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Aufstieg und Fall der T-Aktie

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"Die Telekom geht an die Börse und ich gehe mit". Wer noch zweifelte, den schleppte der Schauspieler Manfred Krug aufs Börsenparkett. Doch ob der einstige Tatort-Kommissar und das Werbezugpferd der Telekom heute noch T-Aktien besitzt, ist nicht bekannt. Wenn ja, hat Krug einen schlechten Schnitt gemacht – so wie viele andere Kleinanleger auch, die sich vom Fieber um den Börsengang der Deutschen Telekom am 18. November 1996 anstecken ließen. Für die Erstzeichner war die T-Aktie eine Geldanlage mit Minuszinsen. Zum Ausgabepreis von 14,57 Euro (28,50 DM) beziehungsweise 14,32 Euro (28 DM) für Frühzeichner war das Papier an die Börse gekommen.

Und wer vier Jahre später einstieg, als die T-Aktie Schwindel erregende Höhen von mehr als 100 Euro erreichte, der hat seinen Einsatz heute fast vollständig verspielt. Dabei sollte alles ganz anders kommen, wenn man den Versprechungen des damaligen Telekom-Chefs Ron Sommer Glauben schenkte. Als sichere Geldanlage und Altersvorsorge pries er vollmundig das Papier, das als die neue Volksaktie gefeiert wurde. Wer nicht zugriff, dem war nicht mehr zu helfen.

"Wer die T-Aktie kauft, kauft auch ein Stück Zukunft", predigte Sommer bei jedem öffentlichen Auftritt. Dass er sechs Jahre später von den Eigentümern des Konzerns in die Wüste geschickt wird, weil seine Prognosen nichts als Schall und Rauch waren und der Aktienmarkt völlig einbrach, hätte sich der vielfach gelobte Manager wahrscheinlich nie erträumen lassen. Viel zu spät kamen seine Mahnungen, die Börse sei keine Einbahnstraße. Zu diesem Zeitpunkt hatten schon viele Anleger große Teile ihres Vermögens eingebüßt.

Dabei war das Börsendebüt der T-Aktie ein wahrer Bilderbuchstart. Als 18. November 1996 um 12.27 Uhr der erste amtliche Kurs mit 33,20 DM (16,97 Euro) auf der Anzeigetafel erscheint, knallen die Sektkorken. Zuvor hatten die Öffentlichkeitsarbeiter und Marketing-Strategen der Telekom eine Werbekampagne entfacht, die ihres Gleichen sucht. Mehrere Wochen lang sorgte die Telekom für Schlagzeilen. Die T-Aktie wurde bekannt bis in den letzten Winkel der Republik hinein.

Nach dem Motto, nicht kleckern, sondern klotzen, griff der Vorstandschef tief in die Konzernkasse: Insgesamt gab das Unternehmen rund 900 Millionen DM (460 Millionen Euro) für die Aktienplatzierung aus. 713 Millionen Aktien wurden im Wege einer Kapitalerhöhung am Markt platziert. Auf einen Schlag war das hoch verschuldete Unternehmen 10 Milliarden Euro reicher. Das Geld konnte die Telekom, die Anfang 1995 zur Aktiengesellschaft geworden war, für künftige Expansionsschritte und den Schuldenabbau gut gebrauchen.

Viele Anleger wagten damals erstmals den Sprung aufs Börsenparkett. Aktienmuffeln wurde der Garaus gemacht. Die Aktienanlage und die Jagd nach schnellen Kursgewinnen wurde zum Volkssport. Doch es dauerte noch zwei Jahre bis der Aktienmarkt so richtig zum "Bullen" wurde – und die T-Aktie immer vorne weg. Die Euphorie unter Börsianern kannte keine Grenzen mehr, obwohl das Brüllen des "Bären" schon lauter wurde. Analysten nannten bereits Kursziele von 200 Euro für die T-Aktie.

Mit zwei weiteren Börsengängen kassierten der rosa Riese beziehungsweise der Großaktionär Bund noch einmal kräftig bei den Anlegern ab, bevor es richtig in den Keller ging. Mitte 1999 wurden 11 Milliarden Euro aus dem Verkauf von 280 Millionen T-Aktien eingenommen – inzwischen zu einem Ausgabekurs, der fast vier Mal so hoch war wie beim Börsenstart. Ein Jahr später strich dann der Bundesfinanzminister beim Börsengang durch die Abgabe eines Paketes von 200 Millionen Aktien zum Preis von 66,50 Euro je Aktie insgesamt 13 Milliarden Euro ein.

Doch dann folgte Katerstimmung: Nach ihrem Höchstkurs am 6. März 2000 mit einer Notierung von 103,50 Euro kennt die T-Aktie nur noch eine Richtung: nach unten. Ron Sommer gelingt es noch, die Tochterfirma T-Online an die Börse zu bringen, doch der Börsengang der Mobilfunksparte wird abgesagt. Telekom- und Internetwerte sind nicht mehr gefragt. "Der Markt ist zerbombt", beschrieb ein Telekom-Vorstand noch viele Jahre später die Lage. Die UMTS-Auktion im August 2000 drückt ebenso auf den Kurs wie eine milliardenschwere Korrektur des Immobilienbestandes und der Erwerb des US-Mobilfunkunternehmens VoiceStream.

Anfang Mai 2002 rutscht die T-Aktie erstmals unter ihren Ausgabekurs, Mitte Juni sind es gar weniger als 10 Euro. Die Tage von Vorstandschef Ron Sommer sind gezählt. Am 16. Juli wirft er nach wochenlangen Spekulationen und Aufforderungen zum Rücktritt die Brocken hin. Für den vakanten Posten findet sich so schnell kein Nachfolger. In diesem Vakuum taumelt die T-Aktie weiter und erreicht am 30. September mit 8,42 Euro ihr Allzeittief.

Mobilfunkchef Kai-Uwe Ricke trat im November 2002 die Nachfolge von Sommer an und schlägt einen harten Sanierungs- und Entschuldungskurs ein. Ricke konnte sich anstrengen wie er will, gute Dividenden ausschütten und Milliardengewinne präsentieren – der Schwung und die Dynamik von einst sind vorbei: Bis heute dümpelt die T-Aktie um den Ausgabekurs – mal niedriger, mal etwas darüber. Ihren Nimbus von einst als ein leuchtender Stern im DAX hat sie längst eingebüßt. Ricke hielt es nur vier Jahre auf dem Chefsessel: Am Wochenende gab er auf – gescheitert am heftigen Gegenwind, den die Wettbewerber auf dem deutschen Telekom-Markt entfachten: Allein in diesem Jahr kehrten bislang mehr als 1,5 Millionen Kunden der Telekom den Rücken.

DSW: Von der T-Aktie ist vielen Anlegern nicht viel geblieben

Die T-Aktie ist für viele Kleinaktionäre nach Ansicht der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) eine schlechte Geldanlage gewesen. "Allen Anleger, die den Versprechungen gefolgt sind und bei den drei Börsengängen Papiere gezeichnet haben, ist nicht viel übrig geblieben", sagte der Rechtsanwalt und Telekom-Spezialist der DSW, Richard Schmitz, in einem dpa-Gespräch. Am 18. November jährt sich der Börsengang der Telekom zum zehnten Mal.

Allerdings hätten Anleger in diesem Zeitraum auch Gewinne mitgenommen, wenn sie bei niedrigen Kursen ein- und rechtzeitig wieder ausgestiegen seien. Wie Schmitz weiter sagte, ist die T-Aktie beim Börsengang 1996 "in den Markt gedrückt worden, wie ein Discount-Artikel". Entsprechend groß sei die Nachfrage gewesen. "Aber man hat vergessen, den Leuten zu sagen, dass die Aktie auch ein Risikopapier ist", betonte er.

Für die Zukunft könnte sich Aktie vor dem Hintergrund des derzeitigen Kursniveaus aber noch als "ein interessantes Investment" erweisen. Dies zeige auch das zunehmende Interesse von Finanzinvestoren und russischen Konzernen wie Sistema an einem Einstieg bei der Telekom. Dies würde dem Kurs gut tun, meinte Schmitz. "Wir werden noch sehen, dass die Russen in der Lage sind, Gelder zu generieren." Vor einigen Monaten hatte der Investor Blackstone sich mit 4,5 Prozent der Telekom-Aktien eingedeckt.

Für das Management des Bonner Riesen hat sich nach Einschätzung des Aktionärsschützers der Druck erhöht, mehr für den Aktienkurs zu tun. Dabei räumte Schmitz ein, dass der Telekom-Vorstand keine einfache Aufgabe habe. Auf dem Heimatmarkt wachse das Unternehmen nicht mehr. Gleichzeitig ist der Konzern "heillos überpersonalisiert". Unlängst hatte der am Wochenende zurückgetretene Vorstandschef Kai-Uwe Ricke angekündigt, rund 40.000 Beschäftigte in die T-Service zu überführen, um neue Sparpotenzial ausschöpfen zu können.

Die Telekom im Umbruch

Mit dem Börsengang schlägt die Deutschen Telekom im Jahr 1996 ein neues Kapital in der Firmengeschichte auf. Knapp zwei Jahre vorher war aus dem Unternehmen, das aus der alten Post entstanden war, eine Aktiengesellschaft geworden. Die Telekom wird in den Folgejahren zu einem international operierenden Unternehmen ausgebaut. Die wichtigsten Etappen im Überblick:

18. November 1996: Die Telekom platziert 713 Millionen Aktien zum Preis von 28,50 DM (14,57 Euro) an der Börse. Viele Anleger in Deutschland werden erstmals Aktionäre.

1. Januar 1998: Der deutsche Telekommunikationsmarkt wird liberalisiert.

20. April 1999: Telecom Italia und Telekom geben bekannt, sich zu einem neuen Telefonriesen zusammenschließen zu wollen. Dieser Plan scheitert. Wenig später zerbricht auch das Bündnis mit France Télécom (Global One).

28. Juni 1999: Zweiter Börsengang der Telekom. 280 Millionen neue Aktien werden zum Preis von 39,50 Euro ausgegeben.

6. August 1999: Die Telekom gibt die Übernahme des britischen Mobilfunkbetreibers One2One bekannt. Der Preis liegt bei 10 Milliarden Euro.

6. März 2000: Mit 103,50 Euro erreicht die T-Aktie ihren höchsten Kurs.

17. April 2000: Die Telekom bringt die Tochterfirma T-Online an die Börse. Ausgabepreis: 27 Euro.

19. Juni 2000: Erstmals verkauft der Bund zum Preis von 66,50 Euro ein Paket von 200 Millionen T-Aktien über die Börse.

24. Juli 2000: Der Telekom-Vorstand kündigt den Erwerb des US- Mobilfunkbetreibers VoiceStream an. Preis: 50,7 Milliarden US-Dollar.

31. Juli 2000: Die UMTS-Mobilfunkauktion beginnt. Die Telekom ersteigert drei Wochen später eine von sechs Lizenzen und muss dafür mehr als 8,5 Milliarden Euro bezahlen.

21. Februar 2001: Die Telekom korrigiert ihr Immobilenvermögen um 2 Milliarden Euro nach unten. Die Wertberichtigung löst eine Welle von Protesten und Klagen gegen den Vorstand aus.

16. Juli 2002: Nachdem er im Aufsichsrat keinen Rückhalt mehr hat, kündigt Vorstandschef Ron Sommer seinen sofortigen Rücktritt an. Aufsichtsrat Helmut Sihler führt interimistisch die Geschäfte.

30. September 2002: Die T-Aktie rutscht auf ein Allzeittief von 8,42 Euro.

14. November 2002: Aufsichtsrat ernennt Mobilfunkchef Kai-Uwe Ricke zum neuen Telekom-Vorstandsvorsitzenden. Der Konzern wird umgebaut und auf einen harten Sparkurs geschickt.

9. Oktober 2004: T-Online wird von der Börse geholt und in den Mutterkonzern reintegriert.

12. November 2006: Ricke tritt zurück. Nachfolger soll der Chef von T-Mobile, René Obermann, werden. (Peter Lessmann, dpa) / (jk)

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