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Anonymous vs. Scientology: Tom Cruise signiert Maske

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Die als "Anonymous" firmierenden Online-Aktivisten nutzten die Europapremiere des Stauffenberg-Films "Operation Walküre" in Berlin, um Stimmung gegen Scientology zu machen – mit begrenztem Erfolg. Vor einem Jahr rief Anonymous erstmals zum Kampf gegen die umstrittene Scientology-Organisation auf. Auslöser waren juristische Versuche, ein Video von Tom Cruise aus dem Netz zu hebeln. Im beanstandenten Clip schwärmte der Filmstar etwas übermotiviert von Scientology. Das Video wurde schnell zum Online-Phänomen und Quell zahlreicher Parodien.

"Anonymous" begriff die Tätigkeit der Scientology-Anwälte als Zensurversuch, informierte sich über die Ziele der Organisation und rief zum Kampf gegen Scientology auf. Nach einer Serie von Angriffen auf Scientology-Webserver schwenkte Anonymous im Februar 2008 auf friedliche Proteste um. Dabei versammelten sich Anonymous-Demonstranten weltweit vor Scientology-Zentralen, mit Schwerpunkten in London, Los Angeles und New York. Viele von ihnen trugen dem Film "V für Vendetta" entlehnte Masken.

Ein Jahr später sind die Scientology-Gegner immer noch aktiv – allerdings zahlenmäßig stark geschrumpft. Vielerorts sind die weltweiten monatlichen Demonstrationen komplett eingeschlafen, anderorts nur noch ein Schatten seiner selbst. London etwa zählte zu Hochzeiten 600 Demonstranten; am vergangenen Samstag waren es nur noch 40.

Anonymous: Tom Cruise signiert Maske (3 Bilder)

Tom Cruise gibt Autogramme auf dem roten Teppich zur Europapremiere des Films "Operation Walküre".

Tom Cruise besitzt als Katalysator für die Bewegung nach wie vor einen besonderen Status. So konnte wenig überraschen, dass die Anonymous-Aktivisten das Erscheinen des neuesten Cruise-Films als Sprungbrett für eigene Aktionen nutzen. Bei der Weltpremiere von "Valkyrie" in New York am 15. Dezember standen etwa 15 maskierte Demonstranten am Rande der Veranstaltung.

Für die gestrige Europapremiere von "Operation Walküre: Das Stauffenberg-Attentat" in Berlin hatten die Anonymen geplant, sich in Zivil unter die Tom-Cruise-Fans am roten Teppich zu mischen, um dann beim Erscheinen des Filmstars ihre Masken herauszuholen. Das Vorhaben wurde jedoch von den Sicherheitsleuten des Veranstalters vereitelt, die zielsicher und diskret die falschen Fans aus der Menge fischten. Einer Aktivistin wurde erklärt, sie gehöre zu einer "Tom-Cruise-feindlichen Gruppe" und sei daher unerwünscht.

So improvisierten die Anonymen schnell einen per Twitter koordinierten "Plan B", zogen beim Eintreffen des Filmstars ihre V-Masken übers Gesicht und skandierten minutenlang "Kein Scientology". Dann schritt die Berliner Polizei ein: Über ein Dutzend Demonstranten wurden wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz vorübergehend festgenommen und erhielten einen Platzverweis.

Einer der Anonymen konnte allerdings seine Tarnung aufrecht halten und blieb am roten Teppich. Dabei gelang es ihm sogar, Tom Cruise zum Signieren seiner Anonymous-Larve zu bewegen. Sicherheitskräfte wollten die Plastikmaske schon konfiszieren, als der Schauspieler dazwischentrat, kurzerhand ein Peace-Symbol auf die Maske zeichnete und dann sein Autogramm daruntersetzte.

Der Demonstrant hielt das surreale Geschehen geistesgegenwärtig per Handyvideo fest: So hat Anonymous jetzt ein neues Tom-Cruise-Video. Die Anonymous-Aktivisten dürften den Moment ebenso als Erfolg bewerten wie Cruise, der sich durch den Sprechchor von der anderen Straßenseite das Dauerlächeln keinen Moment aus dem Gesicht wischen ließ.

Nicht nur Anonymous nutzte die Europapremiere als Anlass zu politischen Aktionen. Während Cruise noch Autogramme vor dem Kinoeingang gab, lief ein rosaroter Riesenhase mit Augenklappe auf den roten Teppich. Minutenlang stand der Hase mitten im Scheinwerferlicht der Presse, bevor die etwas verdutzten Sicherheitskräfte den Störer wegführten. Nachdem eine laute Menschengruppe – gewiss nicht unprovoziert – "Freiheit für den Hasen" skandierte, ließ die Polizei den kostümierten Mann ziehen. Währenddessen verteilten junge Helfershelfer pinke Zettel der "Naturfreundejugend Berlin" an die Passanten. Das Flugblatt greift den Mythos um den Hitler-Attentäter an und tituliert den Grafen als "Stauffenbunny".

In dieselbe Kerbe schlugen die Aktivisten von "nevergoinghome", die in gebührendem Abstand zum Premierenteppich die einzige angemeldete Gegenveranstaltung des Abends abhielten. Vor einem großen Transparent verteilten sie eine 32-seitige Broschüre mit Aufsätzen gegen den Mythos Stauffenberg.

Siehe dazu auch:

(Gerald Himmelein) / (ghi)

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