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Arbeitsmarkt: Es kommen goldene Zeiten

Der Arbeitsmarkt ist schon rosig, Mitte der 2020er Jahre wird er golden sein. Beim Einfluss der Konjunktur auf den Arbeitsmarkt scheiden sich die Geister.

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(Bild: dpa)

Die Beschäftigung in Deutschland ist im vergangenen Jahr kräftig gestiegen, die Arbeitslosigkeit stark gesunken. "Zwar nicht so sehr wie die Beschäftigung, dennoch gab es einen deutlichen Abbau", weiß Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB in Nürnberg, der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit. 2018 stieg die Beschäftigung um 730.000, die Arbeitslosenzahl ging um 190.000 zurück.

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"Beschäftigungsaufbau speist sich nicht nur aus Arbeitslosen", begründet Weber die Differenz in den Zahlen. Sie wächst auch durch Zuwanderung, mehr beschäftigte Frauen und mehr älteren Arbeitnehmer. Die Zunahme der Älteren ergibt sich zum Teil aus einer Änderung der Qualifikation: Akademiker arbeiten deutlich länger als Arbeiter und weil der Akademikeranteil an den Beschäftigten steigt, erhöht das die durchschnittliche Beschäftigungsdauer insgesamt. "Arbeiter haben häufig belastendere Tätigkeiten, viele Akademiker identifizieren sich stark mit ihren Aufgaben", erklärt Weber die unterschiedlich lange Lebensarbeitszeit.

Das vergangene Jahr war abermals ein Rekordjahr am Arbeitsmarkt. Damit ist vorerst Schluss. Für 2019 geht das IAB von einer Zunahme bei der Beschäftigung von 580.000 und bei den Arbeitslosen von einem Rückgang von 120.000 aus. Der Grund für die kleineren Zahlen: Arbeitskräfte werden zunehmend knapp; das wird zum Trend. "Die Wachstumsraten bei den Beschäftigten gehen zurück, ab Mitte der 2020er findet Stagnation statt", prognostiziert Weber. Die Arbeitslosenzahl sinkt tendenziell weiter. Gegen Ende der 2020er hält der Ökonom Vollbeschäftigung für möglich. Die ist bei einer Arbeitslosenquote zwischen zwei und drei Prozent gegeben.

"Schon heute haben die Arbeitnehmer eine gute Position am Arbeitsmarkt und die wird noch deutlich besser werden", meint Weber. Und das zunehmend unabhängig von der Konjunktur. In einer Studie hat das IAB herausgefunden, dass der Arbeitsmarkt seit der Rezession 2009 deutlich weniger konjunkturabhängig ist. Seitdem hat sich die Abhängigkeit halbiert. Die Erklärung dafür hat drei Gründe:

  • Die Knappheit von Arbeitskräften wird stärker. Deshalb stellen Unternehmen quasi auf Vorrat ein und sie kündigen nicht, sollte es eng werden. Die Entlassungsquote ist die geringste seit 30 Jahren.
  • Der Arbeitsmarkt entwickelt sich hin zu Dienstleistungsjobs und die sind konjunkturunabhängig. Etwa Jobs in der Pflege, Erziehung, Gesundheit.
  • Seit 2011 findet eine starke Zuwanderung nach Deutschland statt. Ohne Zuwanderung hätte der Beschäftigungsaufbau nicht so stark steigen können.

Bei knappen Gütern steigt der Preis, am Arbeitsmarkt ist der Lohn der Preis für die geleistete Arbeit. "Die Löhne sind in den vergangenen Jahren zwar ordentlich gestiegen, aber nicht in dem Maß wie der Beschäftigungsaufbau", sagt Weber. Wäre das große Jammern über fehlende Fachkräfte in der Praxis tatsächlich so stark wie das Klagen laut, hätten die Löhne deutlich stärker steigen müssen, als sie es getan haben, lautet seine Meinung.

Eine gegensätzliche Meinung zu Weber hat Sebastian Link, Ökonom am ifo Institut in München, hinsichtlich der Abhängigkeit des Arbeitsmarkts von der Konjunktur. "Die konjunkturelle Entwicklung ist eine ganz wesentliche Einflussgröße für die Entwicklung am Arbeitsmarkt." Allerdings würden Schwankungen des Bruttoinlandsprodukts immer erst verzögert auf den Arbeitsmarkt durchschlagen. Die Erklärung zum zeitverzögerten Verhalten: In beginnenden Aufschwungphasen wird die Produktion zunächst durch Mehrarbeit des bestehenden Personals erhöht, ehe neue Arbeitskräfte eingestellt werden. Andererseits: Geht die Auftragslage zurück, wird weniger gearbeitet und angesparte Guthaben auf Arbeitszeitkonten abgebaut, ehe gekündigt wird.

"Außerdem ist es keinesfalls so, dass die Zahl der Erwerbstätigen in Rezessionen zwangsläufig zurückgehen und die Zahl der Arbeitslosen zwangsläufig steigen muss", sagt Link. Selbst im Krisenjahr 2009, in dem das Bruttoinlandsprodukt um gut fünf Prozent eingebrochen ist, sei die Zahl der Erwerbstätigen nicht zurückgegangen und die Zahl der Arbeitslosen nur um etwa 150.000 zum Vorjahr gestiegen. "Anstelle von Entlassungen haben die Unternehmen damals vor allem durch Kurzarbeit die schlechte Zeit überbrückt", erläutert Link.

Das ifo Institut geht von weiterem Beschäftigungsaufbau in gedrosseltem Tempo aus. In diesem und im folgen Jahr erwartet es einen Beschäftigungsaufbau um 380.000 und 280.000 Personen. Bei den Arbeitslosenzahlen wird ein ebenfalls gedrosselter Rückgang prognostiziert: um 140.000 und 100.000.

Im vergangenen Jahr fand der stärkste Beschäftigungsabbau in der Finanz- und Versicherungswirtschaft statt, die meisten neuen Jobs entstanden in der Bau- und IT-Branche. "Gerade in der IT-Branche ist die Nachfrage anhaltend hoch und dürfte mittelfristig weiter steigen", meint Link. Die mittelfristige Nachfrage nach speziellen Berufen wird vor allem durch die beiden Mega-Trends Digitalisierung und Demografie bestimmt werden. Demografisch bedingt steigt sie in den Pflegeberufen stark und die Digitalisierung wirkt sich sehr unterschiedlich auf verschiedene Berufe aus.

"Vermutlich wird sich der aktuelle Trend fortsetzen, dass im Zuge der Digitalisierung vor allem automatisierbare Tätigkeiten von Computern übernommen werden", sagt Link. Davon werden das verarbeitende Gewerbe und die Finanz-und Versicherungsbranche besonders stark betroffen sein, weil es dort viele automatisierbare Tätigkeiten gibt. (anw)