Menü
Technology Review

Arbeitsplätze, KI und Globalisierung: "Grundeinkommen wird die Ungleichheit verschärfen"

Der Unmut über die wirtschaftliche und politische Elite wächst. Zu Recht, sagt Ökonom Ian Goldin, und plädiert für ein neues Entlohnungssystem.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 484 Beiträge
"Grundeinkommen wird die Ungleichheit verschärfen"

Behausungen in Vietnam.

(Bild: Photo by Jordan Opel on Unsplash )

Immer wieder betonen Manager, dass die künstliche Intelligenz keine Arbeitsplätze kosten wird. Doch das Misstrauen gegenüber diesen Versprechungen ist groß. Zu Recht, findet Ian Goldin, ehemaliger Berater von Südafrikas Ex-Präsident Nelson Mandela, ehemaliger Vizepräsident der Weltbank und heute Professor für Globalisierung und Entwicklung an der Oxford University. "Diese Elite ist entkoppelt vom Rest der Bevölkerung", erklärte Goldin im Interview mit Technology Review.

Er hält das Thema künstliche Intelligenz für eine Ausprägung einer viel größeren Kraft, die die Gesellschaft zu zerreißen droht: die Globalisierung. Die wirtschaftliche Öffnung habe den Lohnabstand zwischen den schlecht und den gut Ausgebildeten vergrößert. Als Folge wachse die soziale Ungleichheit. "Das Misstrauen ist gerade in jenen Ländern besonders groß, die besonders damit zu kämpfen haben, etwa in den USA oder in Großbritannien."

TR 3/2019

Technology Review März 2019

Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 3/2019 der Technology Review. Das Heft ist ab 21.02.2019 im Handel sowie direkt im heise shop erhältlich. Highlights aus dem Heft:

Doch die Gewinner der Globalisierung "haben die Verlierer komplett aus den Augen verloren". Wäre es anders, hätten sie schon vor zehn Jahren sehen müssen, dass die Globalisierung in der derzeitigen Form nicht funktioniert. "Der Weckruf hätte nach der Finanzkrise 2008 kommen müssen. Sie hat gezeigt, dass wir die Komplexität der Globalisierung nicht im Griff haben", meinte Goldin. "In den Finanzinstitutionen arbeiten sehr hoch bezahlte Menschen, dennoch haben sie sich als komplett inkompetent erwiesen." Erst jetzt, mit dem Aufstieg populistischer, extremistischer, nationalistischer Parteien, seien die Eliten aufgewacht.

Auf die Frage, ob die Menschen ihnen zu Recht misstrauen, antwortet Goldin: "Absolut." Wenn nun mit der künstlichen Intelligenz die nächste massive Veränderung auf die Menschen zurollt, wundere es nicht, dass kaum jemand den Beteuerungen glaubt, es gebe auch in Zukunft noch genug Arbeit. "Unseren Studien zufolge verschwinden 40 bis 50 Prozent der heutigen Tätigkeiten." Die Befürworter der Entwicklung mögen zwar sagen, dass mindestens der gleiche Anteil neu hinzukommen wird. "Aber es wird ein sehr disruptiver Prozess und er birgt die Gefahr für schlimme Ungleichheit."

Um dem entgegenzuwirken, müsse man unter anderem Steueroasen schließen, Grundbesitz – den die Armen ohnehin kaum oder gar nicht haben – stärker besteuern, die Erbschaftsteuer erhöhen. "Zudem müssen wir uns anschauen, welche Arbeiten künftig Maschinen erledigen können und welche noch lange von Menschen gemacht werden und das Belohnungssystem entsprechend ändern". Das könnte etwa höhere Löhne für Pflegekräfte und viele andere Dienstleistungen am Menschen bedeuten, für kreative und künstlerische Tätigkeiten. Zudem plädiert Goldin für "ein starkes soziales Sicherheitsnetz, weil der Arbeitsmarkt flexibler wird und Arbeitnehmer risikobereiter sein müssen." Die Kosten dafür sollten sie nicht allein schultern müssen, die Gesellschaft müsse ihren Teil beitragen.

Vom Grundeinkommen hingegen hält der Ökonom "überhaupt nichts". Es sei unbezahlbar und löse nicht das Problem, dass wenige Menschen sehr viel und viele Menschen sehr wenig Geld haben. "Im Gegenteil: Es würde die Ungleichheit noch weiter verschärfen."

Das vollständige Interview lesen Sie in der neuen März-Augabe von Technology Review (im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich).

(jle)