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Analyse: 99-Euro-Kindle setzt Verlage unter Zugzwang

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Mit seinem neuen tastaturlosen Kindle hat Amazon in Deutschland den ersten echten E-Book-Reader für dauerhaft unter 100 Euro im Angebot und bleibt damit unter der Preisschwelle, die viele grundsätzlich interessierte Lesefreunde bisher vom Kauf eines Readers abgehalten hat. Das Angebot ist ein Tiefschlag für die Konkurrenz, allen voran Sony: Der japanische Hersteller hat gerade erst seine um 80 Euro vergünstigte Neuauflage des Sony Reader vorgestellt und wird jetzt von Amazon um ein Drittel unterboten. Viel Spielraum gibt es nicht mehr, insbesondere aufgrund der im Einkauf kostspieligen E-Ink-Panels. Die Hardware verkauft Amazon im besten Fall kostendeckend, Geld verdient das Unternehmen mit dem Verkauf von Inhalten und – in den USA – mit Werbeeinblendungen.

Amazons Geschäftsmodell ist auch die einzige Schwäche des neuen Kindle geschuldet: Durch die fehlende Unterstützung des offenen epub-Formats nebst des hierzulande gebräuchlichen Adobe-DRM sind die Leser auf Amazons Buchladen angewiesen. Zwar veröffentlichen einzelne deutsche Verlage ihre E-Books inzwischen ohne harten Kopierschutz (etwa Bastei-Lübbe), für einen großen Teil der Neuerscheinungen gilt aber: Was nicht im Kindle Store zu finden ist, ist auch nicht auf dem Kindle lesbar – zumindest nicht legal. Für Verlage ist es mit dem attraktiven neuen Kindle noch wichtiger geworden, mit ihren Inhalten im Kindle Store präsent zu sein. Amazon hat sich in der Vergangenheit nicht immer als angenehmer Partner für die Verlagsbranche erwiesen. Im vergangenen Jahr nahm der Online-Händler zeitweise die E-Books eines US-Großverlags aus dem Sortiment, das Unternehmen versucht sich inzwischen auch selbst als Verlag.

Gegenwärtig gibt es nach Angaben von Amazon 83 Bücher aus der Top-100-Bestsellerliste des Spiegel als Kindle Books, bei älteren oder weniger populären Titeln sieht es noch deutlich düsterer aus. Neben der grundsätzlichen Bereitstellung werden die Verlage auch gut beraten sein, an der Preisschraube zu drehen. In der Regel liegt der (gebundene) E-Book-Preis lediglich 10-20 Prozent unter der Print-Ausgabe, einige Publisher räumen überhaupt keinen Abschlag ein. Mag es aus Verlagssicht auch gute Gründe für teure digitale Literatur geben (zum Beispiel die höhere Mehrwertsteuer gegenüber Print): Lesefreunden ist nicht vermittelbar, warum sie für eine Datei ähnlich viel bezahlen sollen wie für mehrere Hundert gebundene Papierseiten, die sie nach dem Lesen auch noch ohne weiteres weiterverleihen oder verkaufen können.

Der günstigere Kindle wird in den nächsten Monaten – vor allem kurz nach Weihnachten – für viele neue Besitzer elektronischer Lesegeräte sorgen, die es nach Lesestoff dürsten wird. Können die Verlage dann kein breites und auch preislich attraktives Angebot im Kindle Store und anderen E-Book-Stores vorweisen, werden sich Lesefreunde ihre Inhalte auf anderem Weg besorgen. Dann aber hätten nicht die Piraten den E-Book-Markt kaputt gemacht (wie es die Buchlobbyisten behaupten), sondern die Verlage mit ihrer Zögerlichkeit. In der Musikindustrie hat ein einziges Gerät für einen kompletten Umbruch der Branche gesorgt. Dem Buchmarkt steht ein solcher "iPod-Moment" unmittelbar bevor. (jh)

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