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Anonymous gegen Scientology: Bewegung orientiert sich neu

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Am 16. August veranstaltete Anonymous die siebte weltweite Protestaktion gegen Scientology. In über 80 Städten trafen teils maskierte Demonstranten vor den örtlichen Zentralen der umstrittenen Organisation zusammen, um gegen den Umgang von Scientology mit seinen Mitgliedern und Kritikern zu demonstrieren.

Anonymous gegen Scientology: Die Berliner Kundgebung (9 Bilder)

Die Berliner Anonymous-Kundgebung begann mit einem Umzug um die Gedächtniskirche.

Ersten Schätzungen zufolge brach die weltweite Anzahl der Demonstranten weiter ein. Fanden sich im Vormonat noch etwa 2100 Teilnehmer zu "Spy vs. Sci" ein, kamen diesmal schätzungsweise um die 1500 Demonstranten zusammen.

Damit bleibt die letzte Demonstrationswelle weit hinter vergangenen Aktionen zurück – den bisherigen Höhepunkt bildete "The Ides Of March" mit über 9000 Teilnehmern. Der größte Einbruch war in London zu verzeichnen; hier sackte die Zahl von über 600 auf 150 Teilnehmer ab. In den Anonymous-Diskussionsforen hat der Rückgang erhitzte Debatten ausgelöst. Einige plädieren lautstark dafür, das Zählen ganz aufzugeben – es erodiere die Moral und sei nicht repräsentativ für die Wirkung der Aktionen.

Die Internet-Bewegung Anonymous existiert bereits seit Jahren, beschränkte ihre Aktivitäten aber meist auf das Internet. Mitte Januar richtete sich Anonymous gegen die Scientology-Organisation, als diese versuchte, die Verbreitung eines Videos mit Tom Cruise zu unterbinden. Anonymous interpretierte dies als Zensur und reagierte mit Angriffen auf Scientology-Webserver. Kurz darauf schwenkte die Bewegung um: Über Web-Foren und Chat-Räume koordinierte sich eine weltweite Protestwelle. Am 10. Februar ging Anonymous zum ersten Mal auf die Straße, um vor den örtlichen Scientology-Niederlassungen zu protestieren.

Scientology wurde Anfang der 50er Jahre zunächst als Selbsthilfe-Gruppe ins Leben gerufen, um bald darauf zur Religion umzufirmieren. Die Ziele und Mittel der Organisation waren von Anfang an umstritten. In den 70er-Jahren musste Scientology sich mehrfach wegen illegaler Aktivitäten in den USA vor Gericht verantworten. Sprecher der Organisation bezeichnen diese Ereignisse gern als vergangene Fehler; Kritiker sehen darin hingegen systematische Unterdrückungsstrategien mit dem Ziel, die Gesellschaft zu unterwandern.

In Deutschland fanden Kundgebungen in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München und Stuttgart statt. Auch hier waren die Teilnehmerzahlen größtenteils rückläufig, nur Berlin und München trotzten dem Trend. In Berlin zeigte sich die Anonymous-Bewegung trotz schlechten Wetters ungebrochen. Am Versammlungspunkt trafen etwa fünfzig Teilnehmer zusammen. Einige Neuzugänge hatten am Morgen im Tagesspiegel von der Kundgebung gelesen und schlossen sich spontan der Demonstration an.

Die Anonymous-Demonstration in der Hauptstadt zog zunächst um den Kurfürstendamm und hielt zweimal, um warnende Reden vorzutragen und Flugblätter zu verbreiten. Dabei passierte der Umzug auch einen Dianetik-Stand der örtlichen Scientology-Niederlassung, was mit lauten Gejohle kommentiert wurde. Die Scientologen sahen betont an den Demonstranten vorbei.

Wie bei den vergangenen Veranstaltungen endete die Kundgebung in der Otto-Suhr-Allee neben der siebenstöckigen Zentrale von Scientology Deutschland. Wie üblich hatte Scientology eine Gegendemonstration angemeldet; diese beschränkte sich jedoch auf eine Handvoll Teilnehmer, die ihre Schilder gegen die Brüstung gelehnt ließen. Die Vermutung liegt nahe, dass die Organisation mit ihrer Gegenveranstaltung nur verhindern will, dass die Anonymous-Demonstranten direkt vor dem Scientology-Gebäude Position beziehen.

Ein Grund für die schrumpfende Teilnehmerzahl an den weltweiten Demonstrationen dürfte in den Turbulenzen innerhalb der Anonymous-Bewegung zu suchen sein. In den vergangenen Wochen sah es kurzzeitig so aus, als ob sich die Protestbewegung selbst zerfleischen würde.

Ein seit längerem schwelendes Problem ist der Umgang von Anonymous mit langjährigen Scientology-Kritikern, unter denen sich zahlreiche Ex-Scientologen befinden. Als sich Anonymous Ende Januar erstmals gegen Scientology richtete, reagierten langjährige Aktivisten zunächst verschreckt. Schnell erkannten die beiden Gruppen jedoch, dass sie im Verbund mehr ausrichten konnten. Anonymous lud die "alte Garde" dazu ein, mitzudemonstrieren und finanzierte im vergangenen Monat sogar Flugreisen für ausgewählte Scientology-Kritiker.

Nach der letzten Protestwelle zeigte die Allianz jedoch Brüche. In der US-Hauptstadt Washington entwickelte sich am Rand der Kundgebung eine erhitzte Diskussion zwischen einem Demonstranten der "alten Garde" und einem Anonymous. Der Zwischenfall führte dazu, dass Anonymous eine ehemals hochgeschätzte Ex-Scientologin öffentlich verwarnte.

Ein weiterer Konfliktpunkt war das Bekanntwerden einer Denkfabrik innerhalb der Anonymous-Bewegung. Dieser "harte Kern" der Bewegung hatte Ideen für die Demonstrationen entwickelt und sie zur offenen Diskussion gestellt. Als einer der Ideenlieferanten ausscherte und die Existenz der Gruppe öffentlich machte, kam es zum Eklat: Einige Anonymous-Teilnehmer fühlten sich manipuliert und verraten. Die Angelegenheit schlug derart hohe Wogen, dass die letzte Demonstrationswelle keinem einheitlichen Thema mehr folgte.

Mittlerweile hat sich die Bewegung aber offenbar wieder gefangen. Die "alte Garde" mag ihren Nimbus verloren haben, was sie aber nicht davon abhielt, weiter mit zu demonstrieren. Der von Anonymous als "Wise Beard Man" titulierte Scientology-Kritiker Mark Bunker fand sich unangekündigt im kalifornischen Tustin ein und wurde dort herzlich willkommen geheißen. Auch in den Foren glätten sich die Wogen wieder. Anonymous mag angeschlagen sein, ist aber noch lange nicht am Ende.

In einem Anfang August auf YouTube veröffentlichten Video verkündet eine synthetische Stimme den Beginn von "Phase Three": Anonymous werde sich auf seine ursprünglichen Ziele besinnen und seine Taktiken ändern. Die nächste globale Demonstrationswelle soll am 13. September stattfinden. (ghi)