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Anga Com & Medienforum: "Fernsehen ist der King"

Vertreter der Fernseh- und Kabelbranche zeigen in Köln demonstrativen Optimismus, fordern aber auch Schutz vor der Netz-Konkurrenz.

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Medienforum und ANGA: "Fernsehen ist der King"

(Bild: heise online / Torsten Kleinz)

Die Deutschen sehen mehr fern als je zuvor, die Umstellung auf HD-Fernsehen läuft nach Plan, ein neuer Kompromiss zur Rundfunkregulierung ist gefunden – auf dem Papier steht es bestens für die Teilnehmer des Medienforums NRW und der parallel stattfindenden Breitbandmesse Anga Com. Doch die Fernsehsender sorgen sich um ihre Vormachtstellung im Medienmarkt.

Wurden auf vorangegangenen Medienforen die OTT-Dienste wie Netflix oder YouTube noch sehr kontrovers diskutiert, herrschte dieses Jahr weitgehende Einigkeit. So betonten die Vertreter der Branchen ihre eigenen Stärken. "Das lineare Fernsehen lebt", erklärte zum Beispiel RTL-Chefin Anke Schäferkordt und verwies darauf, dass alleine in Deutschland im vergangenen Jahr 47 Millionen Endgeräte verkauft wurden, die videotauglich waren.

Die Vertreter der großen Senderfamilien strichen ihre eigene digitale Kompetenz heraus. So übersetzte Schäferkordt die Abkürzung "TV" demonstrativ mit "Total Video", um zu hervorzuheben, dass die Sendergruppe ihre Inhalte auf allen Kanälen erfolgreich verbreitet. Conrad Albert, Vorstandsmitglied bei ProSiebenSat.1 betonte den Lagerfeuer-Charakter der eigenen Angebote. So habe "Germany’s Next Topmodel" zusammengenommen 100 Millionen Video-Views erreicht.

Die klassischen Verbreitungswege über Broadcoast seien allein schon aus technischen Gründen auf absehbare Zeit aber unverzichtbar. "Wenn wir die Staffel nur gestreamt hätten, hätten wir Probleme bekommen", betonte Albert. So wäre auch der stärkste Internetknoten in Deutschland mit der Aufgabe überfordert, so viele Videos einzeln an die Zuschauer auszuliefern.

Gleichwohl wird immer weiter in die digitalen Vertriebskanäle investiert. So kündigte WDR-Intendant Tom Buhrow an, dass die ARD-Mediatheken so überarbeitet werden, dass die Zuschauer künftig persönliche Empfehlungen bekommen können. Bisher spiele dieser Vertriebsweg aber eine vergleichsweise geringe Rolle. "Lineares Fernsehen ist nach wie vor King", sagte Buhrow. So würden Sendungen wie der Tatort allenfalls ein bis zwei Tage lang in nennenswerter Zahl abgerufen.

Misstrauisch zeigen sich die Programm-Produzenten angesichts der Vorstöße von Geräteherstellern und Netzkonzernen, sich selbst als Content-Zentrale zu etablieren. Schäferkordt betonte dabei die Notwendigkeit, die Signalintegrität des eigenen Programms zu erhalten. Es sei nicht tolerierbar, wenn über das eigene Signal fremde Werbung gelegt werde. Voriges Jahr waren Pläne Samsungs bekannt geworden, auf den eigenen Smart-TVs künftig eigenständig Werbung auszuspielen.

Die Kabelnetzbetreiber und die Deutsche Telekom sehen sich als Bewahrer eines vernünftigen Kompromisses zwischen den Interessen der Zuschauer und den Inhalteanbietern. Michael Hagspihl, der bei der Deutschen Telekom für das Privatkundengeschäft verantwortlich ist, appellierte an die Netzbetreiber, sich von Konkurrenten wie Amazon oder Netflix nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen.

"Wir dürfen nicht davor zurückschrecken, dem Kunden den Mehrwert zu erklären, wenn wir mit seinen Daten arbeiten", betonte der Telekom-Manager. Die Telekom experimentiere in ihrem Angebot Entertain damit, dem Kunden Programmempfehlungen zu geben – allerdings bisher nur aufgrund anonymisierter Daten-Cluster. Mit Zustimmung der Kunden seien aber noch deutlich nützlichere Empfehlungen möglich.

Gleichzeitig sind detaillierte Zuschauerdaten aber auch auf andere Weise wertvoll. ProSiebenSat.1 beispielsweise will sich besser auf die Sehgewohnheiten der Netznutzer anpassen. Albert erwartet, dass künftig deutlich kürzere Formate angeboten werden, um die junge Zielgruppe besser zu erreichen – eine Verkürzung der Sendungslänge von üblichen 30 Minuten auf 10 Minuten sei denkbar.

Größten Wert haben die Daten aber auch für die Werbeeinnahmen. Hier verkauften die Sender ihre Inhalte noch deutlich unter Wert, betonte Albert. Noch in diesem Jahr sollen aber die Mediadaten über alle Plattformen hinweg erfasst werden, was zu einer besseren Vermarktung der Onlinevideos führen soll. Von einer überarbeiteten Medienregulierung können die Privatsender deutlich gelockerte Werberegulierungen erwarten.

Im Detail hakt es aber mit der Selbstregulierung der Branche. Problematisch ist die Umstellung des Kabel-Programms auf reine digitale Angebote, da die Wohnungswirtschaft nicht mitspielen will. Sie befürchtet, dass mit der Umstellung Preiserhöhungen verbunden wären. Der Vorstoß von Unitymedia, im Jahr 2017 die Analogkanäle im Kabel abzuschalten, wird daher bisher von anderen Anbietern noch nicht mitgetragen. (anw)