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Adoption per Web-Katalog

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"Ileana wurde bei ihrer Geburt verlassen". Mit diesem Satz und einem Foto hat die amerikanische Agentur Adoption Advocates International ein neunjähriges Mädchen aus Rumänien im Internet vorgestellt. In den USA ist längst übliche Praxis, was in Europa bis heute verpönt ist: Die Nutzung des Internet zur Vermittlung von Kindern, die verzweifelt auf neue Eltern warten.

"Die Menschen müssen einfach wissen, dass diese Kinder existieren", sagt Gloria Hochman vom National Adoption Center in Philadelphia. Diese Wohltätigkeitsorganisation wird mit staatlichen Geldern finanziert. Hochman betont, dass man sich besonders um schwer vermittelbare ältere Kinder kümmere, die wegen ihrer Behinderungen oder Verhaltensstörungen nur sehr selten aus dem Waisenhaus herauskommen. Prinzipiell sei auch eine Vermittlung der Kinder an Eltern aus dem Ausland möglich; die Eltern müssen allerdings in den USA als Bewohner mit fester Adresse registriert sein, betont Hochman. Dies ist immerhin ein kleiner Hoffnungsschimmer für adoptionswillige deutsche Paare. Die in Deutschland üblichen Altersbeschränkungen für Adoptionseltern etwa gelten in den USA nicht. Die Regeln zur Festlegung einer Residency sind in jedem Bundesstaat unterschiedlich und oft nicht sehr streng; in Arkansas etwa reicht bereits ein 30-tägiger Aufenthalt.

Die Kritik an der Kinderpräsentation im Internet wächst allerdings auch in den USA. Adoptionsrechts-Experten wie die kalifornische Professorin Joan Hollinger weisen auf einen "bedauerlichen Mangel an Privatsphäre" hin. Die Fotos sind meistens mit ausführlichen Beschreibungen versehen, die auch psychische oder körperliche Probleme der Kinder betreffen. "Kaum ein Erwachsener würde von sich Privatfotos zusammen mit medizinischen Informationen online präsentieren", argumentiert Hollinger.

Vermittler wie das National Adoption Center versuchen bereits, auf die Wünsche älterer Kinder einzugehen. "Wenn ein Junge oder ein Mädchen keine ausführliche Beschreibung wünscht, dann lassen wir das natürlich", versichert Hochman. Sie will weiterhin an der Online-Veröffentlichung festhalten. Gleichzeitig aber warnt sie wie viele andere Experten auch vor unseriösen Vermittlern. "Es gibt einen akuten Mangel an vermittelbaren Neugeborenen und Säuglingen, und in diesem Bereich erhalten dann leider Internet-Adoptionen ihren schlechten Ruf", sagt Hochman.

Internationales Aufsehen erregte der Streit um die amerikanischen Zwillinge Kimberley und Belinda. Sie wurden im vergangenen Jahr im Alter von sechs Monaten via Internet an das meistbietende Elternpaar vergeben an die britischen Anwälte Judith und Alan Kilshaw, die insgesamt 11.700 Dollar "Vermittlungsgebühren" zahlten. Nach monatelangem Gezerre zwischen den Briten und einem anderen adoptionswilligen Paar aus Kalifornien griffen die Sozialbehörden auf beiden Seiten des Atlantiks ein. Kimberley und Belinda wurden aus dem Haus der Kilshaws geholt und auf Drängen ihrer leiblichen Eltern zurück in die USA gebracht.

Der Internet-Adoptionsmarkt für Babys kann in den USA auch deshalb blühen, weil Geschäftemacher geschickt Gesetzeslücken ausnutzen und ganz legal einen "Finderlohn" kassieren, wenn sie schwangere Frauen und adoptionswillige Paare zusammen bringen. In vielen Bundesstaaten darf sich jedermann zum Adoption Facilitator ernennen, ohne die Regeln beachten zu müssen, die für Vermittler mit staatlicher Lizenz gelten.

In diesem ganz alltäglichen Geschäft machen nur noch besonders dreiste Betrüger Schlagzeilen. In Philadelphia kassierte Sonya Furlow über ihre Agentur mit dem rührenden Namen Tenderhearts (Zarte Herzen) 215.000 Dollar von insgesamt 44 adoptionswilligen Paaren. Nur ein einziges Kind wurde vermittelt. Die Täterin sitzt zur Zeit eine knapp vierjährige Haftstrafe ab, weil sie für kassiertes Geld keine Leistungen erbrachte. (Tilman Streif) / (em)