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Ars Electronica 2019: Midlife-Crisis der Digitalen Revolution

Das diesjährige Ars--Electronica-Festival zelebriert sich als Geburtstagsfeier. Das Motto: die Midlife-Krise der digitalen Revolution.

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(Bild: Dorothea Cremer-Schacht)

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Das History-Panel ist eine der wenigen noch in Deutsch gehaltene Veranstaltung auf der Ars Electronica 2019. Doch nicht nur die Sprache hat sich in den 40 Jahren Festival-Geschichte geändert. Zum Jubiläum stehen einige der Gründer auf der Bühne: Rundfunk- und Fernsehjournalisten Hannes Leopoldseder, seinerzeit Intendant des ORF Landesstudios Oberösterreich und der Wiener Kybernetiker, Wissenschaftler, Höhlenforscher und Schriftsteller Herbert W. Franke etwa.

Sie entwerfen das Bild einer geradlinigen Entwicklung. Ende der 70er Jahre bestimmen sterbende Industrien, nämlich Kohle und Stahl, das Leben in Linz. Die Gründung des Festivals im Jahr 1979 sollte die Stadt öffnen für neue Technologien und einen Weg in die Zukunft weisen. Städtische Institutionen und der ORF waren Träger und auch der Stahlkonzern Voestalpine auf dessen Gelände in den ersten Jahren Veranstaltungen stattfanden, war ein wichtiger Sponsor. Es war die weltweit erste Veranstaltung, die sich mit digitaler Kunst und den gesellschaftlichen Konsequenzen der Digitalisierung beschäftigte.

Kultur als Standortfaktor ist denn auch wiederkehrendes Grundthema jeder Laudatio, die von den Vertretern der Stadt, des Landes, bis hinauf zur Kanzlerin, also in diesem Jahr Brigitte Bierlein, gehalten wird. Nicht anders die Vertreter der EU, die seit kurzem mit dem Festival verbunden ist. Als Besucher ist man immer wieder verblüfft über den Gegensatz dieser staatstragenden Reden auf der einen Seite und den quirligen, alternativ-schrägen Künstlern auf der anderen, die ihre zum Teil sehr systemkritische Sicht auf die Gesellschaft betonen. Die Veranstalter, allen voran der künstlerische Leiter des Festivals, Gerfried Stocker, wissen sich souverän und glaubwürdig in beiden Welten zu bewegen.

Die Gründung der Ars Electronica war jedoch weit mehr als ein Programm zu Stärkung des Wirtschaftsstandorts Linz. Die Gründer – vier Männern mit Macht und Einfluss, wie mit etwas Scham und etwas Stolz erklärt wurde – sahen das große Potential zur gesellschaftlichen Umwälzung, das mit dem Aufkommen der Computer verbunden war. Es war die Zeit großer Phantasien und mit Franke war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Science-Fiction-Autoren für die Programmatik verantwortlich. Man spürte, dass es nicht nur zu technisch-wirtschaftlichen Umwälzungen durch die neuen Techniken kommen würde, sondern dass es auch eine kulturelle Transformation geben würde. Hierbei könnte die Kunst als Transmissionsriemen eingesetzt werden, um die Entwicklung in eine anstrebenswerte Richtung zu lenken.

Es war ein durchweg positives Technikbild, das im ersten Programmheft von Franke entworfen wurde. Die alten Hefte sind mittlerweile alle online verfügbar. Sie lesen sich wie die Suche nach einem Ausweg aus der düsteren Vision des Club of Rome und seinen „Grenzen des Wachstums“ von 1972.

In einer Midlife-Krise befindet sich das Festival keinesfalls, zumindest nicht, wenn man sich die numerischen Eckdaten anschaut. 1449 Künstler aus 45 Ländern, 548 einzelne Veranstaltungen, 16 Locations, 110.000 Besucher – das Festival war größer und umfassender als 2018 und je zuvor.

Rachel Goslin, Direktorin des Washingtoner Smithsonian Kunst- und Industrie Museums war eine der wenigen, die zum Thema Midlife-Krise Substantielles beitrug. Die 50-jährige US-Amerikanerin, die unter anderem vom Dokumentarfilm kommt und unter Präsident Obama das Komitee für „the Arts and Humanities“ leitete, wies darauf hin, dass die heutige Generation Jugendlicher die erste sei, die erwartet, dass ihre Zukunft nicht besser sein wird, als die ihrer Eltern. Dies korreliert mit einer kritischen Einstellung zur Technik. Der Glaube daran, dass Technik helfen wird, dass wir gesünder und länger leben, mehr Wohlstand genießen, mehr Demokratie und Partizipation erleben, geht laut Goslin so verloren. Wie anders ist dieses Bild zu dem eines Herbert W. Franke bei der Gründung der Ars vor 40 Jahren!

Es ist Andreas Bauer, dem es gelingt, die Veränderung positiv einzuordnen. Bauer leitet das Ars Electronica Center. Das AEC ist gewissermaßen die Dauereinrichtung des Festivals, eine ganzjährige Plattform für die Verbindung und Interaktion von Kunst, Technik und Wissenschaft. "Die Zukunft ist angekommen, die Utopie hat uns eingeholt und die KI ist mitten unter uns. Nun geht es darum, den Besuchern zu vermitteln, wie mit den neuen Techniken umgegangen werden kann." Das Museum deckt die ganze Bandbreite moderner Technologien ab, setzt aber Schwerpunkte auf die künstliche Intelligenz und Life-Science. Ein eigenes S1-zertifiziertes Gen-Labor erlaubt den Besuchern mit modernsten Werkzeugen wie der CRISPR/Cas-Methode zu experimentieren.

Etliche Exponate werden vom hauseigenen Ars Electronica Futurelab hergestellt. Ein Beispiel ist der umgebaute Bechstein-Flügel, an dem die Besucher erfahren können, wie die Künstliche Intelligenz ihre Vorgaben umsetzt und wie ein Mozartstück im Chopinstil klingt. So kommen künstlerische Gestaltung, wissenschaftliche Forschung und museale Vermittlung zusammen. (emw)