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Alltag eines E-Sport-Profis: "Wie im Showbusiness"

Gerrit "Phrenic" Stukemeier ist League-of-Legends-Profi. Mit heise online hat er sich über den Alltag und Berufsaussichten der modernen Athleten unterhalten.

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Gerrit "Phrenic" Stukemeier spielt professionell League of Legends.

(Bild: SK Gaming)

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Wenn sie bei Meisterschaften auftreten begeistern E-Sportler Tausende Zuschauer. Doch wie sieht der Alltag eines Profis aus? Wie viel Zeit muss man in einen Erfolg stecken? Wir sprachen mit Gerrit Stukemeier alias "Phrenic", der für den Kölner Anbieter SK Gaming League of Legends spielt. Mit seinem Team belegte er bei den European Masters und bei den Frühjahresmeisterschaften der ESL den zweiten Platz, bei der Summoner's Inn League landete das Team sogar auf Platz 1. Im Fünfer-Team spielt Stukemeier auf der Position des "Junglers".

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heise online: Wie sind Sie zum Profi geworden?

Gerrit "Phrenic" Stukemeier spielt als Profi des E-Sport-Club SKGaming League of Legends.

(Bild: Torsten Kleinz)

Stukemeier: Als ich angefangen habe zu spielen, wusste ich noch nicht einmal, dass es überhaupt so etwas wie E-Sport gibt. Aber ich habe neben der Schule immer mehr Zeit investiert und bin immer besser geworden. Irgendwann bin ich in der Rangliste soweit aufgestiegen, dass Vereine auf mich aufmerksam wurden. Nach dem Abitur habe ich dann direkt begonnen, professionell zu spielen.

Wie sieht der Alltag eines professionellen League of Legends-Spieler aus?

Stukemeier: Ein Trainingstag beginnt so gegen zehn Uhr morgens. Nach dem Frühstück trainieren wir zunächst alleine – eine Art Aufwärmtraining. Gegen 13 oder 14 Uhr starten wir dann das erste Team-Training. Das dauert drei Stunden. Dann gibt es eine Stunde Pause, dann nochmal drei Stunden Team-Training. Fertig sind wir so gegen 21 oder 22 Uhr.

Ist das Team dabei alleine?

Stukemeier: Neben den Spielern ist auch der Coach anwesend und ein Analyst. Der Coach ist zum Beispiel dafür zuständig, Gegner für Trainings-Spiele zu finden. Er entscheidet auch, mit welchen Helden wir spielen. Zudem hält der Trainings-Staff Ausschau danach, mit welchen Methoden andere hochkarätige Spieler spielen. Nach einem Spiel schauen wir uns die Aufzeichnung Minute für Minute an und sehen so, ob wir etwas falsch gemacht haben.

Das Training findet im Vereinsheim statt?

Stukemeier: Das ist unterschiedlich. Das erste Team lebt im Teamquartier in Berlin und trainiert dort. Ich bin hingegen im Academy-Team, also in der zweiten Mannschaft von SK Gaming. Das heißt, dass wir größtenteils von zu Hause spielen. Eine oder zwei Wochen im Monat kommen wir aber zu Bootcamps zusammen. In Zukunft wird sich auch das ändern. Unser Leistungszentrum in Köln ist gerade noch im Aufbau. Sobald es steht, werden wir dort deutlich öfter zusammenkommen, um so den nächsten Schritt als Spieler machen zu können.

Wie viele Wettbewerbe müssen Sie absolvieren in einer typischen Woche?

Stukemeier: Am Montag finden die Spiele der ESL-Meisterschaft statt, das ist die erste deutsche Liga, mit der quasi alles angefangen hat. Dienstag ist immer die Summoners' Inn League dran. Jedes zweite oder dritte Wochenende spielen wir in der Premier Tour. Hierbei handelt es sich um ein anderes Format – es ist keine Liga, sondern ein Turnier. Dazu kommen dann noch drei oder vier Trainingstage.

Während der Saison hat man also wenig Zeit zum Abschalten?

Stukemeier: Kaum. Wir haben meistens einen Tag in der Woche frei. Viele Spieler spielen auch dann. Aber ich bin überzeugt, dass Ausgleich sehr wichtig ist und versuche an dem Tag so viel wie möglich zu unternehmen mit Freunden oder der Familie.

Wie lange dauert eine Saison?

Stukemeier: Meistens zwischen drei und vier Monaten – natürlich je nachdem, wie weit man kommt. Bei den European Masters sind wir bis ins Finale gekommen. Das ist vergleichbar mit der Europa-League beim Fußball, wo die besten Teams aus den nationalen Ligen gegeneinander spielen. Folge: letztendlich hatten wir zwei Wochen frei und dann ging es direkt wieder los.

Wie sieht es aus, wenn sie zu einem Turnier anreisen müssen?

Stukemeier: Ich kann das am besten anhand der EU-Masters erklären. Die Spiele selbst haben am Samstag und Sonntag stattgefunden. Allerdings sind wir schon Donnerstagabend nach Leicester angereist. Am Freitag ist der sogenannte Media Day, an dem Aufnahmen und Interviews aufgenommen werden. Da müssen wir um 10 Uhr vor Ort sein. Dann gehen wir mit dem gesamten Team essen und besprechen nochmal die letzten Strategien für das Halbfinale und das Finale. Am Samstag sind wir recht früh aufgestanden, haben uns um 10 Uhr auch wieder getroffen. Unser Halbfinale war erst um 16 Uhr, also haben wir uns aufgewärmt und nochmal Strategien abgesprochen. Irgendwann geht man auf die Bühne und spielt – entweder ist es dann vorbei oder man muss am nächsten Tag wieder antreten. Zurück gereist sind wir am Montag.

Lassen sich solche Turniere mit normalen Fußball-Spielen vergleichen?

Stukemeier: Die größten Events kann man durchaus schon mit Zweit- oder Erst-Ligaspielen im Fußball vergleichen. Etwa die ESL One in der Lanxess-Arena in Köln oder die League of Legends Weltmeisterschaft. Dort waren 40.000 bis 50.000 Zuschauer vor Ort.

Ist man als Profi-Spieler prominent?

Stukemeier: Teilweise wird man erkannt, aber im Alltag ist das eher selten. Im normalen Straßenbild sind nicht so viele Leute im E-Sport engagiert. Bei den Events hingegen wird man natürlich erkannt. Hier werden auch Autogrammstunden organisiert – oder die Sponsoren verlosen die Teilnahme an Meet&Greets, wo wir uns mit den Fans direkt unterhalten. Diesen Kontakt finde ich sehr wichtig. Das meiste findet aber über Social Media statt.

Die Sporthochschule Köln hat vor kurzem so eine Studie vorgestellt, dass E-Sport eine sehr sitzlastige Beschäftigung ist – eine Folge ist unter anderem Übergewicht. Gehört physischer Sport zum Trainingsalltag für E-Sportler?

Stukemeier: Nicht bei allen Spielern, aber bei mir auf jeden Fall. Nach dem Training gehe ich mit einem Freund jeden zweiten Tag ins Fitnessstudio. So will ich sicherstellen, dass ich auch mental topfit bin.

Wie lange dauert eine Profi-Karriere?

Stukemeier: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt natürlich Spieler, die nach zwei oder drei Jahren in der höchsten Liga quasi unter einem Burnout leiden. Aber ich denke, das hat auch viel mit der Lebensweise und mit Ausgleich zu tun. Es gibt Spieler, die spielen bis sie Mitte 30 – andere hören mit 25 oder 26 auf.

Könnten Sie auch die Sportart wechseln und beispielsweise zum Starcraft-Profi werden?

Stukemeier: Es gibt einige Spieler, die das versucht haben. Aber die allerwenigsten waren damit erfolgreich. Ich denke, das ist, als ob ein Basketballspieler auf einmal Fußballspieler werden soll – das würde auch nicht funktionieren. Ausnahmen gibt es natürlich.

Was kommt nach der E-Sport-Karriere?

Stukemeier: Das ist schwer zu sagen. Viele haben nach ihrer E-Sport-Karriere studiert und viele sind in der Branche geblieben. Ich denke, es ist recht ausgeglichen. Aber ich glaube sogar, dass mittlerweile mehr Leute im E-Sport bleiben.

Welche Jobs gibt es in der E-Sport-Branche noch außer Coach und Spieler?

Stukemeier: Zum Beispiel die Team-Manager, die sich um alles kümmern müssen, sei es Flüge oder Operationen oder Interview-Termine. Es gibt Editoren und Cutter, die Spiele aufnehmen und aufbereiten. Und Spezialisten, die sich um Social Media kümmern. Der Coaching-Staff wird von Analysten unterstützt. Das kann man schon mit dem Showbusiness vergleichen: Es werden unzählige Menschen gebraucht, um die Spiele möglich zu machen. (olb)