Ausprobiert: Clear Linux, Intels leistungsfähige Linux-Distribution

Performanter als andere Linux-Systeme? Clear Linux legt den Fokus auf Server und Cloud, lädt aber dennoch zum Ausprobieren auf dem Desktop ein.

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(Bild: Screenshot)

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Auf dem OpenStack Summit 2015 stellte Intel erstmals seine eigene Linux-Distribution Clear Linux vor, die auf der Hardware des Herstellers besonders performant arbeiten soll. Erst vor einem Jahr erhielt die zunächst als maßgeschneidertes Betriebssystem für schlanke Container und Server in der Cloud vorgestellte Distribution ein grafisches Installationsprogramm in einem Live-System mit Gnome-Desktop.

Zuletzt hatte sich die Distribution für ein angepasstes Gnome im Stil von Ubuntu 20.04 entschieden, aber damit wird Schluss sein: Desktops kommen künftig nur noch in der Vanilla-Version in die Distribution, Anpassungen bleiben ab jetzt den Anwendern überlassen. Hintergrund ist Intels Ankündigung von letzter Woche, Linux-Desktops unter Clear Linux vorerst nicht um weitere Oberflächen neben Gnome erweitern zu wollen. Man wolle sich auf Server und Cloud refokussieren.

Gnome als Standarddesktop, KDE Plasma 5 und XFCE 4.14 bleiben der Distribution jedoch erhalten und laden experimentierfreudige Desktop-Anwender zum Ausprobieren ein. Höchste Zeit, Clear Linux einmal näher unter die Lupe zu nehmen.

Ausprobiert: Clear Linux in Bildern (10 Bilder)

Verschiedene Modi zur Installation

In der "Safe Installation" erkennt Clear Linux einen unpartitionierten Bereich auf dem Datenträger selbstständig und rührt bereits installierte Systeme nicht an.
(Bild: Screenshot)

Für die von Intel hervorgehobenen Geschwindigkeitsvorteile sollen eine möglichst aktuelle Toolchain und Linux Kernel sorgen. Der Quellcode bezieht immer auch die speziellen Commits von Intel für die hauseigene Hardware mit ein. Die Binaries werden entweder mit den Compilern GCC 9 oder Clang gebaut, je nachdem, welcher Compiler im Einzelfall die performanteren Ergebnisse liefert. Beide nutzen immer die neuesten Flags für Intel-Prozessoren der x86-64-Architektur und werfen im Zweifel auch mal die Kompatibilität mit älteren Prozessoren über Bord. Wie bei einem Rolling Release üblich, sind die unter clearlinux.org verfügbaren Programmversionen sehr frisch.

Clear Linux läuft laut der Übersicht über kompatible Hardware auf CPUs ab der zweiten Core-i-Generation (Sandy Bridge) und vergleichbaren Prozessoren von AMD. Die konkreten Mindestanforderungen listen die Befehlserweiterungen Intel SSSE3, SSE 4.1, SSE 4.2 und Carry-less Multiplication (CLMUL) auf. Zudem verlangt die Installation von Clear Linux nach UEFI. Das Booten eines installierten Systems erfolgt über den EFI-Bootloader oder per systemd-boot. Grub 2 wird nicht installiert.

Nach der Installation meldet sich GDM und startet Gnome 3.36 unter Xorg, stellt auf der Login-Seite optional aber auch Wayland bereit. Der erste bei der Installation angelegte Benutzer hat außerdem Administratorprivilegien per "sudo", während eine Anmeldung als root nicht vorgesehen ist.

Im Test auf einem betagten Thinkpad T430s des Autors dieser Meldung fühlte sich Clear Linux nach anfänglicher Gewöhnung an die Paketierung von Software in Bundles fit für alltägliche Aufgaben auf dem Desktop an.

Ihre Herkunft als Container-Betriebssystem verbirgt die Distribution dabei nicht. So folgt die Konfiguration des Systems dem "Stateless"-Konzept: Das Verzeichnis /etc ist weitgehend leer, weil Bundles und Systemkomponenten ihre Standardkonfiguration an anderer Stelle unter /usr vorhalten. Eine angelegte Konfigurationsdatei unter /etc dient nur zum Übergehen der Standards, was den Vorteil hat, dass ein Löschen von hinzugefügten Einstellungen immer die Standardkonfiguration eines Pakets reaktiviert.

Bei der Suche nach Programmen ist die grafische Paketverwaltung per Gnome-Software weniger hilfreich als die Tools in der Kommandozeile, die mit "swupd-search" schnell brauchbare Installationskandidaten finden. Ein Problem bleibt die Lokalisierung einiger Programme außerhalb von Desktop-Bundles wie Gnome und KDE Plasma. Clear Linux ist auf dem Desktop mangels Paketen deshalb kein universell einsetzbares Linux-System im Stil von Debian, Ubuntu, Fedora oder auch Arch Linux.

Um vergleichbare Benchmarks auf derselben Hardware zwischen verschiedenen Linux-Distributionen und Clear Linux zu ermitteln, dienten dem Autor dieser Meldung ausgewählte Tests aus der Phoronix Test Suite, zumal diese auch in Clear Linux fertig paketiert ist. Clear Linux trat gegen Fedora 32 Workstation und gegen Ubuntu 20.04 an. Testreihen zu Gimp 2.10.18 zeigen, dass alle Systeme in Sachen Performance doch nah beieinander liegen.

In den weiteren, synthetischen Benchmarks von SciMark 2 und Himeno 3.0 konnte sich Clear Linux nur in der gemessenen CPU-Leistung von SciMark 2 (Singlecore) klar absetzen, während Ubuntu 20.04 in der Beta-Version bei den CPU-Performancetests von Himeno 3.0 (Multicore) vorne liegt. Auch als Webserver mit NGINX und statischen Webseiten setzte sich Ubuntu 20.04 nach vorne ab. Einen klaren Vorsprung gegenüber Ubuntu 20.04 konnte Clear Linux in der getesteten Version 32650 wider Erwarten nicht herausholen.

Ausprobiert: Clear-Linux-Benchmarks (4 Bilder)

Gimp-Benchmark aus der Phoronix Test Suite

Alle getesteten Distributionen lagen hier nah zusammen. Obwohl Clear Linux subjektiv bei dieser Anwendung schnell reagiert, gibt es keinen messbaren Vorteil.
(Bild: Screenshot)

Wer Lust bekommen hat, Clear Linux selbst auszuprobieren, kann das Live-System der Desktop-Ausgabe als ISO-Image von der Clear Linux-Website herunterladen. Einen ersten Überblick über die Besonderheiten der Distribution liefert eine 22 Folien umfassende Präsentation der Clear Linux-Entwickler.

Siehe dazu auch:

(ovw)