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Auch deutsche DVD-Player sollen bald Schmuddelszenen aus Filmen filtern können

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Seit 2004 sind in den USA DVD-Player erhältlich, die bei der Film-Wiedergabe dank ClearPlay-Technik anstößige Inhalte ausblenden. Gegenüber heise online gab die auf der IFA mit einem eigenen Stand (auf dem Freigelände vor dem Palais) vertretene kalifornische Firma ClearPlay International nun bekannt, dass die ersten Geräte mit dieser Technik im kommenden Jahr in mehreren europäischen Ländern – darunter auch in Deutschland – angeboten werden sollen. Zudem sei auch der Einsatz bei Video-on-Demand-Diensten geplant. Derzeit laufen laut ClearPlay-CEO Andrew Duncan Verhandlungen mit verschiedenen Player-Herstellern und VoD-Anbietern; konkrete Namen nannte er jedoch noch nicht. Mit der Website ClearPlay.de wolle man aber schon jetzt die deutschen Konsumenten über das kommende Angebot informieren.

Mit ClearPlay müssten sich besorgte Eltern laut Duncan nicht mehr davor fürchten, dass der minderjährige Nachwuchs beispielsweise filmische Gewalt- oder Sexszenen zu Gesicht bekommt oder die Darstellung von Drogenkonsum ertragen muss. All diese Szenen überspringt der Player selbständig, zudem schaltet er bei allzu gewagten Dialogen stumm. Die betreffenden Szenen erkennt das Gerät jedoch nicht automatisch, sondern orientiert sich an speziellen Playback-Listen auf Timecode-Basis, die folglich für jeden Film erstellt werden müssen. Um keine Urheberrechte der Filmstudios zu verletzen, fasse ClearPlay das Original überhaupt nicht an, sondern simuliere praktisch nur eine Fernbedienung. Bei einer Demonstration der ClearPlay-Fassung des Films "The Patriot" funktionierte dies, ohne dass die Sprünge durch eine Unterbrechung der Wiedergabe oder durch Ruckler bemerkbar wurden. Die Anfertigung der Listen übernimmt ClearPlay selbst; laut CEO sind diese bislang für rund 3500 auf dem US-Markt erhältlichen Filme verfügbar.

Auf der US-Website des Unternehmens werden nicht nur alle DVDs aufgelistet, zu denen bereits eine Steuerdatei erstellt wurde, sondern man kann dort auch erfahren, was den Zuschauer bei der Originalfassung und bei der überarbeiteten Version erwartet. Wer möchte, kann übrigens auch nur die Gewalt- oder nur Sexszenen herausfiltern oder Szenen mit Drogenkonsum unterbinden lassen – die Filterkategorien "Gewalt", "Sex", "Nacktheit", "Vulgäre Sprache", "Blutvergießen", "Drogenmissbrauch", "Blasphemie", "Bigotterie", "Aufwühlende Inhalte", "Diskreditierung", "nationale Symbole" und "Diskreditierung der Elterngeneration" lassen sich in bis zu vier Stufen anwählen und sind beliebig kombinierbar. Laut Nelson Skip Riddle, Direktor der britischen Tochter ClearPlay International N.V., werden die europäischen Versionen von regionalen Mitarbeitern gesichtet. Zudem sei es möglich, die Haltung von ethnische Minderheiten, die in europäischen Ländern vertreten sind, mit eigenen Filtern zu berücksichtigen. So sei es beispielsweise möglich, einen Filter für Muslime zu entwickeln.

Laut Duncan sei ClearPlay stets darauf bedacht, den Film durch die Sprünge und Stummschaltungen nicht zu verfälschen. Daher gäbe es auch Titel, die man erst gar nicht anfassen würde – wozu die Filme des Regisseurs Quentin Tarantino gehören würden. Besonders schwierig sei die Gratwanderung bei Kriegsfilmen. Im Beispielclip von "The Patriot" wurden in einer Schlachtszene noch Einschläge von Kanonenkugeln und Tötungen in der Totalen gezeigt, Nahaufnahmen blieben hingegen außen vor. Die Fassung war damit in etwa mit dem vergleichbar, was einige Fernsehsender am Abend ausstrahlen. Andererseits benötigt man für harmlose Streifen à la "High School Musical 2" erst gar keine Filterung.

Die Filterlisten sind jedoch nicht kostenlos erhältlich, sondern müssen abonniert werden, wobei die Gebühren in den USA aktuell (je nach Verkaufsmodell) zwischen 50 und 80 US-Dollar pro Jahr liegen. Laut Duncan würden 93 Prozent der ClearPlay-Anwender ihr Abo verlängern. Erhebungen des Unternehmens in Europa hätten gezeigt, dass in Deutschland 71 Prozent der befragten Eltern bereit wären, sieben Euro und mehr pro Monat für diesen Service zu zahlen; in den USA läge die Quote hingegen gerade einmal bei 53 Prozent. Als Spitzenreiter taten sich bei der Umfrage laut ClearPlay Frankreich (80 Prozent) und Großbritannien (73 Prozent) hervor. Duncan weist allerdings Vorwürfe zurück, dass die Eltern sich damit aus ihrer Verantwortung herauskaufen. Vielmehr würden Filme wie "The Dark Knight", der in den USA die Einstufung PG-13 erhalten habe (in Deutschland "ab 16 Jahren"), zeigen, dass sie sich gerade nicht auf die Einstufungen der offiziellen Stellen verlassen könnten und stets befürchten müssten, dass der vermeintlich jugendfreie Film doch Gewaltszenen enthalte. ClearPlay-Nutzer würden durch die Sicherheit, die das System biete, nachweislich sogar mehr Filme anschauen.

Auf den ClearPlay-Player kommen die pro Film 5 bis 10 KByte großen Steuerdateien auf unterschiedlichen Wegen: Bei den ersten Modellen wurden die Codes über eine CD-ROM eingespielt, später via USB-Stick oder über das Heimnetzwerk. Laut Duncan erwarte man für Blu-ray-Player mit Internetanschluss (BD-Live) Lösungen, bei denen nach dem Einlegen der Disc die passenden Daten automatisch vom ClearPlay-Server heruntergeladen werden. Auch Video-On-Demand-Lösungen will das Unternehmen anbieten, bei denen die Bearbeitung entweder serverseitig läuft oder vom Client ausgeführt wird. (nij)