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Ade CeBIT: #4191 sagt Tschüss

Die Cebit ist tot – Zeit für einen Rückblick. Detlef Borchers erinnert sich an seine Geschichte mit der IT-Messe und weiß auch, wann das Ende begann.

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Ade CeBIT: #4191 sagt Tschüss

Auf der CeBIT 1988

(Bild: Deutsche Messe)

Wer wie ich in Hannover geboren und aufgewachsen ist, lernt früh den ungeheuren Malstrom namens "Messe" kennen. Mein heiß erkämpftes erstes eigenes Zimmer musste für Messegäste geräumt werden, die ganze Familie zog in den Keller. "Das ist unser Urlaub", sagte mein Vater, wenn besoffene Messegäste in mein Zimmer torkelten. In der Oberstufe zog ich selbst ins Zentrum dieses Strudels und jobbte in den 70ern auf der Hannover-Messe Industrie, zwei Mal sogar im "Centrum für Büro- und Informations-Technik" der seltsamen Halle 1, aus der 1986 die eigenständige CeBIT wurde. Das war mein Urlaub, denn so wurde die Interrail-Karte finanziert.

Zwei CeBIT-Gäste mit ihrer "Messe-Mutti" im Jahr 1992

(Bild: Udo Heuer/Deutsche Messe)

Die erste CeBIT besuchte ich nach langer Abwesenheit von Hannover als Hilfesuchender, denn ich hatte mir nach dem Kampf mit einer 250 Seiten langen Magisterarbeit für die akademische Karriere einen britischen Apricot PC zugelegt und suchte nach einem Drucker, mit dem das nicht ganz so PC-kompatible Ding das ausdruckte, was ich schrieb. Es endete in einem totalen Fiasko, einerseits. Andererseits gab es Leute, die für Artikel Geld bezahlten, in denen man beschrieb, wie die serielle Schnittstelle mit ihren Leitungen geschaltet werden musste, damit ein Typenrad-Drucker korrekt stoppte.

Von dieser ersten CeBIT ist mir die Vorstellung des Compaq-Schlepptops in Erinnerung geblieben, dem Computer, mit dem die Welle der IBM-kompatiblen Rechner einsetzte, die das enorme Wachstum der CeBIT möglich machte.

30 Jahre CeBIT (5 Bilder)

Im "Centrum der Büro- und Informationstechnik" auf der Hannover Messe gab es anfangs vor allem Büromaschinen zu sehen, von der Schreibmaschine bis zur Kuvertieranlage.
(Bild: Messe AG)

So tauchte ich erst auf der CeBIT 1987 als Journalist auf und bekam die Nummer 4191, die ich bis zur nunmehr letzten CeBIT in diesem Jahr behielt, da sequentiell hochgezählt wurde und niedrige Zahlen bald als Ehrentitel galten. Als Journalist auf der CeBIT zu sein, war einfach: ein später hoch ins Management aufgestiegener Microsoft-Manager wurde als Vertreter der Zeitschrift "Multiplan" in die Messehallen gelassen. Als Journalist auf der CeBIT zu bleiben, war schon schwieriger.

In jenem Jahr bekam ein Journalist aus dem Hause Data Becker "Standverbot", weil er den "Starwriter" des jungen deutschen StartUps Star Division als unfertiges Programm kritisiert hatte. Bis zum Verkauf von Star Division an Sun Microsystems hielt der Chef Marco Borries auf der CeBIT alljährlich legendäre Pressekonferenzen ab, auf der regelmäßig die Presse für ihre fehlerhafte Berichterstattung und Microsoft-Gläubigkeit abgewatscht wurde.

45 Jahre Halle 1: Keimzelle der CeBIT (12 Bilder)

Messegelände von oben

Im Vordergrund die Halle 1 mit den markanten "Trelementen" auf dem Dach. Die Parkhäuser an der Nordseite (im Bild unten) kamen später dazu. Die 1969 gebaute Halle sollte der Bürotechnik auf der Hannover Messe eine neue Heimat geben. (Bild: Ballon-sz.de / CC BY-SA 2.0 de )

Die Messe entwickelte sich rasant, weil erstens jeder Aussteller zugelassen wurde, der auch nur entfernt etwas mit neuer "Bürotechnik" zu tun hatte und alle wirklich alle Besucher willkommen waren, dieses Neuland zu bestaunen. So mancher gestandene heise-Autor hat als "Beutelratte" auf der CeBIT angefangen, sich für Computertechnik zu interessieren. Aussteller honorierten dies mit Premieren. Die ersten Rechner mit Pentium-Prozessor tauchten auf der CeBIT 1993 auf und zwangen c't-Redakteur Andreas Stiller noch in der ersten Messenacht mit einer dieser Kisten unterm Arm zur Redaktion zu fahren und zu testen.

Mobiltelefon auf der CeBIT 1990

(Bild: Ralf Decker/Deutsche Messe)

Der erste Farb-Laptop (von Zenith), der erste "Privatfunk" (Mannesmann D2) oder das erste Smartphone hatten so ihre Auftritte, von zahllosen Druckern und anderem Zubehör ganz abgesehen. Manches wurde glamourös aufgezogen, etwa die Vorstellung des Newton durch Apple, die mehr an eine Modenschau erinnerte, manches war unspektakulär wie die Vorstellung der Voice-over-IP-Telefonie von Vocaltech am Stand von NCR, wo man nur "etwas interessantes" zeigen wollte.

Apropos Internet: Es war die CeBIT, auf der im Jahre 1996 vom Forschungsminister Jürgen Rüttgers die Initiative "Schulen ans Netz" gestartet wurde, damit "Online-Multimedia" zum Schul-Alltag gehören kann.

1998 ergänzte Rüttgers seine Initiative auf der "CeBIT Home" mit der Forderung nach reduzierten Internet-Tarifen speziell für Schüler, damit Deutschland nicht den Zug ins Netz verpasst. Die CeBIT Home war angesichts gestiegener Besucherzahlen der Versuch der Messe-Gesellschaft, die Fachbesucher und die beuteltragenden Erlebnis-Besucher zu trennen. Das klappte nicht und so wurde die CeBIT Home nach zwei Jahren eingestellt. Stattdessen besiegelte diese Trennung zwischen Fun und "seriöser IT" letztendlich den Abstieg der Messe.

Einschneidend war diese Trennung des Publikums, als nach Protesten von Microsoft die "Herstellung des Messefriedens" dadurch betrieben wurde, dass Sony ein Ausstellungsverbot für seine neue Playstation bekam und nie wieder in Hannover gesehen wurde. Gleichzeitig wurden die Ticketpreise drastisch erhöht, um die "Beutelratten" abzuschrecken. Doch das Konzept ging nicht auf, weil thematisch engere Messen wie die 3GSM in Barcelona ganze Themenwelten unmittelbar vor der CeBIT präsentierten und das Publikum mit einer jährlichen Gute-Laune-Show auf der IFA in Berlin bedient wurde.

Seit 2007 gibt es die CeBIT-Krise, die man mit einer Bündelung von Kongressen und der Fachbesucher-Ausstellung bekämpfte. Mit Themen wie der Shareconomy wollte man neben den IT-Fachbesuchern die "Entscheider" anderer Branchen nach Hannover holen, doch die blieben wegen der Hannover-typischen Messepreise, dem kalten Wetter und den allzu simpel gestrickten Modethemen aus.

(mho)

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