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Aus 0190 wird 0900

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Die vierstellige Ziffernkombination hat einen ausgesprochen schlechten Ruf: Mit 0190-Nummern bringen die meisten überteuerte Telefonnummern oder unseriöse Dialer in Verbindung. Seit Jahresbeginn werden die Vorwahlen Schritt für Schritt durch 0900-Nummern ersetzt. Offenbar ist das aber mehr als nur eine Imagekorrektur: Der Missbrauch mit den neuen Nummern soll schwieriger werden. Blindes Vertrauen ist trotzdem nicht angebracht.

Eigentlich waren die so genannten Mehrwertdienste-Nummern mit der Vorwahl 0190 als praktische und sichere Bezahlmethode gedacht: Wer eine Dienstleistung im Internet in Anspruch nimmt, muss nicht seine Kreditkartennummer preisgeben, wer über Telefon einen Rat erfragt, muss keine Überweisung tätigen. Die fällige Gebühr wird über die Telefonrechnung abgebucht. Doch diesen Modus haben sich auch unseriöse Anbieter zu Nutze gemacht: indem sie Kunden nicht ausreichend über die Kosten informieren oder unbemerkt eine teure Internetverbindung herstellen. Bei 900 Euro pro Einwahl liegt die nicht bestätigte Rekord-Abzocke durch einen Dialer.

Damit soll nun Schluss sein: Bis Ende Januar wurden bereits rund 75.000 neue 0900-Rufnummern von der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) in Bonn vergeben. "Wir wollen eine Angleichung an internationale Telefonstandards", sagt Rudolf Boll von der RegTP. Dadurch müssen Verbraucher allerdings zunächst einmal einen Nachtteil hinnehmen: Anhand der Nummern kann nicht mehr erkannt werden, wie hoch der Minutentarif ist.

Bei 0190-Nummern sind die Kosten von der Folgeziffer abhängig und dadurch ersichtlich -- mit Ausnahme der Folgeziffer 0, die frei tarifierbar ist. Kommt dagegen beispielsweise nach der 0190 eine 1, kostet der Anruf 0,618 Euro pro Minute. Bei den 0900-Nummern gibt die folgende Ziffer einzig Auskunft über die Art der Dienstleistung. Die 1 steht für Informationsdienste, die 3 für Unterhaltung, die 5 für Sonstiges, womit vor allem Erotikangebote gemeint sind. "Eigentlich wollten wir dafür ja die 6", sagt Boll, doch das habe sich nicht durchsetzen lassen. Gemeinsam ist nun allen 0900-Nummern, dass sie frei tarifierbar sind. Die Verbindung kann also wenige Cent kosten, aber auch einige hundert Euro. "Die Kosten der telefonischen Verbindung müssen aber per Ansage angekündigt werden", sagt Boll. 0900-Webdialer sollen deutlich auf die Kosten und die Größe der Download-Datei hinweisen. Bei Missbrauch werden die Nummern sofort entzogen, versprechen die Regulierer.

Trotz der freien Tarifierung vertrauen Verbraucherschützer den 0900-Vorwahlen mehr als den 0190-Nummern. "Die neuen Nummern bieten vor allem mehr Transparenz", so Michael Bobrowski vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) in Berlin. Denn bisher wurden die Vorwahlen in Blöcken an "Reseller" vergeben und von diesen weiterverkauft. Abzocker waren so kaum ausfindig zu machen. "Alle Anbieter sind bei uns registriert und dürfen die Nummern nicht mehr weitergeben", sagt Boll von der RegTP. "Unseriös arbeitende Anbieter können sich so nicht mehr wie bisher in der Anonymität verstecken", sagt auch Sascha Borowski aus Augsburg, Betreiber der Internetseite dialerschutz.de, die Ratschläge für den Umgang mit Dialern und Mehrwertdiensten gibt. "Betroffene haben endlich einen direkten Ansprechpartner."

Zusätzliche Sicherheit verspricht auch die Deutsche Telekom in Bonn. 0900-Gespräche über das Netz der Telekom, die teurer als drei Euro sind, müssen mit den Tasten 1 und 9 bestätigt werden. "Bereits seit vergangenem Jahr werden 0190-Verbindungen nach 60 Minuten aus Sicherheitsgründen unterbrochen", so Sprecher Frank Domagala. Dies gelte künftig auch für die 0900-Verbindungen.

Einheitliche Sicherheitsstandards soll die Änderung des Telekommunikationsgesetzes bringen, die sich zurzeit allerdings verzögert. Daher empfiehlt es sich für Verbraucher weiterhin, besonders auf der Hut zu sein. "Jeder sollte einen ungekürzten Einzelverbindungsnachweis anfordern", rät Boll. Nur so können schwarze Schafe ermittelt werden. Für diese speziellen Rechnungen dürfen die Anbieter laut RegTP keine zusätzlichen Gebühren verlangen. Ein anderer sinnvoller Schutz wird jedoch nur halbherzig ermöglicht: Jeder Kunde kann laut Telekommunikations-Kundenschutzverordnung (TKV) ein Rechnungslimit festlegen. Lediglich nach ausdrücklicher Zustimmung wird dieses überschritten. Doch die meisten Unternehmen ermöglichen die Funktion nur durch das Mieten eines speziellen Telefons und beschränken sie auf einen Warnton.

Einziger hundertprozentiger Schutz ist weiterhin das Sperren der Mehrwertdienste-Nummern. Bei der Telekom kostet dies 7,73 Euro. Wer einzelne Nummern wie etwa jene mit der "Sex-Hotline-Vorwahl" 0900-5 blockieren lassen möchte, bezahlt 1,99 Euro im Monat. Allerdings ist nicht garantiert, dass sich nicht auch hinter einer anderen Folgeziffer ein schlüpfriger Anbieter versteckt: Die 0900-Anbieter definieren ihre Angebote selbst und können Erotikangebote auch bei den Informationsdienst-Vorwahlen 0900-1 einordnen. Das wird nicht kontrolliert und auch nicht als Missbrauch gewertet.

Bisher sind weder Verbraucherschützer noch Regulierungsbehörde Fälle von Abzocke mit 0900-Nummern bekannt. "An der derzeitigen Dialer-Problematik wird sich aber auf absehbare Zeit nichts ändern", meint Borowski. "Gerade unseriöse Anbieter werden vorerst weiter mit 0190-Nummern arbeiten." Und die soll es parallel zu den 0900-Nummern noch bis Ende 2005 geben. (Dietmar Telser, dpa) / (jk)

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