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Android O ausprobiert: Das ist neu, das wird anders

Android O ausprobiert: Das ist neu, das wird anders

(Bild: Screenshot)

Ohne Vorankündigung hat Google die erste Entwicklerversion von Android O freigegeben. Die verspricht große Dinge, wie eine Verlängerung der Akkulaufzeit, verbesserte Notizen und endlich auch Benachrichtigungs-Icons. Wir haben die Preview ausprobiert.

Bislang gibt es für Android O weder eine offizielle Versionsnummer, noch einen kompletten Codenamen – doch Google hat ohne großes Brimborium bereits die erste Testversion für seine aktuellen Nexus- und Pixel-Geräte sowie das SDK für Entwickler bereitgestellt. Die finale Version des mutmaßlich Android 8.0 genannten Systems wird laut Google wie gewohnt erst im dritten Quartal erscheinen.

Google weist ausdrücklich darauf hin, dass die erste Developer Preview von Android O [1] nur für Entwickler gedacht ist und weder vollständig ist, noch fehlerfrei. Deswegen bietet Google bisher nur vollständige Systemimages für Nexus 5X, Nexus 6P [2], Nexus Player, Pixel C [3], Pixel und Pixel XL zum Download an [4], die man manuell auf sein Gerät flashen muss. Das eigentliche Beta-Programm mit OTA-Updates wird erst später beginnen. Wir haben uns das Nexus 5X geschnappt und einen ersten Eindruck vom System gewonnen.

Einen Neuen Look haben die Einstellungen bekommen

(Bild: Screenshot)

Wie schon bei früheren Android-Versionen [5] schraubt Google am Energieverbrauch des Systems. Bei Android O dürfen Apps künftig im Hintergrund noch weniger tun. Das System beschränkt wie schon im Doze-Modus deren Aktivitäten. So werden Hintergrunddienste in Android O nun automatisch nach einigen Minuten vom System beendet, sobald eine App nicht mehr im Vordergrund aktiv ist. Das konnten Apps zwar bisher auch selbst, doch viele taten das schlicht nicht. Um zum Beispiel weiterhin regelmäßig Daten synchronisieren zu können, sollen die App-Entwickler nun den Job Scheduler von Android nutzen und wiederkehrende Aufgaben damit ressourcenschonender abwickeln.

Zudem sollen Apps sich nicht mehr so einfach vom System wecken lassen können. Statt allgemeiner Broadcasts, auf die viele Apps hören, sollen die Entwickler entweder auf die Anwendung zugeschnittene Aufrufe nutzen oder ebenfalls den Job Scheduler verwenden. Generell dürfen Hintergrunddienste auch den Standort nicht mehr so häufig abfragen. Wie oft, das will Google erst noch während der weiteren Entwicklung festlegen, vorerst ist die Abfrage auf wenige Male pro Stunde beschränkt.

All das soll einerseits Energie sparen, andererseits aber auch im Vordergrund laufenden Anwendungen mehr Ressourcen garantieren und das System so insgesamt schneller werden lassen. Viel Effekt werden die Einschränkungen anfangs noch nicht haben, sie gelten nur für Apps die Android O und das neue API-Level 26 unterstützen. Alle anderen dürfen vorerst weiter wie gewohnt im Hintergrund aktiv sein, um Kompatibilitätsprobleme zu vermeiden.

Der Geschwindigkeit ebenfalls zuträglich sein soll die Unterstützung von neuen Java-8-APIs und Optimierungen an der Android Runtime. Google verspricht in einigen Anwendungs-Benchmarks eine Verdoppelung der Leistung. In unseren eigenen Benchmarks konnten wir noch keine auffälligen Unterschiede messen, im Coremark-Test waren aber immerhin bis zu 10 Prozent mehr drin.

Die neuen Benachrichtigungs-Kanäle sollen eine feinere Einstufung erlauben.

(Bild: Screenshot)

Auch am Benachrichtigungssystem hat Google wieder stark geschraubt. Künftig können Entwickler die Benachrichtigungen ihrer Apps in Kategorien unterteilen. Jeder dieser Kategorien (oder Channels) lässt sich individuell konfigurieren: Für wichtige Rubriken aktiviert der Nutzer etwa Ton und Vibration und kann unwichtige Benachrichtigungen anderseits blockieren. Die Einteilung hängt aber alleine vom App-Entwickler ab: Will der seine Werbung weiterhin pushen, muss er keine eigene Kategorie dafür anbieten. Auch App-übergreifend wird es es keine Kanäle geben, die Einteilung bleibt auf die jeweilige Anwendung beschränkt und damit eher mühselig.

Neu dabei ist die Möglichkeit Nachrichten schlafen zu legen, um sie nach 15, 30 oder 60 Minuten erneut angezeigt zu bekommen. Zudem dürfen Apps Benachrichtigungen nun mit einem Timeout versehen, nach dem die Nachricht verschwindet. Eher kosmetischer Natur sind die neuen Möglichkeiten Einträgen Hintergrundfarben verpassen zu können und neuen Nachrichten bereits gelesene Inhalte mitgeben zu können, um mehr Kontext bereitzustellen.

Benachrichtigungen können mit Android O auch auf später verschoben werden.

(Bild: Screenshot)

Von vielen Android-Nutzern lange gewünscht ist die Möglichkeit, wie bei iOS die Zahl der ungelesen Mails und Ähnliches auch neben dem Anwendungs-Icon zu sehen. Mit den sogenannten Badges wird Android N das möglicherweise auch bald nativ unterstützen. Bisher ist das allerdings nur ein Eintrag in den Benachrichtigungseinstellungen, in seiner Android-O-Vorstellung geht Google nicht darauf ein, kompatible Apps gibt es ebenfalls noch nicht.

Mit den neuen adaptiven Icons können Apps nun mehr als nur ein Launcher-Design unterstützen. Statt der von Google bevorzugten runden Symbole, sind mit der gleichen Vorlage auch quadratische oder an den Ecken abgerundete Varianten möglich. Dazu muss der Entwickler eine Vorlage mit zwei Ebenen liefern: Einmal das Symbol selbst, das mit 72 × 72 Pixel deutlich größer als zuvor ausfällt. Dazu kommt eine transparente Hintergrundebene. Daraus bastelt das System dann je nach Vorgabe ein passendes Symbol. Darüber hinaus kann es grafische Elemente wie Schatten oder Parallax-Ebenen einfügen und ohne Zutun des Entwicklers daraus Animationen wie ein pulsierendes Icon bauen.

Die adaptiven Icons erlauben allerlei Spielereien, die das System ohne zutun des Entwicklers umsetzt.

(Bild: Google)

Mit der neuen, systemweiten Autofill-Funktion sollen Passwort-Manager künftig einfacher ihre Arbeit verrichten können und so leichter entsprechende Felder im Browser sowie anderen Apps füllen. Zudem erlaubt das neue System, mehrere dieser Dienste zu installieren und den gewünschten in den Einstellungen zu wählen.

Android O wird sogenannte Wide-Gamut-Displays unterstützen, die in vielen High-End-Smartphones bereits eingebaut sind: Apps können nun dem System signalisieren, dass sie gerne einen (erweiterten) Farbraum nutzen möchten und dann Bilder mit eingebettetem Farbprofil laden. Wie genau die Unterstützung in der Praxis aussieht, ist mangels Anwendungen noch nicht klar. Bisher haben einige Gerätehersteller dafür eigene Lösungen gebastelt, künftig soll es Android auch direkt unterstützen.

Von Android TV kommt die Möglichkeit, Videos künftig als Bild-In Bild über anderen Apps weiter laufen zu lassen. Die neue Multi-Display-Unterstützung ermöglicht es, Inhalte auf einen zweiten Bildschirm zu starten oder zu verschieben und dort auch daran zu arbeiten.

Apps müssen künftig für Overlays eine spezielles Layout wählen und können sich nicht mehr als Systemmeldung ausgeben oder sich über kritischen Systemmeldungen einblenden. Diese neuen App-Overlays kann der Nutzer dann wie Benachrichtigungen einfach blockieren.

Im neuen Android zieht eine native Unterstützung für hochwertigere, aber proprietäre Audio-Codecs ein. Auf damit kompatiblen Smartphones kann das System nun Qualcomms aptX (HD) und Sonys LDAC verwenden, die Gerätehersteller müssen die notwendige Software nicht mehr selbst ins Android backen. Das dürfte nicht nur die Anpassungszeit verkürzen, Google betont auch die gestärkte Zusammenarbeit mit den Hardwarepartnern. So habe Sony alleine für LDAC 250 Bugfixes und 30 Erweiterungen beigesteuert.

Noch experimentell ist die "AAudio API for Pro Audio", die professionellen Audio-Apps möglichst niedrige Latenzen bieten soll.

Mit dem der Unterstützung für Wi-Fi Aware [6] werden entsprechend ausgestattete Geräte künftig direkt über WLAN miteinander reden können, ohne einen Umweg übers Internet gehen zu müssen. So können Smartphones automatisch von in ihrer Nähe per WLAN erreichbaren Druckern, Displays und Ähnlichem erfahren und ohne Aufbau einer dedizierten Verbindung kleine Informationshappen wie Standortinformationen oder Sensormesswerte austauschen. Was bisher fehlt, sind passende Geräte.

Google verspricht für Android O eine verbesserte Tastatur-Unterstützung und begründet das interessanterweise mit der Verfügbarkeit von Google-Play-Apps auf Chrome OS. Die häufiger vermutete Vereinigung beider Systeme scheint also weiter voranzugehen. Insgesamt sollen die Pfeiltasten und die Tab-Taste nun konsistenter arbeiten, wie es von anderen (Desktop-)Systemen gewohnt ist.

Apps aus externen Quellen werden nun jeweils für das ausführende Programm freigegeben.

(Bild: Screenshot)

Noch können sich zahlreiche Dinge bis zur finalen Version von Android O ändern, einige interessante Anpassungen deutet die Entwicklerversion aber schon ohne explizite Erwähnung von Google an. Die Installation von Apps aus externen Quellen wird nun etwas ausgefeilter beschränkt: Statt das Sideloading pauschal zu erlauben oder zu verbieten, wird die Erlaubnis nun für die jeweilige App erteilt, die das Paket geladen hat. So kann die Installation aus dem Browser heraus verboten bleiben, aber etwa dem Amazon Appshop oder F-Droid generell erlaubt werden. Die Option wandert zudem zu den anderen App-Zugriffsrechten ins Einstellungsmenü.

Die Einstellungen haben sich optisch stark verändert und sind nun in weniger Oberkategorien eingeteilt, dafür werden diese verschachtelter. Teilweise blendet Android weitergehende Einstellungen aus, um die Liste optisch kürzer zu machen. Erst ein weiterer Fingerdruck bringt dann alle Elemente zum Vorschein. Anfangs ist das wegen zahlreicher Umverteilungen gewöhnungsbedürftig und erinnert eher an Samsungs Android-Oberfläche.

Weiter gearbeitet wird an den Schnelleinstellungen. In der kompakten Ansicht sind nun mehr Funktionen untergebracht, in der aufgeklappten Version führt ein Druck aufs Symbol wieder direkt in die Einstellungen und nur ein Tippen auf die Schrift darunter zu den in Android 7.0 eingeführten Untermenüs.

Der weiterhin versteckte SystemUI-Tuner erlaubt jetzt die Navigationsleiste zu ändern und die Verteilung der Buttons links- oder rechtsbündig zu gestalten. Zudem können zwei weitere Schaltflächen links und rechts hinzugefügt werden, etwa eine Verknüpfung zur Zwischenablage. Auf den Sperrbildschirm lassen sich nun Verknüpfungen zu zwei Apps links und rechts unten festlegen, bisher war da fest die Kamera-App untergebracht. Den SystemUI-Tuner schaltet man wie gehabt mit einem langen Druck auf das Zahnrad in den Schnelleinstellungen frei.

Mit Android O soll die WebView-Komponete standardmäßig in einem getrennten Prozess laufen. Damit würden Inhalte aus dem Netz getrennt von der App laufen, die WebView dafür aufruft. Das soll die Sicherheit und Stabilität erhöhen. Bei Android 7 und in der aktuellen Entwicklervorschau muss die "WebView-Simultanverarbeitung" noch in den Entwicklereinstellungen aktiviert werden.

Android O Developer Preview (15 Bilder) [7]

[8]
Vieles ist bei Android O unter der Haube passiert, das Einstellungsmenü ist aber schon erkennbar anders.

Noch steckt Android O klar im Entwicklungsstatus, viele Feature sind noch nicht ausgereift, einige nur angedeutet und anderen fehlt die App-Unterstützung. Was sich heute schon sagen lässt: Google bemüht sich weiterhin beliebte Funktionen von anderen Systemen in Android einzubauen und andererseits viele von den Geräteherstellern seit Jahren selbst gebaute Funktionen endlich direkt ins System zu integrieren und damit auch die App-Unterstützung deutlich auszubauen.

Auch die stärkere Zusammenarbeit mit den Herstellern etwa bei den Audio-Codecs und die erneut sehr frühe Bereitstellung der Entwicklerversion lässt zumindest ein wenig Hoffnung, dass das Android-Ökosystem nicht weiter zerfasert. Falls Google das erarbeitete nicht wieder selbst einreißt wie bei Android 7 und den Pixel-exklusiven Funktionen.

Wie stark die weitergehenden Bemühungen um eine längere Akkulaufzeit einschlagen muss die Zeit zeigen. Aber wie schon bei Android 6 und 7 wird deutlich, dass Google den Entwicklern immer mehr Freiheiten entzieht, damit Android den Ruf als Strom- und Ressourcenfresser los wird. (asp [9])


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/meldung/Android-O-Die-erste-Preview-ist-da-3661186.html
[2] https://www.heise.de/meldung/Googles-neue-Smartphones-LG-Nexus-5X-und-Huawei-Nexus-6P-2834126.html
[3] https://www.heise.de/ct/artikel/Google-Tablet-Pixel-C-Ein-bisschen-Notebook-3043099.html
[4] https://developer.android.com/preview/download.html
[5] https://www.heise.de/ct/artikel/Android-Nougat-Funktionen-Veroeffentlichung-Preview-Versionen-3252093.html
[6] https://www.heise.de/ct/ausgabe/2017-1-Wie-Zertifizierungsprogramme-die-WLAN-Evolution-bremsen-3573480.html
[7] https://www.heise.de/newsticker/bilderstrecke/bilderstrecke_3663195.html?back=3662111
[8] https://www.heise.de/newsticker/bilderstrecke/bilderstrecke_3663195.html?back=3662111
[9] mailto:asp@heise.de