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Altes Zeug, neue Liebe: 3. Retrocomputer-Festival in München

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"Lasst uns zurückkehren in die Guten Alten Tage, als Hacker noch keine Sicherheitsberater, Bytes noch keine Megabytes und Kleine Grüne Männchen noch Kleine Gruene Maennchen waren!" -- zum dritten Mal findet am kommenden Wochenende in München das Vintage Computer Festival Europe statt. Für alle Fans des Retrocomputing gibt es eine Ausstellung, in der alte Rechner bewundert werden können, kombiniert mit einem Flohmarkt, wo Bastler und Fans Hard- wie Software komplettieren oder verkaufen können. Auch gibt es die Möglichkeit, alte 64er-Programme von Magnetbändern oder Floppies auf modernere Medien konvertieren zu lassen. Neben der Ausstellung werden Vorträge angeboten, etwa zur Geschichte vom Jubiläum feiernden BSD-Unix, das vor 23 Jahren in der Version 2.0 größere Verbreitung fand. Die Vorträge sollen erstmals live im Internet zu verfolgen sein. Zu der Ausstellung und den Vorträgen sind nur Programme und Computer zugelassen, die älter als zehn Jahre sind.

Das Vintage Computer Festival wurde erstmalig vor fünf Jahren im kalifornischen Silicon Valley veranstaltet. In Europa war bereits die erste Ausgabe ein Erfolg. Zum diesjährigen Treffen haben sich Teilnehmer aus USA, Großbritannien, Belgien, den Niederlanden und Deutschland angemeldet: Das Retrocomputing findet immer mehr Freunde, nicht nur in der Generation, die mit den ersten Mikro-Computern aufgewachsen ist.

Die Sehnsucht nach der heilen Computerzeit, als der Griff zum Lötkolben so selbstverständlich war wie heute der Klick mit der Maus, ist schnell erklärt. Moderne Computer mögen bunt und translucent werden, doch ihr Inneres bietet mit hoch integrierten Chips nichts, woran sich basteln ließe. Wer heute mit Computern aufwächst, hat praktisch keine Chance, etwas über ihr Innenleben zu lernen. Leistungsmäßig Lichtjahre von den Anfängen der Computerei entfernt, bestehen heutige Systeme nur noch aus hoch integrierten Platinen, an denen nicht mehr gefummelt werden kann. Die Schulung in Computertechnik, wie sie die als Bausätze vertriebenen Computer der Anfangszeit boten, gibt es nicht mehr. Die Informatiklabors der 70er Jahre, in denen man an deutschen Schulen mit Steckdrähten große UND/ODER-Gatter schaltete und damit Boolesche Algebra lernte, sind längst verschrottet.

Mitunter gibt es freilich echte Notfälle, bei denen das Retrocomputing seinen Nutzen zeigt. So setzte die hochmodern organisierte Werbeagentur kdh+p ein Prüfprogramm ein, bei dem die Daten von einer betagten Maxtor-Festplatte auf ein noch betagteres 8''-Laufwerk gesichert werden. Was über 20 Jahre ohne Probleme funktionierte, verlangte nun nach einer Lösung: Floppy-Disks im 8''-Format sind immer schwieriger zu bekommen. Abhilfe brächte ein kleines 3,5''-Laufwerk, doch wie kann dies an einen Shugart-Bus angeschlossen werden, zu dem es weit und breit keine Dokumentation mehr gibt? Fälle wie diese gelten unten den Retro-Fans als einfache Übungen. So restaurierte der amerikanische Ingenieur Dwight Elvey aus einem Berg von Computerschrott den Nicolet-Computer, ein Relikt der 70er Jahre. Anschließend rekonstruierte er aus spärlichen Aufzeichnungen das Betriebssystem und schrieb einen Compiler und Programme für den Rechner, der eigentlich schon ausgestorben war. (Detlef Borchers) / (jk)

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