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Angacom: Der lange Weg „vom Vectoring- zum Gigabit-Land“

Nach dem Scheitern des Breitband-Ziels für 2018 wollen Politik und Wirtschaft nun bis 2025 das Gigabit schaffen. Das dürfte erneut verdammt knapp werden.

Angacom: Der lange Weg „vom Vectoring- zum Gigabit-Land“

Jürgen Grützner (VATM), Andrea Huber (ANGA), Marcus Isermann (Telekom) und Tobias Miethaner (BMVI) diskutieren auf der Angacom über den Breitbandausbau.

(Bild: heise online/Kleinz)

Mit weniger Regulierung, besseren Verfahren und mehr Zusammenarbeit wollen die Netzbetreiber das von der Bundesregierung vorgegebene Ziel erreichen, bis 2025 in Deutschland flächendeckend Gigabit-Anschlüsse zur Verfügung zu stellen. Doch obwohl die Branche viele Streitpunkte beseitigt hat, ist der Zeitplan ambitioniert. Das wurde auch auf dem Breitbandtag der Fachmesse Angacom in Köln deutlich.

So haben die ausbauwilligen Unternehmen derzeit große Probleme, ihre Kabel tatsächlich in die Erde zu bringen. „Uns fehlt zunehmend das Personal“, beklagte Thomas Braun, Präsident des Kabelnetzbetreiber-Verbands Anga, am Donnerstag in Köln. Sowohl im Tiefbau als auch bei den Technikern gebe es große Rekrutierungsprobleme. Derzeit arbeite man vor allem mit portugiesischen Unternehmen zusammen, die den Ausbau im eigenen Land bereits abgeschlossen haben.

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Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) gestand auf der Messe in Köln ein, dass das Ziel, bis Ende 2018 flächendeckend 50-MBit/s-Anschlüsse zu haben, gescheitert sei. Im Bundesland habe man insgesamt nur eine Abdeckung von 83,5 Prozent erreicht, in ländlichen Gebieten sogar nur von 47 Prozent. Dabei sei dies noch wesentlich besser als der Bundesdurchschnitt, wo auf dem Lande allenfalls 37 Prozent der Haushalte versorgt seien.

„Wir müssen ehrgeiziger werden“, betonte Pinkwart. So wolle die nordrhein-westfälische Landesregierung noch vor der Sommerpause Pläne eine umfassende digitale Strategie vorstellen, die dann von Stakeholdern diskutiert werden solle. Das solle auch dem Trend entgegenwirken, dass immer mehr Menschen von ländlichen Gebieten in die Städte umziehen.

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hält die Breitbandpläne der Bundesregierung für gescheitert.

(Bild: heise online/Kleinz)

Pinkwart kritisierte die Bundesregierung, da sie das von der damaligen Bundesbildungsministerin Wanka bereits 2016 ausgelobte Förderprogramm über fünf Milliarden Euro für Schulen noch nicht umgesetzt habe. „Man hätte das Geld auszahlen können“, sagte Pinkwart. „Wenn wir so weiterarbeiten, verschlafen wir die Entwicklung.“

Der Finanzminister plädierte für einen pragmatischen Umgang mit den Bauvorschriften. „Glasfaser sind nicht blitzschlaggefährdet und frieren auch nicht ein – sie müssen deshalb nicht 1,50 Meter tief verbuddelt werden“, sagte Pinkwart und befürworteten damit die Microtrenching-Technik, bei der die Kabel in vergleichsweise schmale und flache Schlitze verlegt werden. Das Verfahren wird auch von den Providern favorisiert; Kommunen sind jedoch angesichts möglicher Folgen für den Straßenbelag eher vorsichtig.

Im Hinblick auf die langfristige Umsetzung der Breitbandziele sind inzwischen alle Beteiligten einig: Nur mit Glasfaser sei die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung und Unternehmen zu gewährleisten. Auch die Deutsche Telekom hat versprochen, nach dem derzeitigen Ausbau des Vectoring-Netzes ab 2021 jährlich zwei Millionen Haushalte direkt mit Glasfaser anzuschließen.

Für Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Branchenverbands VATM, ist die bisherige Festlegung des Konkurrenten auf Kupferkabel jedoch ein Hemmschuh für den Ausbau gewesen. Wo die Telekom Vectoring anbiete, sei es sehr schwer, die grundlegend bessere Technik zu vermarkten. „Die Frage ist nun: Wie werden wir nun von einem Vectoring-Land zu einem Gigabit-Land?“, sagte Grützner.

Marcus Isermann, Chef-Lobbyist der Telekom, versuchte den Spieß umzudrehen: Nicht die Kupfertechnik sei der Hemmschuh, sondern die Kabelanbieter das größte Hindernis für einen flächendeckenden Glasfaser-Ausbau. So seien die Anbieter trotz der Vermarktung von Gigabit-Tarifen heute tatsächlich nicht in der Lage solche Geschwindigkeiten effektiv in der Breite anzubieten, da deren Netz nicht gut genug ausgebaut sei. Die Kabelnetzbetreiber bestreiten das.

Sowohl Telekom als auch die Konkurrenten zeigten sich optimistisch, dass sie in den meisten Gebieten auf eigene Rechnung Anschlüsse anbieten können – bis zu 30 Prozent der Haushalte sind jedoch auf zusätzliche Initiativen wie Förderprogrammen angewiesen. Dabei machen sich alle Beteiligten für einen Technologiemix stark. So soll auch die Versorgung per Mobilfunk-Technik auf der letzten Meile denkbar.

Die Bundesregierung verspricht inzwischen, ihre weitgehend gescheiterte Förderstrategie grundsätzlich zu überarbeiten. „Man hat uns im Koalitionsvertrag zehn bis 12 Milliarden Euro zugesagt“, betonte Tobias Miethaner, Abteilungsleiter Digitale Gesellschaft im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Angesichts dieser Geldmittel könne man deshalb künftig auf langfristiges Scoring verzichten, bevor man eine Förderzusage erteilen könne.

Grützner warnte vor „grauen Flecken“ – also Gebieten, die in der ersten Förderunde mit Techniken bis zu 50 Megabit/Sekunde ausgebaut wurden und nun auf diese Höchstgeschwindigkeit festgelegt seien. Hier versprach Miethaner Abhilfe. So sei es bereits jetzt möglich, laufende Projekte auf Gigabit-Geschwindigkeit aufzustocken. Nach der Sommerpause will die Bundesregierung weitere Schritte entscheiden, wie der Übergang zu Gigabit-Projekten vereinfacht werden könnte.

Uneinigkeit herrscht noch darüber, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen den Ausbau voranbringen könnten. So sprechen sich alle Marktteilnehmer für weniger Regulierung für sich selbst aus, fordern aber zugleich einen Schutz vor unzulässiger Konkurrenz. So betonte Isermann, dass es keine Berechtigung mehr gebe, die Telekom zu regulieren, wenn das der Wechsel zum Gigabit-Netze stattfinde. Gleichzeitig argumentiert der Konzern heftig gegen einen Zusammenschluss der Konkurrenten Vodafone und Unitymedia.

Auch die Kabelnetz-Anbieter wollen ihre letzte Meile nicht mit einer Open-Access-Regelung für die Konkurrenz öffnen. Entsprechende Vorschläge lehnten Branchenvertreter in Köln vehement ab. Grützner warnte dabei: „Die deutsche Wirtschaft muss wissen: Wenn wir uns nicht einigen, muss der Regulierer tätig werden.“ Für Kooperationen beim Netzausbau insgesamt zeigen sich aber alle Marktteilnehmer aufgeschlossen.

Insgesamt zeigte sich Grützner skeptisch, ob auch das neue Breitband-Ziel der Regierung erreichbar sei. Zwar habe auch er das Jahr 2025 als Ziel für den Gigabit-Ausbau vorgegeben, seitdem seien aber bereits drei Jahre vergangen. „Wenn wir diesen Ausbau nun in sieben statt zehn Jahren schaffen sollten, wird das ein Kraftakt“. (Torsten Kleinz) / (vbr)

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