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Als PLATO aus der Höhle trat: 20 Jahre Lotus Notes

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Heute vor 20 Jahren begann Lotus mit der Auslieferung der Groupware Lotus Notes in einer Version für DOS 3.1 und für OS/2. Der 7. Dezember war bewusst gewählt worden, wie Ray Ozzie, der "Kopf" hinter Notes und heutige Chief Software Architect von Microsoft, gegenüber heise online erklärte: "Five years to the day after the day that we celebrate as the founding of Iris Associates – December 7th, 1984, which is the date that Mitch Kapor and I signed the development agreement between Iris and Lotus." Fünf Jahre hatte Ozzie mit einem kleinen Team in seiner Firma Iris Associates Notes entwickelt, fernab von Lotus Software, mit über 700 Programmierern damals die größte Softwarefirma der Welt. Vom Start der Auslieferung an dominierte Ozzies Notes den Groupware-Markt und ließ etablierte Konkurrenzprodukte wie dem Coordinator von Fernando Flores keine Chance.

Ray Ozzie, der zuvor als Angestellter Nr. 29 bei Software Arts in der Entwicklung von Visicalc arbeitete und TK!Solver implementierte, wechselte zu Lotus, als die Firma 1982 ihre Tabellenkalkulation 1-2-3 auf der Comdex vorstellte. Im Gepäck hatte er einen Plan für eine Software, wie Mitarbeiter einer Firma kommunizieren können, basierend auf seinen Erfahrungen mit dem Lernsystem PLATO (Programmed Logic for Automated Teaching Operations). Dieses System hatte der Ingenieur Donald Bitzer am Computer-based Education Research Laboratory (CERL) der Universität von Illinois entwickelt. Ray Ozzie erinnerte sich später an die Zeit, als er Zugriff auf PLATO bekam: "That was the real beginning of my programming experience. Eventual access to the machine as a systems programmer fed my habit. Every night at 10:00 p.m. the machine became available, and a small clique of people like me would work all night until our time was up at 6:00 a. m. We did this for years. It was great fun."

Ozzie zögerte seinen College-Abschluss extra lange hinaus und versäbelte Kurse, um weiter für das PLATO-System entwickeln zu können. Er blieb fünfeinhalb Jahre. Zum Schluss entwickelte er die Firmware für ein programmierbares PLATO-Terminal auf Basis des Z80-Prozessors. Zu dieser Zeit gab es Pläne, PLATO für Millionen von Schülern und Studenten zur Verfügung zu stellen. Der Hypertext-Erfinder Ted Nelson schlug enthusiasmiert vor, die USA im Zeitalter der computerbasierten Erziehung in "The New Republic of PLATO" umzubenennen, weil eine neue Generation von Menschen ohne TV-Missbildung einen neuen Staat entwickeln würde, eine Idee ganz im Sinne von PLATO. Jedoch waren wohl nie mehr als 1300 Plasma-Terminals an den CDC-Rechner angeschlossen, auf dem PLATO lief. Geplant waren mindestens 1 Million Lernsysteme, doch die hohen Preise für die Terminals (4000 US-Doller) bremsten den Ausbau, und die billige Z80-Entwicklung kam zu spät.

Bei Lotus angestellt, war Ray Ozzie zunächst für die Textverarbeitung des integrierten Softwarepaketes Symphony verantwortlich, später für das gesamte Programm. Als der sehr ambitionierte Nachfolger von 1-2-3 fertig war, ließ Lotus Chef Mitch Kapor seinem Entwickler freie Hand: "Mitch kept his word. I resurfaced the specs I had written before I started at Lotus and we talked about them. He suggested I work on the specs for a few months to get them to the point where I could describe how the product works, what its' good for, how people use it and identify how it would be marketed."

Das Resultat dieser Arbeit war der Bauplan für Notes und ein Vertrag mit Lotus, das die Software vermarkten sollte. Ozzies Firma Iris Associates stellte mit Tim Halvorsen und Len Kawell zwei erfahrene PLATO-Entwickler ein, die aus dem Kommunikationssubsystem PLATO Group Notes ein PC-basiertes Produkt entwickeln sollen. Schon vor der eigentlichen Auslieferung im Dezember 1989 sorgte Lotus Notes für Schlagzeilen. Sheldon Laube, damals CIO von Price Waterhouse, kaufte 10.000 Lizenzen für sein Unternehmen.

Im Juli tourte der Notes-Evangelist David Tarrant durch deutsche Redaktionen und pries Notes als ultimatives Werkzeug, das Konferenzen völlig neu definiert. Das amerikanische Computermagazin Byte brachte einen Groupware-Schwerpunkt, in dem Notes als "Antwort des freien Westens" gefeiert wurde, in Reaktion auf "stalinistic software", die jeden Mitarbeiter zum willenlosen Handlanger der Bürokratchicks mache. Die besagte, angeblich grundüble Groupware war "The Coordinator", eine Entwicklung von Terry Winograd und Fernando Flores, Finanzminister in der chilenischen Regierung unter Salvador Allende. Dort hatte Flores mit Cybersyn ein Fernschreibernetzwerk installiert, das eigentlich Produktionsstände kontrollieren sollte. Bald wurde Cybersyn für andere Sachen benutzt. Heute geistert das Projekt als vergessenes sozialistisches Internet durch den Raum. Dieser Vergleich mag hinken, wie der Versuch der deutschen Zeitschrift Computerwoche, Notes als wesentlich leistungsfähigere Variante der Btx-Idee einzuordnen.

Bereits die erste Notes-Version bot die Verschlüsselung und Signierung von Dokumenten mit RSA-Public-Key-Verfahren sowie ein zentrales Directory, eine E-Mail-Anwendung, sogenannte Doc-Links als Hypertext-Verweise zwischen Dokumenten und eine Zugriffskontrolle über Access Control Lists (ACL). Mit der Version 2.0 in 1991 arbeitete Iris vor allem an einer größeren Skalierbarkeit. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten bei Iris gerade 12 Entwickler an Lotus Notes.

Um sich auf größere Unternehmen mit entsprechender IT-Infrastruktur zu konzentrieren, führte Lotus eine Minimalzahl von 200 Lizenzen ein, die man für damals 62.000 US-Dollar erwarb. Mit dem Erscheinen von Notes 3.0 im Jahre 1993 hatte Lotus 2.000 Kunden mit insgesamt 500.000 Notes-Anwendern und das Entwicklerteam sich mittlerweile verdoppelt. Von Ozzie nicht vorausgesehen, entwickelte sich Notes zu einem Anwendungsserver, der ein größeres Ökosystem von Business-Partnern mit der Entwicklung kundenspezifischer Lösungen beschäftigte. Nur wenige schafften es aber, aus dem Projektgeschäft zu unabhängigen Softwareherstellern (ISV) zu werden.

Der große Durchbruch von Notes kam aber erst, als IBM 1995 Lotus aufkaufte, um in den Besitz der Notes-Technik zu kommen. Das Unternehmen behielt weitgehende Selbstständigkeit und wurde vor allem mit den nötigen Ressourcen ausgestattet, einen größeren Markt zu erobern. Mit der Version 4.0 halbierten die damaligen Lotus-Chefs Mike Zisman und Jeff Papows den Lizenzpreis. Einen Kundenstamm von gerade einmal 1 Million Nutzern entwickelte IBM bis zu einer Größe von aktuell über 145 Millionen verkaufter Notes-Lizenzen, mehr als ein Viertel davon in den letzten fünf Jahren.

Spätestens mit dem Durchbruch des World Wide Web wurde Notes immer wieder totgesagt – und lebte umso länger. 1996 führte Lotus mit der Version 4.5 die neue Marke Domino für den Server ein, wohl vor allem, um dem Notes-Server einen frischeren Anstrich zu geben. Neben den eigenen Protokollen nutzen Client und Server zunehmend auch Internet-Protokolle. Den Anfang macht NNTP, dann folgente SMTP und HTTP, schließlich POP3, IMAP und LDAP. Notes und Domino behielten die Lauffähigkeit auf unterschiedlichen Betriebsystemen.

Der größte Marketing-Aufwand für Notes liegt mittlerweile 10 Jahre zurück. Anfang 1999 als super.human.software angekündigt, war Notes R5 erst drei Monate später erhältlich. Die ersten Versionen strotzten noch von Fehlern; die Kundschaft lernte mit R5 erst einmal ein paar Versionen abzuwarten. Das setzt sich bis heute fort. Bezeichnend der einzige Kommentar zur Notes-Historie, vom September dieses Jahres: "This is really good webpage to look at how Lotus Notes evoled from 1.0 release to 8.0 release. We are still using 6.5 and waiting for 8.0 to be rolled out."

Notes 6.5 ist heute sechs Jahre alt, Notes 8.0 immerhin schon zwei. Mit dieser Version wagte IBM einen großen Technologiesprung. Der Notes-Client basiert nun auf Eclipse oder genauer auf Lotus Expeditor. Das ist der Teil von Eclipse, den IBM nicht gerne als Open Source publizieren möchte. Durch das Java-Framework erlangt Notes eine Offenheit, die der Software bislang stets gefehlt hatte. Statt in der eigenen Suppe zu schmoren, können Anwendungsentwickler nun in einer Oberfläche Programme und Widgets aus unterschiedlichen Quellen integrieren.

Ozzie erlebte den größten Erfolg seiner Schöpfung nur aus der Ferne. Er verließ Lotus 1997, um sein eigenes Unternehmen Groove Networks zu gründen. Dort implementierte er die gleiche Idee ein zweites Mal, diesmal dem Peer-to-Peer-Modell statt dem Client-Server-Modell folgend. Drei Anläufe machte das Unternehmen, schaffte aber nicht, sich auf dem Markt zu etablieren. 2005 schluckte Microsoft Groove Networks, und Ozzie wurde von Bill Gates zu einem seiner Chief Technical Officers ernannt. Ein Jahr später kündigte Gates an, dass Ozzie ihn als Chief Software Architect beerben würde. Ein berühmtes Ozzie-Zitat können sich sowohl sein alter als auch sein neuer Arbeitgeber einrahmen: "Complexity kills. It sucks the life out of developers, it makes products difficult to plan, build and test, it introduces security challenges, and it causes end-user and administrator frustration." (vowe)