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Ahnenforschung mit Algorithmus: Geschichte von unten

Historiker setzen verstärkt digitale Techniken ein und übernehmen auch Konferenzformen aus der Netz-Szene: In Mainz kommen Interessierte zu einem "Histocamp" zusammen, einer ergebnisoffenen Konferenz für neue Ansätze der Geschichtswissenschaften.

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Ahnenforschung mit Algorithmus: Geschichte von unten

Digitalisierung und soziale Netzwerke machen den Weg frei für eine Geschichtswissenschaft von unten. "Wir wollen mehr Menschen ermöglichen, sich an historischen Projekten zu beteiligen", sagen die Veranstalter des zweiten bundesweiten "Histocamps", eines Historiker-Treffens zur Vernetzung von Initiativen und Projekten. Dazu kommen am Freitag und Samstag rund 170 Menschen im Mainzer Rathaus zusammen.

Das Treffen ist als Barcamp organisiert, einer ergebnisoffenen Konferenz, deren Programm von den Teilnehmern selbst entwickelt wird und Raum lässt für spontane Impulse. Was zunächst vor allem von Programmierern und Netzaktivisten praktiziert wurde, haben junge Historiker übernommen und im vergangenen Jahr in Bonn den Verein Open History gegründet, der sich "eine aktive und öffentliche Geschichtswissenschaft" auf die Fahnen geschrieben hat. Anstöße dazu kommen aus der zunehmenden Digitalisierung historischer Quellen wie Kirchenbüchern mit der Aufzeichnung von Geburten, Heiraten und Sterbefällen.

"Wir wollen einen hierarchiefreien Austausch gewährleisten und so die Kluft zwischen akademischen Strukturen und den vielen an Geschichte interessierten Menschen schließen", sagt der stellvertretende Vereinsvorsitzende Wenzel Seibold. Die große Zahl von Zuschauern bei manchen Fernsehsendungen belege ein verbreitetes Interesse an der Geschichte. "Wir wollen aber, dass die Menschen nicht nur passive Zuschauer sind, sondern auch teilhaben können und sich mit Fragen und Ideen einbringen können."

Eines der bereits vorgeschlagenen Konferenzthemen ist unter dem Stichwort "Historygaming" die Rolle von Archäologie und Antike in Computerspielen. In einer anderen Session geht es am Beispiel des Ersten Weltkriegs in Rheinland-Pfalz um die Darstellung historischer Inhalte auf einer Web-Plattform.
"Wenn ich sage, dass ich mich für Geschichte interessiere, höre ich oft zuerst: Das ist doch verstaubt und langweilig", sagt Charlotte Jahnz, die gerade ihre Masterarbeit über die Geschichte von Frauenzeitschriften von 1941 bis 1955 abgeschlossen hat und nun noch promovieren will. Sobald sie aber über ihr Forschungsprojekt spreche, habe sie oft erfahren, wie sie andere mit ihrer Begeisterung anstecke.

Ein Ansatzpunkt zur geschichtlichen Betrachtung sind oft die eigenen Vorfahren oder die Vergangenheit des eigenes Wohnorts. "Das Verorten von Ereignissen in der unmittelbaren Erfahrungswelt bietet einen leichteren Zugang zu historischen Themen", sagt Kai-Michael Sprenger vom Institut für Geschichtliche Landeskunde (IGL) in Mainz. Darum kümmern sich auch die mehr als 200 Geschichtsvereine mit gut 100.000 Mitgliedern in Deutschland, die allerdings vielfach eine Überalterung in ihren Reihen feststellen.

"Wir machen uns schon Sorgen um den Nachwuchs", sagt der Vorsitzende des Oppenheimer Geschichtsvereins, Martin Baltrusch. "Aber das Potenzial in der jüngeren Generation ist durchaus da, wenn man da mit dem richtigen pädagogischen Gespür dran geht." Der Vorsitzende des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine, Manfred Treml, sagt, es gebe vielfache Bemühungen, mehr jüngere Mitglieder und auch Frauen zu gewinnen. Initiativen wie das Histocamp könnten dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Neben der Ortsgeschichte führt die Erkundung der eigenen Familiengeschichte viele zur Beschäftigung mit der Geschichte. "Es ist für jeden faszinierend, die Herkunft der eigenen Vorfahren zu erkunden, welche Berufe sie hatten und wie sie gelebt haben", sagt Kerstin Weber, die das Netzportal ahnen-forscher.de betreibt. Das früher ziemlich angestaubte Image der Ahnenforschung erhält neue Impulse: "Mit der digitalen Erschließung von Quellen zur Familienforschung werden die Zugriffsmöglichkeiten für alle verbessert", sagt der Geschäftsführer des Instituts für Geschichtliche Landeskunde, Sprenger.

Eine wirkliche Öffnung der Geschichtswissenschaft bedeutet aber auch, dass die Quellen frei verfügbar sind, frei auch von kommerziellen Interessen. "Das ist kein Feld, das man kommerziellen Anbietern überlassen sollte", sagt Kai-Christian Bruhn vom Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften (mainzed). Hier seien Archive und andere Stellen gefordert, im Sinne der Forderung nach "Open Data" und "Open Access" historische Daten wie Geburts- und Sterberegister oder Auswanderungskarteien zu digitalisieren und im Netz bereitzustellen.

Sobald solche Daten auch maschinenlesbar verfügbar sind, gibt es völlig neue Möglichkeiten, diese auszuwerten und mit anderen Daten zu verknüpfen. Die Entwicklung von Algorithmen für solche Ansätze, die Fähigkeit von Historikern, selbst zu programmieren, steht auch auf dem Programm des Mainzer "Histocamps". "Das ist mit dem Demokratisierungseffekt des World Wide Webs möglich geworden", sagt Professor Bruhn, "dass auch jenseits des historischen Seminars einer Universität Geschichtsforschung betrieben werden kann." (mho)

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