe unserer Demokratie. Die aktuelle Kampagne ist so unglaublich schamlos, so schäbig, so unerträglich verantwortungslos und in so vieler Hinsicht falsch, dass es mir schwer gefallen ist, diesen Text zu schreiben ohne persönlich ausfallend zu werden.

Dabei ist das Thema persönlich. Verdammt persönlich, sogar, denn hier geht es um die Gesellschaft und um Grundrechte:

um diejenigen aller – Freiheitsrechte vor allem, Meinung, Kunst, Presse, des Ausdrucks etc.;

  • um diejenigen aller – Freiheitsrechte vor allem, Meinung, Kunst, Presse, des Ausdrucks etc.;
  • um diejenigen einer Teilmenge, nämlich der Urheberinnen und Urheber, der Interpretinnen und Interpreten und ihrer administrativen, teils symbiotischen Partner.

Diese übrigens gar nicht mal so kleine Teilmenge, meine Kollegen und ich, die wir jahrelang dafür gekämpft haben, dass es statt Digital-Wild-West endlich überhaupt mal eine urheberrechtliche Regelung gibt, sind nun wirklich die letzten, die irgendein Interesse an Einschränkungen der Kunst, Meinungs-, Presse-, Ausdrucksfreiheit etc. haben könnten. Wir schaffen Kunst. Wir schöpfen Kultur- und Medieninhalte. Wir leben in dieser Freiheit und von ihr, wir kämpfen für sie (etwa die großartigen Kolleg*innen vom PEN-Zentrum Deutschland) und wir würden sie um keinen Preis dieser Welt aufgeben. Außerdem haben weder wir noch unsere uns sehr eng verbundenen Partner irgendeinen Vorteil davon, irgendwen auszuspionieren (ganz im Gegensatz zu den Plattformen, übrigens).

Jeder Monat, den wir in diesem Prozess verlieren, ist ein weiterer Monat, in dem parasitäre Plattformen sich auf unsere Kosten mästen. Ein weiterer Monat, in dem Nutzungen stattfinden, ohne Genehmigung und ohne Vergütung. Ein Monat, in dem sich das irrlichternde Gewohnheitsrecht das doch wohl dürfen zu müssen zur verstiegenen Behauptung entwickelt, das alles habe irgendetwas mit "Meinungsfreiheit" zu tun ... "Grundrecht auf Game of Thrones"? Hatten wir schon mal. Kann wegfallen. So wie all die unerträglichen Lippenbekenntnisse von ahnungs- und haltungslosen Politikern, von wahnsinnig verständnisvollen Netzaktivisten, die schon immer besser als wir wir wussten, was für uns gut wäre, ohne verstanden zu haben, wie das, was wir tun, eigentlich funktioniert. Es reicht!

Es gibt ein Recht. Das Urheberrecht ist ein Teil davon. Unser Recht gilt sowohl analog als auch digital.
Wir – die Gesellschaft – werden entscheiden müssen, ob das Recht Recht bleiben – oder aber Befindlichkeiten weichen soll. Ob wir die Rechtsordnung für die Onlinewelt außerkraftzusetzen bereit sind.

Es ist gottverdammtnochmal an der Zeit, dass sich jetzt mal Andere locker machen. Wir haben das viel zu lange getan. Man hat uns viel zu lange sitzen lassen und plüschige Blümchennarrative drum herum geflochten, von wegen "Sharing is Caring". Was da aber geshared wurde, das war unser Eigentum. Das war für viele von uns die einzige Erlösquelle. Das war für uns Inhalt unseres Lebens und Arbeitens und für die Gesellschaft letzter nachwachsender Rohstoff und unverzichtbarer, identitätsstiftender Kitt - sonst hätte man ja nicht so intensiv darum streiten müssen: Wir komponieren Eure Tränen!

EU-Copyright-Reform: Upload-Filter und Leistungsschutzrecht

Es ist an der Zeit, dass uns Hilfe nicht verwehrt, sondern unterbreitet wird, und zwar solche, die mit den Grundsätzen unseres Rechts vereinbar ist. Wir sind als Opfer der Zustände nicht für deren Lösung zuständig.

Wir sind systemrelevant. Und jetzt holen wir uns endlich unseren Teil vom Kuchen zurück. Wenn das bedeuten sollte, dass zukünftig das eine oder andere bislang unlizenzierte Angebot nicht mehr funktioniert: Sei‘s drum. Wir hören nun seit mittlerweile 20 Jahren das Lied vom "fairen Ausgleich". Wir kennen den Refrain; in dem geht es darum, dass wir auf unsere Ansprüche verzichten sollen. Für eine gute Sache, versteht sich. Gesungen wird das Lied von genau denjenigen, die gerade mal wieder behaupten, "ihr Internet" ginge kaputt.

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