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Alte Handys – zwischen Elektroschrott und Lebensretter

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Handys werden immer kleiner, können immer mehr und vermehren sich immer schneller: Rund 48 Millionen Menschen in Deutschland telefonieren mobil – doppelt so viele wie noch vor einem Jahr. Immer neue Modelle mit immer neuen Farben und Funktionen kommen auf den Markt. "Im Durchschnitt benutzen die Leute ihr Handy nur gut ein Jahr", sagt Siegfried Pongratz, Direktor für Umwelttechnik beim Handy-Produzenten Motorola in Wiesbaden. "Dann wird ein schickeres Modell gekauft", ergänzt der Technik-Experte.

Der alte schnurlose Wegbegleiter hat dann ausgeklingelt, obwohl die Lebenserwartung den Handy-Herstellern zufolge rund fünf Jahre beträgt. Was also passiert mit den Millionen ausrangierten Handys? "Selbst die alten Dinger sind doch viel zu wertvoll, um ungenutzt in Schränken und Schubladen herumzuliegen", dachte sich Helmut Forgber, Redakteur beim Magazin ADAC-Motorwelt in München, und fordert: "Ausgediente Handys - hinein ins Handschuhfach, denn Mobiltelefone sind kostenlose Notrufmelder".

Auch alte Handys haben die eingebaute Notruffunktion für die Nummer 112. Ohne Vertrag, Karte, Monatspauschale und Sprechgebühren kann ein technisch intaktes Gerät einen Notruf an die nächstgelegene Polizeidienststelle beziehungsweise Feuerwehrzentrale absetzen. Damit der Akku sich nach langer Liegezeit nicht entlädt, hat der Journalist vom ADAC einen Tipp parat: "Einfach den Akku ein Stück ausklinken, dann wird kein Strom verbraucht."

Dass ausgediente Handys Leben retten können, hat auch die Polizei in Cuxhaven (Niedersachsen) erkannt: "Wir haben im vergangenen Jahr gut 60 Handys von Bürgern bekommen, die wir dann weitergegeben haben", sagt Polizist Ralf Stabbert, der die Aktion betreut. Die schnurlosen Telefone gingen beispielsweise an Diskotheken, die die Handys nächtlichen Heimkehrerinnen mit auf den Weg gaben, an Altenheime oder wurden auf Campingplätzen an Waldgebieten eingesetzt.

Auch Bodo Tegethoff von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) in Bonn ist der Ansicht, dass alte Handys einen guten Dienst tun, wenn sie an gebrechliche oder alte Menschen verschenkt werden. "Der Erst-Besitzer sollte allerdings darauf achten, seine persönlichen Daten zu löschen, bevor er das Gerät verschenkt oder verkauft", rät der Verbraucherschützer. Der gleiche Tipp gilt, wenn man versucht, seine alten Handys zu tauschen. Das geht beispielsweise im Internet auf der Site www.secondhandy.at.

Nach der Statistik des finnischen Mobilfunkherstellers Nokia ist die Zahl der Mobiltelefon-Besitzer auf weltweit 700 Millionen gestiegen. Für Tegethofft ist das eindeutig zu viel: "Die Leute sollten sich kritisch fragen, ob sie tatsächlich nach kurzer Zeit ein neues Handy brauchen."

Wer sein altes Handy nicht verschenken oder tauschen möchte, sollte es auf keinen Fall einfach in den Hausmüll schmeißen, appellieren AgV und auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) in Berlin. "Im Akku sind giftige Schwermetalle und im Gehäuse beispielsweise PVC enthalten, die der Umwelt schaden", warnt Rüdiger Rosenthal vom BUND. Handys gehören wie Fernseher und Computer zum Elektroschrott. Die Entsorgung ausgedienter Elektro- und Elektronikgeräte ist in den Städten und Gemeinden allerdings sehr unterschiedlich organisiert. In manchen Kommunen fällt für die Entsorgung eine spezielle Gebühr an, in anderen ist sie kostenlos.

Umweltschutzorganisationen fordern seit Jahren eine Elektroschrott-Verordnung. "Der EU-Umweltministerrat in Brüssel verhandelt derzeit über eine Richtlinie", sagt Frauke Stamer, Sprecherin beim Bundesumweltministerium. Die Minister seien sich einig, dass Hersteller in Zukunft verpflichtet werden sollen, Computer, Waschmaschinen und auch Handys auf eigene Kosten zurückzunehmen und umweltgerecht zu entsorgen - ähnlich wie bei der Altauto-Verordnung.

"Dadurch zwingt man die Hersteller schon bei der Produktion, auf den Aspekt der späteren Wiederverwertung von Geräteteilen zu achten", unterstreicht Verbraucherschützer Tegethoff. Allerdings seien Kosten und Zeitpunkt für die Umsetzung noch nicht geklärt. Die Verbraucherschützer befürchten, dass die Industrie fünf Prozent für die Entsorgungsmaßnahmen auf die Preise draufschlagen würde.

Die Handy-Hersteller wollen aber auch nicht, dass ihnen der Handy-Müllberg über den Kopf wächst. "Wir warten nicht, bis die Politiker entsprechende Vorschriften erlassen haben, sondern werden selbst aktiv", sagt Siegfried Pongratz von Motorola. Seine Firma habe die Initiative ergriffen und sich mit anderen Herstellern wie Siemens, Nokia und Panasonic an einen Tisch gesetzt und über ein Rücknahmesystem gesprochen. Demnach soll noch in diesem Jahr eine Lösung gefunden werden.

Bei Nokia und Motorola ist darüber hinaus an eigenen Ideen zur Entsorgung gearbeitet worden: "Wir haben bei 2700 Fachhändlern Boxen aufgestellt, in die die Verbraucher ihre alten Handys schmeißen können", erzählt Nina Lenders von Nokia in Düsseldorf. Ihre Firma kümmert sich dann um die "umweltgerechte Entsorgung" auf Sondermülldeponien. Motorola hat ein "Öko-Handy" entwickelt. Bei der Herstellung wurde beim Löten mit bleifreiem Material gearbeitet, bei der Produktion von Leiterplatten und Gehäusen auf Brom verzichtet. Das Gehäuse besteht aus recyceltem Kunststoff. Der Prototyp wird zurzeit in einem Feldversuch in der Schweiz getestet. (Thomas Nagorny, gms) / (wst)