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Anthem: Bruchpilot auf Sparflamme

Einfallslos und langweilig: Die Rollenspielexperten von Bioware erleben mit ihrem Loot-Shooter Anthem eine herbe Bruchlandung.

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Anthem: Bruchpilot auf Sparflamme

(Bild: EA)

Eines kann man Anthem nicht absprechen: Grafisch ist es eine Wucht. Wenn die Spieler in ihren Kampfanzügen durch riesige Täler fliegen, der Wind an ihrem Umhang zerrt und sie sich am Ende auf ihre Gegner stürzen, deutet sich an, dass Entwickler Bioware ein packendes Actionspektakel im Kopf hatte. Es bleibt aber bei dieser Andeutung. Hinter dem schönen Schein versteckt sich nur ein simples, abwechslungsarmes Spielprinzip.

Nachdem die erste Euphorie über die spektakuläre Grafik und die temporeichen Koop-Kämpfe verflogen ist, stellt sich Ernüchterung ein. Immer wieder geht es zu den gleichen Missionen: Zielort erreichen, Gegner besiegen. Manchmal sammeln die Spieler gleichzeitig Gegenstände ein oder lösen simple Schalterrätsel. Ganz selten muss auch mal ein Hindernisparcours abgeflogen werden. Einzelne Missionen verlangen sogar, dass die Spieler die gleiche Aufgabe gleich Dutzende Male wiederholen sollen. Da hilft es auch nicht, dass ein Hauch Taktik ins Spiel kommt, weil die Gegner allesamt Schwächen haben, die ein Spieler mit den entsprechenden Waffen ausnutzen kann. Das Missionsdesign ist zu einfallslos und eintönig. Es gilt das Motto: Grinden, was das Zeug hält.

Etwas Würze bringen die Komboeffekte ins Spiel. Die vier Charakterklassen, sogenannte Javelins, steuern sich unterschiedlich und bringen spezielle Fähigkeiten mit: Während ein Spieler aus der Luft beispielsweise die Feinde einfriert, können sich die Nahkämpfer ins Gefecht stürzen. Die zahlreichen Grafikeffekte gehen aber auf Kosten der Übersicht. Schnell wird es chaotisch.

Obwohl das Spiel als Online-Koop-Abenteuer ausgelegt ist, sind auf dem normalen Schwierigkeitsgrad Absprachen und Taktik unnötig. Die Gegner sind zwar zahlreich, aber nicht besonders widerstandsfähig. Eine Mission ist meist nach wenigen Minuten erledigt. Erst bei höheren Schwierigkeitsgraden oder den knackigen Bosskämpfen steigt die Herausforderung, weil die Gegner deutlich mehr Lebenspunkte haben. Wer will, kann alleine in den Kampf ziehen. Die Online-Verbindung muss dennoch jederzeit bestehen bleiben.

Über das simple Spielprinzip und die mangelnde Abwechslung könnte man noch hinwegsehen, wenn Bioware bei seinen Paradedisziplinen punkten würde: Story und Spielwelt. Diese sind aber kaum vorhanden. Es geht um die titelgebende Hymne (engl. Anthem), irgendwelche rätselhaften Kataklysmen, den bösen Dominion aus dem Norden und blutgierige Eingeborene. Wie das alles zusammenhängt, erschließt sich nur ganz hartnäckigen Spielern, die jedes Dokument aufsammeln, das in der Basis verteilt ist.

Häppchenweise wird die Story vorangetrieben, bis sie nach 6 bis 8 Stunden ziemlich abrupt endet. Spielentscheidende Dialoge oder Interaktionen mit anderen Figuren, eigentlich das Markenzeichen von Bioware, gibt es nicht. Stattdessen folgen meist einfach inszenierte Dialogsequenzen mit zwei Antwortoptionen, die aber keinen Einfluss auf das Spielgeschehen erkennen lassen. Was folgt ist das endlose Abklappern der Nebenmissionen oder die Suche nach Aufträgen im freien Spiel. Ärgerlich: In der spärlich besiedelten Heimatbasis herrscht meist Totenstille oder nur leises Gemurmel. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass ganze Tonspuren fehlen. Das Gefühl, sich in einer lebendigen Welt zu bewegen, stellt sich nie ein.

Schnell haben die Spieler alles gesehen und müssen sich die Zeit vertreiben. Einen Fähigkeitsbaum gibt es nicht, deshalb bleibt den Spielern nur die Bastelei an ihren Javelins. Hier eine neue Waffe, dort eine Spezialfähigkeit und zahlreiche Buffs für mehr Schaden oder eine stärkere Rüstung. Die nötigen Baupläne und Werkstoffe finden die Spieler bei ihren Ausflügen oder nach dem Erfüllen bestimmter Herausforderungen.

Einige Werkstoffe können auch in den Geschäften gekauft werden. Glücklicherweise verzichtet Bioware bis jetzt auf Pay-2-Win-Mikrotransaktionen. Jeder Werkstoff kann mit der Ingame-Währung Coins gekauft werden, die Spieler durch die Missionen verdienen. Nur die sogenannten Shards gibt es auch für Echtgeld. Sie dienen allerdings nur zum Kauf kosmetischer Artikel, die keinen Einfluss auf das Spielgeschehen haben.

Anthem im Test (5 Bilder)

Die Spieler können nur die Ausstattung ihres Javelins verbessern. Einen Skilltree für den Charakter gibt es nicht.
(Bild: heise online)

Für die Zukunft hat Bioware noch große Pläne mit Anthem, und verspricht in kernigen Marketing-Slogans eine „sich stetig verändernde Welt“. Bereits im März soll Akt 1 beginnen, der aus mehreren Content-Updates besteht. Nach dem spielerisch enttäuschendem Anfang bringt dieses Konzept Bioware in eine Zwickmühle: Bleibt alles beim Alten, droht das Spiel schnell unterzugehen. Liefern die Entwickler aber neue Inhalte und eine vernünftige Story, müssen sie sich die Frage gefallen lassen, warum sie so lange damit gewartet haben. Der Vorwurf einer überhasteten Veröffentlichung dürfte dann im Raum stehen. Wie auch immer es mit Anthem weitergeht – für Bioware brechen schwierige Zeiten an.

Müssen wir uns um Bioware sorgen machen? Schon Mass Effect: Andromeda kam in einem desaströsen technischen und spielerischen Zustand auf den Markt. Anthem hat ähnliche Probleme, die Release-Fassung bestätigt die schlechten Eindrücke aus der Demo: Es fehlt an Inhalten, Abwechslung und einem überzeugenden Spielprinzip.

Wer sich damit zufrieden gibt, ein paar Stunden seiner Sammelsucht zu frönen, an seinem Javelin herumzubasteln oder einfach durch die Gegend fliegen will, kann mit dem Spiel kurzzeitig Spaß haben. Wer aber den Namen Bioware mit einer guten Story, originellen Figuren und einer großen Open-World verbindet, sollte einen großen Bogen um das Spiel machen. Es mag zwar sein, dass kommende Updates das dröge Spielprinzip etwas aufpeppen, aber momentan ist Anthem mehr ein Versprechen als ein fertiges Spiel. Bioware muss sich mächtig anstrengen, um es noch einzulösen.

Anthem (ab 39,94 €) erscheint am 22. Februar für Windows, PS4 und Xbox One. USK ab 16. Für unseren Artikel haben wir haben die Story der Windows-Version durchgespielt. (dahe)