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Arbeitsmarkt: Die Überstunden häufen sich

Arbeitsmarkt: Die Überstunden häufen sich

(Bild: lukasbieri)

Nach Auskunft der Bundesregierung haben Deutsche im Jahr 2017 über zwei Milliarden Überstunden gemacht – die Hälfte davon unbezahlt.

Die Zahl der Überstunden hat in Deutschland 2017 einen neuen Höchststand seit 2007 erreicht. Wie eine Anfrage der Linksfraktion an die Bundesregierung ergab, haben deutsche Arbeitnehmer nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) in dem Jahr insgesamt 2,13 Milliarden Überstunden gemacht – ein Anstieg um 12,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Hälfte dieser Mehrarbeit wurde von Arbeitgebern nicht bezahlt: für insgesamt 1,058 Milliarden Arbeitsstunden bekamen die Arbeitnehmer keine zusätzliche Entlohnung. Für die Bundestagsabgeordnete Jessica Tatti ist dies ein unhaltbarer Zustand: "Die Zahlen sind skandalös und legen offen, dass sich viele Arbeitgeber auf dem Rücken ihrer Beschäftigten bereichern." Nach ihren Berechnungen haben sich die deutschen Arbeitgeber so in einem Jahr alleine 36,2 Milliarden Euro an Lohnkosten gespart.

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Die Arbeitgeber sehen das naturgemäß anders. Für sie ist es geradezu ein Gütesiegel, dass im Schnitt nur zwei Prozent der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden auf Überstunden entfallen. "Obwohl die Wirtschaft seit Jahren boomt und viele Branchen zunehmend über Fachkräftemangel klagen, ist und bleibt die Zahl der Überstunden auf konstant niedrigem Niveau", erklärt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände auf Anfrage von heise online. "Eine überwältigende Mehrheit der Erwerbstätigen in Deutschland ist mit ihrer Tätigkeit zufrieden. Insofern sollten wir keine Probleme herbeireden, wo keine sind." In einer Broschüre wiesen die Arbeitgeber sogar daraufhin, dass pro Arbeitnehmer nur 7 Minuten unbezahlte Arbeit pro Tag anfielen.

Doch die Zahlen, auf die sich die Bundesregierung stützt, sind nur grobe Schätzungen: So gibt es keine Pflicht der zentralen Erfassung von Überstunden – und bei Umfragen wie dem Mikrozensus melden die Arbeitnehmer erfahrungsgemäß viel zu geringe Zahlen. Deshalb werden mehrere Quellen zusammengerechnet, um die Gesamtzahl zu ermitteln.

Bereits diese grobe Auswertung lässt einige Aussagen zur Verteilung der Überstunden zu. So kamen Arbeitnehmer 2017 im Schnitt auf 26,7 Überstunden – bei deutlich steigender Tendenz. Auch innerhalb der Arbeitskräfte ist die Mehrarbeit unterschiedlich verteilt. So leisten Beschäftigte mit befristetem Arbeitsvertrag deutliche mehr Überstunden als der Schnitt (2,3 Prozent der Arbeitszeit).

Teilzeitbeschäftigte werden hingegen deutlich selten für Mehrarbeit eingesetzt. Ein Drittel der Beschäftigten gibt an, dass sie ihre Arbeitsaufgaben nicht in der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit erledigen [2] könnten. Fünf Prozent machen Überstunden, um ihr Gehalt aufzubessern.

Je nach Datenlage und Umfrage kommt man jedoch auf weit höhere Werte. Der Bericht der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigt ein detaillierteres Bild. So leisten Männer im Schnitt deutlich mehr Überstunden als Frauen, 10 beziehungsweise 6 Prozent davon gaben 2017 an, pro Woche mehr als zehn Überstunden anzuhäufen. 47 Prozent der Männer und 59 Prozent der Frauen gaben an, dass sie weniger als zwei Stunden pro Woche mehr arbeiten als im Vertrag vorgesehen.

Die Zahl der Überstunden hängt auch stark von der Beschäftigung ab. Insbesondere LKW- und Lieferfahrer müssen mir Mehrarbeit rechnen – im Schnitt 7,2 Überstunden pro Woche. Auch Chefs bleiben häufig länger im Büro: Angestellte mit Vorgesetztenfunktion kommen demnach auf 4,9 Überstunden pro Woche – je größer die Verantwortung ist, desto mehr Überstunden häufen sich an. Arbeitnehmer, die wegen Beschäftigungsmangel öfters früher nach Hause gehen können, sind hingegen eine Seltenheit.

Wer eine neue Arbeitsstelle antritt, ist gut beraten, den Punkt Überstunden vorher abzuklären. Zwar sind Klauseln wonach Überstunden grundsätzlich kostenlos zu leisten sind, seit einigen Jahren unwirksam – eine beschränkte Menge an unbezahlten Überstunden ist aber weiterhin möglich. In besonderen Notfällen kann sich der Arbeitnehmer auch nicht pauschal weigern, im Betrieb über die vereinbarte Zeit zu arbeiten.

Aber auch Arbeitgeber sollten bei der Mehrarbeit Voraussicht zeigen. Eine andere Studie der IAB ergab, dass die Jobzufriedenheit mit der Anzahl der Überstunden abnimmt und sich viele Arbeitnehmer dann einen neuen Arbeitgeber suchen könnten [3].

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin wies bereits 2016 daraufhin, dass bereits eine regelmäßige Mehrarbeit von zwei Stunden pro Woche zu deutlich höheren Beschwerden über Gesundheitsproblemen und Erschöpfung führen. Insbesondere wenn die genauen Arbeitszeiten nicht frühzeitig vorhersehbar sind und Arbeitnehmer auf Abruf bereitstehen sollen, führt dies zu hoher Stressbelastung. (mho [4])


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http://www.heise.de/-4248411

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[1] https://jobs.heise.de/?wt_mc=intern.newsticker.dossier.jobs
[2] https://www.heise.de/meldung/Rockstar-Games-100-Stunden-Wochen-fuer-die-Entwicklung-von-Red-Dead-Redemption-2-4193109.html
[3] https://www.heise.de/meldung/Fachkraeftemangel-Kreuzfahrt-oder-Geld-sollen-neue-Mitarbeiter-anlocken-3981962.html
[4] mailto:mho@heise.de