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Anno 1800 angespielt: Prächtige Aufbaustrategie nach bewährtem Rezept

Anno 1800 angespielt: Prächtige Aufbaustrategie

(Bild: Ubisoft)

Mit Anno 1800 kehrt die Spielereihe zu ihren historischen Wurzeln zurück – und präsentiert zugängliche Aufbaustrategie vor einer detailverliebten Kulisse.

Von wegen Ökobilanz und Planetenbesiedlung – Anno 1800 von Ubisoft und Blue Byte Mainz setzt im Gegensatz zu den beiden futuristischen Vorgängern ganz auf historische Aufbaustrategie. Die Spieler zieht es diesmal in die Zeit der industriellen Revolution.

Anno 1800 legt vor diesem spannenden Hintergrund mehr Wert auf Story als viele Vorgänger. Fernab der Heimat erreicht die Hauptfigur der Hilferuf seiner Schwester: Der Vater ist als Unschuldiger im Gefängnis gestorben und das Familienerbe steht auf dem Spiel. Rasch macht er sich mit seinem treuen Freund und Ratgeber Aarhant auf die Heimreise und sticht bald in ein Wespennest aus Intrigen und Hinterhältigkeiten. Der Graf von Monte Christo lässt grüßen.

Im Kern geht es aber nach wie vor darum, auf einer kleinen Insel ein florierendes Wirtschaftsimperium zu errichten, Handel mit den Nachbarn zu treiben und Konflikten wenn möglich aus dem Weg zu gehen. Der Kern des Erfolgs liegt in der geschickten Städteplanung, damit jeder Bürger in Wohlstand leben kann. Wirtshäuser, Webereien, Metzger und die anderen Wirtschaftsgebäude sollten so platziert werden, dass möglichst viele Einwohner in ihrem Einflussbereich liegen. Sind die Bürger endlich zufrieden, können sie vom einfachen Bauern zum Arbeiter oder Handwerker befördert werden. Wer stattdessen einfach drauflosbaut, Wohnhäuser zu eng positioniert oder aus Kostengründen auf Feuerwehr oder Polizei verzichtet, schlägt sich bald mit Bränden oder Aufständen herum.

Für die Inselbesitzer gibt es selten eine ruhige Minute. Ständig bekommen die Spieler neue Aufträge: Da eine Fabrik errichten, dort eine kleine Flotte für die Königin bauen oder einfach Seehandelswege planen. Im Diplomatie-Menu gehen die Spieler mit der Konkurrenz Allianzen ein oder übernehmen lukrative Aufträge, indem sie zum Beispiel ein Schiff eskortieren oder Botengänge von einer Insel zur Nächsten erledigen. Falls den Spielern mal wichtige Rohstoffe fehlen, müssen sie bei den anderen Fraktionen einkaufen oder neue Inseln besiedeln.

Für Expeditionen müssen die Spieler erst das richtige Schiff auswählen und ausstatten, um auf die Reise zu gehen. Ähnlich wie in einem Gamebook müssen die Spieler dann Entscheidungen treffen, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Allerdings geht das Alltagsgeschehen weiter: Während die Wirtschaft angekurbelt wird haben die Spieler als Inselbesitzer das letzte Wort über die Titelseiten der Lokalpresse und können die Stimmung der Bevölkerung durch Fake News beeinflussen. Logisch, dass dies nicht jedem Handelspartner gefällt.

Ein bisschen nervig ist ein weiteres, aus der Reihe bekanntes Spielelement: Von Zeit zu Zeit wollen die Bürger, dass ihr Herr für sie Schnappschüsse macht oder wie in einem Wimmelbild-Spiel die Insel nach bestimmten Personen absucht. Immerhin hat man so einen Grund, auf die wunderschönen Wusel-Animationen zu zoomen.

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Im Gegensatz zum Vorgänger haben die Entwickler das Kampfgeschehen reduziert. Zumindest in unseren Anspielstunden sind wir nur gelegentlich auf Piraten gestoßen. Mit einer Eskorte konnten wir die Angriffe automatisch zurückschlagen, ohne uns direkt in die simplen Echtzeitstrategiegefechte einzumischen. Auch Inselbelagerungen oder größere Seeschlachten mit konkurrierenden Fraktionen wurden nur angedeutet. Den Multiplayer haben wir vor dem Release noch nicht ausgiebig testen können, aber er klingt spannend: Die Spieler konkurrieren hier um die Weltherrschaft, schließen Handelsverträge oder kämpfen gegeneinander. Ein Koop-Modus soll später nachgeliefert werden.

Bei der visuellen Umsetzung wurde dagegen ganz und gar nicht gespart: Anno 1800 ist das prachtvollste Anno aller Zeiten. Egal ob Explosionen die Stadt erschüttern oder die Spieler dank des stufenlosen Zooms am wuseligen Leben der Bürger teilnehmen können – die Welt ist detailverliebt, lebendig und bunt. Lediglich die Inszenierung der Story enttäuscht: Ein paar Texteinblendungen und nüchterne Cutscenes wecken kaum Emotionen. Echte Anno-Fans stört das kaum, dient die Story doch im Wesentlichen nur als Tutorial für den Endlos-Modus.

Anno ist dieses Mal wieder Anno – zum Glück. Im Gegensatz zum umstrittenen Ausreißer 2205 wagt Blue Byte bei Anno 1800 weniger Experimente. Stattdessen besinnt sich das Mainzer Entwicklungsstudio auf die bewährten Tugenden: zugängliche Aufbaustrategie mit einer fantastischen, detailreichen Grafik, die dem ansonsten etwas spröden Aufbaustrategie-Genre viel Leben einhaucht.

In den ersten Spielstunden präsentiert sich die Wirtschaftssimulation gewohnt einsteigerfreundlich und führt behutsam an die stetig komplexer werdenden Spielmechaniken heran. Einen Hardcore-Strategiebrocken dürfen Profis nicht erwarten – niemand wird von verschachtelten Menus oder drögen Statistiken erschlagen. Anno 1800 will in erster Linie Spaß machen. Gelingt das nach den ersten Spielstunden auch im Endgame oder dem Mehrspielermodus so gut, dürfen sich die Spieler auf wochenlanges Aufbau-Vergnügen freuen.

Anno 1800 (ab 48,60 €) [3] erscheint am 16. April für Windows. Das Spiel ist nur im Epic Store und bei Uplay erhältlich [4]. USK ab 6. Für unseren Artikel haben wir haben wir ein paar Stunden die Windows-Version gespielt.

Siehe dazu auch:

(dahe [6])


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[3] https://www.heise.de/preisvergleich/anno-1800-pc-a1678556.html?hocid=newsticker&wt_mc=intern.newsticker.textlink-pvg.pvg_a1678556
[4] https://www.heise.de/newsticker/meldung/Nur-im-Epic-Store-Auch-Anno-1800-fliegt-bei-Steam-raus-4357356.html
[5] https://www.heise.de/download/blog/Die-besten-Strategiespiele-fuer-Windows-Mac-und-Linux-4063338
[6] mailto:dahe@heise.de