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Ars Electronica 2018: Technik-Visionäre von der Realität eingeholt

Das bedeutendste Festival für Medien- und Digitalkunst wächst und wächst. Die Ursprünge geraten dabei etwas aus dem Blick, kommen aber immer wieder hervor.

Ars Electroncica 2018: Technik-Visionäre werden von der Realität eingeholt

Expression Robot von Takayuki Todo auf der Ars Electronica

(Bild: Dorothea Cremer-Schacht)

In Linz ist am Montag mit der Ars Electronica das Festival für Medien- und Digitalkunst zu Ende gegangen, das das weltweit bedeutendste seiner Art ist. Über 100.000 Besucher, 1357 teilnehmende Künstler, Wissenschaftler, Techniker und Aktivisten aus 54 Ländern, 614 Programmpunkte, 396 Kooperationspartner, 3046 eingereichte Arbeiten aus 85 Ländern verdeutlichen das ungebremste Wachstum der "Ars".

Doch damit geht auch eine inhaltliche Veränderung einher. Seit ein paar Jahren ist das Festival nicht mehr nur Treffpunkt outgespacter Nerds und Künstler. In diesem Jahr war der Wandel besonders deutlich, vielleicht auch, weil die Verantwortlichen zum Teil mit Stolz darauf hinwiesen. Dass die Politiker der Stadt und des Landes schon seit längerem die Ars als Standortvorteil begreifen und sich mit ihrer Vorreiterrolle im Rennen um die Digitalisierung brüsten, überrascht nicht. Aus deutscher Sicht muss man dies durchaus anerkennen, auch zum Beispiel, dass die Versorgung mit kostenlosem und offenem WLAN in der Stadt und in den öffentlichen Verkehrsmitteln vorzüglich funktioniert. Erfolgreiche Standortpolitik braucht wohl eher Weitsicht und Durchhaltevermögen als ein Steuern auf Sicht.

Sehr deutlich wies die Kuratorin der Cyberarts-Ausstellung, Genoveva Rückert, darauf hin, dass die gezeigten Werke in diesem Jahr die Veränderungen in der Gesellschaft widerspiegelten. Das bezog sich sicherlich auf das offensichtliche Erstarken nationaler und politisch rechter Kräfte in Europa. Und in der Tat wird mit einer Helferkonferenz, Filmen über die Tätigkeiten von NGOs im Mittelmeer und vielen ausgestellten Werken, die sich mit dem aktuellen Geschehen in der Welt beschäftigen, deutlich, was den Beteiligten wichtig ist.

Aber die Zusammenhänge sind nicht so einfach, wie wir im Gespräch mit Gerfried Stocker, dem Künstlerischen Leiter des Festivals erfahren. Warum fehlen eigentlich die früher so verbreiteten technischen Spielereien und warum ist die lustvolle, teils visionäre, teils einfach nur verrückte Erforschung zukünftiger Lebensmöglichkeiten einer seriösen, aber auch wenig inspirierenden Auseinandersetzung mit Big Data, Surveillance, Fake-News etc. gewichen. Reichen die (jungen) Künstler andere Arbeiten ein oder wählen die (älteren) Jurymitglieder andere Arbeiten aus?

Interessieren sich Technofreaks überhaupt noch für die Ars oder werden sie frühzeitig (vorzeitig) von Venture Capital in die Sphäre der Wirtschaft gezogen? Die an ihn herangetragenen Vorschläge, der Ars eine kommerzielle Messe anzuschließen, um die kreative Startup-Szene einzufangen, lehnt Stocker entschieden ab. Es gibt eine Grundidee der Ars, nämlich die Erforschung der Schnittstelle zwischen Technik, Kunst und Wissenschaft, die auf einem solchen Weg verloren ginge.

Stocker weist noch auf eine andere, wichtigere, Veränderung hin, nämlich die Verschiebung der Inhalte. Beispielsweise wird die Kategorie "Interactive Art", ehemals Tummelplatz für innovative Ideen an der Schnittstelle Mensch/Maschine, immer ähnlicher zu den "Digital Communities". Mit dem tragbaren Computer in der Hosen- oder Handtasche ist die Science-Fiction von einst zum Gebrauchsgegenstand geworden. Früher waren es Techniker, die aus ihrem Handwerk Kunst gemacht haben, heute muss die Innovation vermutlich von den Künstlern kommen.

Was als kritische, provozierende und schräge Kunst- und Technikexploration begann, ist heute Alltag. Ähnlich wie das, was in etwa der gleichen Zeit als gesellschaftliche Aufbruchs- und Protestbewegung begann (Stichwort: 1968), heute im Establishment angekommen ist. Insofern ist auch auf einer größeren Zeitskala eine Synchronizität der Entwicklung der Gesellschaft und der der Ars zu beobachten.

Noch deutlicher wurde die Verzahnung von Gesellschaft und Kunst bei der Ehrung von "Leonardo", dem seit fünfzig Jahren bestehenden Verlag und Netzwerk zur Förderung von wissenschafts- und technikbasierter Kunst. Der Raketeningenieur und Künstler Frank Malina hatte den Verlag 1968 gegründet und gemeinsam mit MIT-Press als wissenschaftliches Magazin etabliert. Roger Malina übernahm nach dem Tod seines Vaters 1981 die Verantwortung und erhielt zum 50. Geburtstag von "Leonardo" die Goldene Nica in der Kategorie "Visionary Pioneer of Media Art". In seiner Präsentation erinnerte er unter anderem daran, mit welcher Euphorie das Internet seinerzeit begrüßt wurde und welch, rückblickend betrachtet, naiven Weltfriedensvorstellungen sich mit diesem neuen Medium verknüpften. Der Gegensatz zur heutigen Angst vor den Internetgiganten könnte kaum größer sein.

Auch Stocker verwies auf die Ironie der Geschichte, wenn noch 1998 eine Ars unter dem Motto "Infowars" die emanzipatorischen Chancen des Internet beschwor und man heute, zwanzig Jahre später, froh ist, dass ein gleichnamiger Facebook- und Twitter Kanal von den Betreibern abgeschaltet wird. Ob man sich in einer so schnell wandelnden Zeit eher anpassen oder Kurs halten und gegebenenfalls untergehen soll, ist unklar. Malina war schon kurz davor, das Jubiläum zum Anlass zu nehmen, seinen Verlag einzustellen. Das große Netzwerk von interessierten Menschen hielt ihn letztlich davon an. Stocker glaubt, dass sich die Ars anpassen kann, ohne ihre Seele zu verraten. (Johannes Schacht) / (mho)

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