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Analyse der Apple Watch: Emotionen treffen auf kalte Realität

Es gehe nicht darum die erste Smartwatch zu haben, sondern die erste von Bedeutung, gibt sich Apple überzeugt. Wie es darum steht und wie sich die Apple Watch im Vergleich zur Konkurrenz schlägt, hat c't-Redakteur Nico Jurran analysiert.

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Eine Analyse von Nico Jurran

Nico Jurran schreibt seit 2000 über Technik. Nach dem Jurastudium arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt und freier Fachautor. Bei heise online und c't beschäftigt er sich vor allem mit (HD)TV/VoD, Hard- und Software für Musiker, Smartwatches und Sportuhren.

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Gleich am Anfang der Vorstellung der Apple Watch stellte Apple klar, worum es dabei gehen sollte: "Where others perceive FIRST as valuable, you value the first thing that actually matters." – also "Du schätzt nicht das erste Produkt seiner Art, sondern das erste, das wirklich von Bedeutung ist". Passend dazu wurde die Aussage "Das Warten hat sich gelohnt" zur Kernaussage der Apple-Watch-Präsentation.

Bei der Vorstellung selbst gerieten technische Details dann zur Nebensache, verkauft werden soll die Uhr über emotionale Attribute. So betonte Cook mehrfach, die Uhr sei das "persönlichste Gerät, dass Apple je erschaffen habe". Unermüdlich wies er darauf darauf hin, wie sehr sie sich an Geschmack und Vorlieben des Trägers anpassen lasse. Sogar die "neuen Wege" der zwischenmenschlichen Kontaktaufnahme und Kommunikation wurden in den Vordergrund gerückt. Die kann etwa über einen diskrete Morsecode, den Autausch des visualisierten persönlichen Herzschlags und animierten Emoticons laufen. Zu alldem passt auch die "digitale Krone", die der Smartwatch einen analogen Retro-Anstrich gibt – weg von der kalten digitalen Welt.

Funktionen der Apple Watch (13 Bilder)

Apples Armbandcomputer spielt Musik ab und noch mehr.

Tatsächlich stieß Apple mit dieser Strategie auf offene Ohren. Bekannte erklärten mir bereits, dass die Apple Watch die erste Smartwatch sei, die sie sich wirklich kaufen würden. Das recht klobige Gehäuse (schätzungsweise 1,2 cm hoch) erklärten sie dabei zum Fashion Statement, den vergleichsweise hohen Preis quittieren sie mit "Ist halt von Apple" und "Viele Uhren sind teuer".

Apple Watch

Nach einer langen Zeit, in der die Spekulationen wucherten und die Gerüchteküche überkochte, hat Apple endlich seine Vision einer Smartwatch vorgestellt – nicht unter dem Namen "iWatch", sondern als "Apple Watch".

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Bei mir hinterließ die Vorstellung hingegen einen faden Nachgeschmack. Wer sagt, dass er nicht der Erste auf dem Markt sein möchte, wohl aber der Beste, muss sich daran messen lassen, was bereits verfügbar ist. Und da hat die Konkurrenz durchaus vorgelegt. Bei genauer Betrachtung zeigt sich daher nun, dass auch Apple nicht nur keine technischen Wunder vollbringt, sondern im Vergleich zu manch Anderem sogar hinterherhinkt.

Das fängt bei der notwendigen Kopplung zwischen Apple Watch und iPhone an. Die Partnerschaft mit einem Handy ist zwar auch bei anderen Smartwatches noch üblich, doch geht die Tendenz zu einem – zumindest zeitweise – autarken Betrieb. Google kündigte etwa jüngst ein Update an, das den Android-Wear-Uhren unter anderem das Abspielen von Musik vom internen Speicher beibringt. Bei Samsungs Gear S hält ein Mobilfunkchip in der Uhr die Verbindung zu den Onlinediensten, wenn der Kontakt über Bluetooth Smart zum Smartphone abbricht. Und das passiert häufiger als man denkt: In meiner Wohnung reicht es, das Handy im Arbeitszimmer liegen zu lassen und mit der Uhr in die Küche zu gehen.

[Update: Der in der Apple Watch eingebaute WLAN-Chip lässt darauf hoffen, dass sich die Uhr auch in einem drahtlosen Netzwerk nutzen lässt und man so in den eigenen vier Wänden nicht immer auf den Kontakt zwischen Uhr und iPhone achten muss. Unklar wäre dann noch, ob sich verschiedene Netzzugänge anlegen lassen – etwa für Wohnung und Büro. Klar ist auf jeden Fall, dass WLAN an Orten nichts nutzt, wo ein entsprechendes Netz nicht zur Verfügung steht – etwa beim Sport. Hier wären Uhren mit eigenem Funkchip weiterhin im Vorteil.]

Wenig innovativ sind die von Apple hochgelobten Fitness-Eigenschaften. Auf der Gehäuserückseite integrierte Pulsmesser bieten bereits eine ganze Reihe von Smartwatches, smarte Sportuhren und Aktivitätstracker, bei Epson erlauben die sogar die dauerhafte Herzfrequenzmessung. Samsungs Gear S hat darüber hinaus einen Sensor, der die aktuelle UV-Strahlung misst und den Wert direkt auf der Uhr anzeigt. Sonys Smartwatch 3 funktioniert dank integriertem GPS-Chip mit dem eben angesprochenem Android-Wear-Update auch als Sportuhr, ohne dass man wie bei der Apple Watch ein Handy mitschleppen muss. Die im Herbst erscheinende smarte Sportuhr GPS One+ von Timex läuft sowieso autark – und soll zudem ordentlich wasserdicht sein, während die Apple Watch offenbar nur spritzwassergeschützt ist. Das finde ich schwach.

Die Apple Watch

(Bild: Apple)

Aus dem Präsentationsvideo lässt sich auch schließen, dass die Apple Watch die Uhrzeit nicht durchgängig angezeigt, sondern nur beim Heben des Arms. Das würde dem Stand der ersten Smartwatch-Generation mit Farbdisplays (etwa Samsungs Galaxy Gear) entsprechen. Mittlerweile gibt es etliche Modelle, bei denen das Display nie vollständig ausgeschaltet wird – beispielsweise von LG, Samsung und Sony. Im Test hat ein schwarzes Display stets gestört, da es einen unauffälligen Blick auf die Uhrzeit unmöglich macht.

Vor allem ist das Ausschalten des Displays ein klares Zeichen dafür, dass Apple bei seiner Uhr Strom sparen muss. Somit ist auch die Laufzeit der kritischste Punkt: Das Unternehmen machte dazu zwar keinerlei konkreten Angaben, aus mehreren Anmerkungen lässt sich jedoch darauf schließen, dass die Uhr jede Nacht aufgeladen werden muss. Das ist bei vielen Konkurrenzmodellen nicht anders, was die Sache aber nicht besser macht: Auf Reisen muss man immer an den Adapter denken, im tagtäglichen Gebrauch hat man stets in Hinterkopf, die Uhr besser nicht "leerzuspielen".

Seiner Zeit voraus: Der iPod Nano zeigte schon vor vier Jahren in handlichem Format die Uhrzeit (inklusive Micky Maus).

(Bild: Volker Zota / c't)

Die Notwendigkeit, einen vergleichsweise großen Akku im Gehäuse unterzubringen, erklärt schließlich auch das klobige Aussehen der Apple Watch. Das hat nichts mit den stylischen, geradezu futuristischen Designs zu tun, die in den vergangenen Monaten immer wieder durchs Internet geisterten. Die runden und gebogenen Gehäuse wie bei der Motorola Moto 360 und der Samsung Gear S dürfte viele als moderner und ansprechender empfinden.

Alles in allem will ich den Apple-Entwicklern durchaus eine clevere Anbindung ihrer Smartwatch ans Smartphone zugestehen – auch wenn das Unternehmen Alleinherrscher über das Mobilbetriebssystem und ein vergleichbar überschaubares Ökosystem ist. Doch so witzig, ungewöhnlich und manchmal auch innovativ die gezeigten Funktionen der Apple Watch auch sind, befürchte ich, dass bei einer täglichen Nutzung der Uhr schnell Ernüchterung einsetzen wird. (nij)