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Anonymous vs. Scientology: weniger Demonstranten, mehr Stimmung

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Am 10. Mai fanden die vierten weltweiten Anonymous-Demonstrationen gegen Scientology statt. Die Internet-Bewegung Anonymous findet sich seit Februar im Monatsrhythmus vor den Zentralen der Organisation zusammen, um gegen die Methoden von Scientology zu protestieren.

Anonymous wandte sich Mitte März spontan gegen Scientology, als Anwälte versuchten, ein Video mit Tom Cruise aus dem Verkehr zu ziehen. In dem umstrittenen Clip schwärmte der Schauspieler unter anderem, ein Scientologe sei bei einem Unfall als einziger wirklich zur Hilfe qualifiziert.

Der anfängliche Unmut über das verschwundene Video schlug schnell in Empörung über die allgemeinen Strategien von Scientology um. Am darauffolgenden Wochenende legte Anonymous die Webserver der Organisation lahm. Kurz darauf besannen sich die anonymen Aktivisten um und beschlossen, weltweit gegen Scientology auf die Straße zu gehen. Der Umschwung wird dem Fernsehjournalisten Mark Bunker zugeschrieben, der seit Jahren kritisch über die Organisation berichtet.

Anonymous beschloss, am selben Tag zeitversetzt um jeweils 11 Uhr Ortszeit weltweit vor den Scientology-Zentralen Position zu beziehen – vorzugsweise maskiert. Die Idee fand großen Anklang. Zur ersten Protestwelle am 10. Februar trafen sich über 7000 Demonstranten. Der zweite Protest am 15. März war mit über 8500 Teilnehmern von den Zahlen her bisher die erfolgreichste Aktion.

Die Demonstrationen verliefen bis auf kleine Zwischenfälle friedlich. Zur Koordinationen der Aktionen und Themen nutzen die Teilnehmer Chat-Räume, Internet-Foren und Wikis. Realnamen sind dabei verpönt; die meisten Demonstranten kennen einander bestenfalls unter ihren Online-Pseudonymen.

Bei den letzten beiden Proteste nahmen die Zahlen deutlich ab: am 12. April zählten die Anonymen nur noch knapp 6000 Teilnehmer. In diesem Monat zeigte sich eine klare Verschiebung: kleinere Demonstrationen wuchsen an, mittlere blieben stabil. Die Veranstaltungen in internationalen Metropolen wie Los Angeles, London und Sydney schrumpften hingegen.

Die internationalen Demonstrationen haben die Unterstützung von Scientology-Kritikern und Ex-Scientologen. In San Francisco wurde der Schauspieler Jason Beghe gesichtet, der bis zu seinem Ausstieg vor einigen Monaten zur Scientology-Prominenz gehörte. Mark Bunker und die Ex-Scientologin Tory Christman nahmen in Los Angeles an den Protesten teil.

Mark Bunker verlor vor einigen Wochen seinen YouTube-Account aufgrund einer Copyright-Beschwerde von Viacom. Die Situation auf YouTube ist weiterhin unverändert; derweil veröffentlicht Bunker seine Videos auf der Plattform Vimeo.

In Deutschland fanden Demonstrationen in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart statt. In Berlin, Frankfurt und Hamburg nahmen deutlich mehr Demonstranten teil als zuvor. In Berlin protestierten diesmal etwa 80 Demonstranten in der Otto-Suhr-Allee gegenüber der "Scientology Kirche". Auch diesmal war die Demo wieder eine Mischung aus Kundgebung und Party.

Abermals hatte die Polizei den Berliner Demonstranten das Tragen von Verkleidungen und Masken gestattet. Grundlage für die Entscheidung war der Schutz der Demonstranten vor möglichen Übergriffen. Scientology-Mitarbeiter filmen und fotografieren die Demonstranten routinemäßig. Im März outete Scientology nachweislich einige Demonstranten auf YouTube, mutmaßlich zur Einschüchterung. Im April und Mai versandten Anwaltskanzleien an die Organisatoren der Demonstrationen in den USA streng formulierte Warnbriefe.

Bei den vergangenen Berliner Demonstrationen hatte Scientology vor seiner Zentrale eine Gegenveranstaltung zur Feier der Menschenrechte angemeldet, bei der bis zu hundert Teilnehmer anwesend waren. Neben Vorträgen und Tanzdarbietungen hatte Scientology auch zwei Rapper bestellt, deren Texte die Bedeutung der Menschenrechte thematisierten.

Dieses Mal standen ein knappes Dutzend Leute vor der Scientology-Zentrale, deren schlichte Schilder für religiöse Toleranz und gegenseitigen Respekt warben. Gegenüber heise online erklärte Sabine Weber, Präsidentin der "Scientology Kirche" Berlin, die Organisation veranstalte ihre Aktionen diesmal an einem anderen Ort der Stadt, an dem sich das Publikum eher für Menschenrechte interessiere.

Einige der anonymen Demonstranten waren als Hasen, Schweine oder Helge Schneider verkleidet. Die meisten trugen Guy-Fawkes-Masken, wie sie durch den Film "V für Vendetta" bekannt wurden. Schilder forderten vorbeifahrende Autofahrer dazu auf, ihre Meinung über Scientology durch Hupsignale kundzutun. Die Anwohner ertrugen die Lärmkulisse mit Fassung. Die nächsten Anonymous-Demonstrationen gegen Scientology sollen am 14. Juni stattfinden. (ghi)

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