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Amazon bestreitet politischen Druck wegen Wikileaks [4. Update]

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Der Online-Einzelhändler Amazon bestreitet, die Enthüllungsplattform Wikileaks auf politischen Druck hin von seinen Servern genommen zu haben. Wikileaks habe gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen, teilte Amazon mit. Wikileaks hatte bei der Veröffentlichung der diplomatischen US-Depeschen auf den Amazon Web Service zurückgegriffen, um die hohen Zugriffszahlen auf die Dokumente bewältigen zu können.

Die Geschäftsbedingungen von Amazon Web Services AWS, der Hosting- und Cloud-Sparte von Amazon, sähen vor, dass der Kunde die Rechte an den Inhalten halte und deren Einsatz niemandem Schaden zufüge. "Es ist klar, dass Wikileaks nicht über die Rechte an den vertraulichen Dokumenten verfügt", argumentierte Amazon nun. Auch könne bei der großen Zahl von 250.000 Depeschen nicht gesichert sein, dass durch deren Veröffentlichung nicht Unschuldige wie etwa Menschenrechtler in Gefahr gerieten.

Es gebe hunderttausende Kunden, die alle Arten von Daten bei AWS speicherten, über einige davon werde auch kontrovers diskutiert – das sei aber völlig in Ordnung, meint man bei Amazon. Aber wenn Unternehmen oder Personen große Mengen von Daten speicherten, auf die sie rechtmäßig keinen Anspruch erheben könnten, und wenn sie Daten veröffentlichten ohne sicherzustellen, dass dadurch andere nicht in Gefahr gerieten, dann sei das eine Verletzung der Amazon-Nutzungsbestimmungen; diese Leute müssten dann anderswo unterkommen.

Zuvor hatte es geheißen, Amazon habe die Nutzung seiner Server durch Wikileaks nach einer Intervention von US-Senator Joe Lieberman gestoppt. Der parteilose Vorsitzende des Senatsausschusses für Heimatschutz habe Amazon mit einem Boykott gedroht. Laut US-Medien war zudem aus Liebermans Büro verlautet, Amazon habe die Nutzung seiner Server durch Wikileaks gestoppt, nachdem Mitarbeiter Liebermans Nachforschungen angestellt hätten.

Über den Wikileaks-Sprecher Julian Assange heißt es weiterhin, er halte sich in Großbritannien versteckt. Die schwedische Justiz, die ihn wegen des Verdachts der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung verfolgt, rechnet damit, dass er in Kürze gefasst wird. Assange, über den die Süddeutsche Zeitung eine Analyse seiner theoretischen Hintergründe veröffentlichte, bestreitet diese Vorwürfe. Er sieht sie vielmehr als Teil einer Verschwörung, die von den USA gesteuert wird. Der Oberste Gerichtshof in Stockholm wies eine Klage Assanges ab, der damit die Aufhebung des Haftbefehls gegen ihn erreichen wollte.

[Update:]
Derzeit ist Wikileaks über seinen Domain-Namen nicht erreichbar. EveryDNS, über den Wikileaks seine DNS-Einträge abwickelte, hat die (kostenlos bereitgestellten) Dienste für die Whistleblower-Site eingestellt.

Als Grund für die Einstellung der Dienste gibt der DNS-Betreiber an, Wikileaks sei das Ziel mehrerer massiver dDoS-Attacken gewesen. Diese und zu erwartende weitere Attacken stellten die Stabilität der EveryDNS-Infrastruktur infrage. Da in den Nutzungsbedingungen festgelegt sei, dass kein Anwender der EveryDNS-Dienste die Nutzung dieser Dienste durch andere gefährden dürfe, entspreche die Kündigung für Wikileaks den Geschäftsbestimmungen. Man habe Wikileaks per E-Mail, über Twitter und die Chat-Funktion der Wikileaks-Website informiert – daher gehe jedwede Nichterreichbarkeit der Site zu Lasten der Wikileaks-Betreiber.

Die Wikileaks-Aktivisten haben über die Einstellung der DNS-Dienste über Twitter informiert und zu Spenden aufgerufen. Eine weitere Stellungnahme oder Hinweise, wann die Domain per DNS-Auflösung wieder erreichbar ist, gibt es derzeit noch nicht.

[2. Update:]
Zumindest die Startseite und einige Unterseiten erreicht man über die IP-Adresse 46.59.1.2 . Über die IP-Adresse 213.251.145.96 bzw. unter wikileaks.ch sind auch die Unterseiten zu den veröffentlichten US-Diplomaten-Depeschen und das "War Diary" zum Irak und zu Afghanistan erreichbar. Die Website zu dem geleakten Irak-Video ist ebenfalls noch online. Die Domain wikileaks.ch ist über die Piratenpartei Schweiz registriert; allerdings führt der DNS-Eintrag wieder die DNS-Server von EveryDNS auf.

[3. Update]:
Denis Simonet, Präsident der Piratenpartei Schweiz, wies über Twitter noch einmal darauf hin, dass lediglich die Domain wikileaks.ch über die Piratenpartei registriert sei. Die Inhalte und Dokumente lägen bei Wikileaks, ebenso habe man im DNS-Eintrag lediglich deren Nameserver übernommen. "Wir sind nicht über Beweggründe, Details oder Pläne von WikiLeaks informiert", schrieb Simonet.

[4. Update]:
In der Zwischenzeit hatte EveryDNS auch die Domain wikileaks.ch in ihren DNS-Servern stillgelegt, die Piratenpartei Schweiz reagierte aber schnell und trug Nameserver in der Schweiz ein. Eine zwischenzeitliche Nichterreichbarkeit von wikileaks.ch führte Denis Simonet auf IP-Routing-Probleme zurück, ein zügiges Update der DNS-Zonefiles schaffte aber auch hier Abhilfe. Er erklärte zudem, dass Switch, der Registrar für .ch- und .li.Domains, zugesichert habe, dass die Abschaltung von wikileaks.ch "kein Thema sei". Eine Abschaltung der Domain sei daher höchstens per richterlicher Verfügung möglich. Mittlerweile gibt es zudem einen Aufruf von Wikileaks , die Inhalte der WIkileaks-Server massenhaft zu spiegeln – eine Anleitung zur Einrichtung eines Spiegelservers und die Angaben, die Wikileaks zur Spiegelung der Serverinhalte benötigt, haben die Aktivisten veröffentlicht. (jk)

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