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Anga Com: "Wenn die Netzneutralität fällt, wird sich der Charakter dieses Netzes ändern"

Auf der Branchenmesse Anga Com haben sich deutsche Provider zwar zur Nichtdiskriminierung bekannt, wollen sich aber die Möglichkeit offen halten, Sonderdienste zu verkaufen.

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Angacom: Ende der Netzneutralität würde Charakter dieses Netzes ändern

Blick auf die diesjährige Angacom

(Bild: Angacom)

Während die Verhandlungen zur Netzneutralität auf europäischer Ebene weiterhin auf der Stelle tritt, versuchen Provider weitgehende Regeln zu verhindern. Auf der Breitbandmesse Anga Com in Köln zeigten sich auch Regulatoren skeptisch, ob eine detaillierte Regelulierung durchsetzbar wäre und gleichzeitig die Vielfalt sichern könne. Angesichts der europäischen Marktsituation und Rechtslage sehen einige Provider fast gar keinen staatlichen Handlungsbedarf.

Die parallel in Köln tagenden Vertreter der TV-Sender verfolgen die Debatte um die Netzneutralität aufmerksam – schließlich ist nicht nur Netflix im Onlinevideo-Bereich unterwegs. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender und ihre private Konkurrenz senden immer mehr Inhalte über das Internet ans Publikum. Das Geld für Übertragungskapazitäten sitzt den Sendern derzeit nicht locker. So haben ARD und ZDF die Zahlungen an die Kabelbetreiber eingestellt, RTL will die bisher kostenfreie terrestrische Übertragung bei der Einführung von DVB-T2 monetarisieren.

Zwar gebe es bisher keine Probleme, ihre Inhalte ins Netz zu bringen, betonten Sendervertreter. Dies müsse aber nicht so bleiben. So sprach WDR-Justiziar Michael Libertus von einem "Gefährdungspotenzial", VPRT-Vorsitzender Tobias Schmid warnte gar: "Wenn die Netzneutralität fällt, wird sich der Charakter dieses Netzes ändern."

Die Provider geben sich auf der Angacom betont konsensorientiert. Manuel Cubero, Geschäftsführer von Kabel Deutschland erklärte, dass mittlerweile 60 bis 70 Prozent des Internettraffics im Netz des Providers durch Online-Videos verursacht werde. Dennoch seien die "Over-the-top"-Dienste wie Netflix keinesfalls Gegner der Internetprovider. Sie heizten die Nachfrage nach großen Bandbreiten an und zeigten den Providern, wie sie ihre eigenen Content-Angebote ausgestalten müssen. Von einem "Love-hate-Verhältnis" sei man deshalb zu einem "Love-Love-Verhältnis" gekommen.

Gleichwohl will sich Cubero gerne auch an den Netflix-Umsätzen beteiligen und dem Anbieter höhere Qualitätsklassen als im "Best-Effort-Netz" verkaufen, in dem Inhalte weiterhin gleich behandelt werden sollen. Auch sei ein Angebot für Endkunden denkbar. "Ich könnte mir vorstellen, dass Gamer für bessere Latenzzeiten zahlen", sagte Cubero in Köln. Unitymedia-Manager Wolf Osthaus brachte die Möglichkeit ins Spiel, Ereignisse wie Spiele der Fußballweltmeisterschaft im Multicast-Verfahren zu übertragen, um so den Sendern viel Geld zu sparen, die bei unkoordinierten Streams anfallen. Konkrete Pläne gibt es jedoch für keine dieser potenziellen Anwendungen.

Unklar blieb, wie die Provider überhaupt einen Markt erschließen können, um hochwertige Internetdienste zu verkaufen. So hat zum Beispiel IPv6 Quality-of- Service-Funktionen eingebaut, die die bevorzugte Zustellung bestimmter Datenpakete sicherstellen können. Verlässt das Paket jedoch das Netz eines Providers, werden diese Priorisierungsinformationen vom empfangenden verworfen. Lösungen, um Dienste über Providergrenzen hinweg zu priorisieren gibt es derzeit nicht.

Das Provider-Rating von Netflix sei effektiver als viele Netzneutralitäts-Regulierungen, argumentieren die Provider.

(Bild: Netflix)

Zudem haben die potenziell zahlungskräftigsten Anbieter am wenigsten Grund, für die Sonderleistungen zu zahlen. So betonten mehrere Provider, dass sie es sich nicht leisten könnten, dass Netflix-Videos bei ihren Kunden ins Stocken geraten. So geht der Video-On-Demand-Anbieter mit dem Thema offensiv um, und publiziert öffentlich, bei welchen Providern Kunden die qualitativ besten Streams empfangen können.

Unterdessen hoffen die Provider darauf, dass sich im Bereich Mobilität oder Internet 4.0 neue Techniken und Geschäftsmodelle entwickeln, die die Einführung von Qualitätsklassen wirtschaftlich rentabel machen könnten. Welche das sein mögen, steht jedoch in den Sternen. (mho)