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Smarte Jeansjacke ausprobiert: Levi's Sherpa Trucker mit Jacquard 2.0

Eine Jeansjacke mit Fernsteuerung für's Smartphone, die gerade einmal drei Gesten versteht. Nicht so schlecht, wie man spontan denken mag.

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(Bild: Volker Weber )

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Schon wieder mal eine smarte Jeansjacke? Das sollte eigentlich ein grandioser Verriss werden, aber dann hat mich die Jacke doch noch erwischt. Auch wenn sie relativ wenig kann, hat sie sich im Alltag schnell bewährt.

Aber fangen wir vorne an: Jacquard ist in Googles Entwicklungslabor ATAP (Advanced Technology and Projects) entstanden und Mitte 2015 erstmals vorgestellt worden. Elektrisch leitende Fäden werden in einen Stoff eingewebt und verwandeln diesen in ein Touchpad.

Levi's war der erste Industriepartner, der Jacquard als kommerzielles Produkt weiterentwickeln sollte und brachte vor zwei Jahren die Commuter-Jacke heraus, die leider ein wenig teuer geriet. Nun ist die Technik noch einmal verkleinert worden und steckt in zwei Produkten, der preiswerten Levi's Trucker-Jeansjacke und einem luxuriösen Cit-e Backpack von Saint Laurent. Ich habe mir die Jeansjacke Sherpa Trucker mit Jacquard 2.0 angeschaut.

In der linken Manschette der Jacke sind die Fäden entlang des Umfangs eingewebt, so dass sie ein Streichen zur Hand oder zum Ellbogen hin erkennen. Im oberen Saum der Manschette ist eine Öffnung in der Naht, in die man ein kleines Kunststoffkästchen einsteckt, das den Akku, einen MicroUSB-Port und einen Knopf zum Auslösen des Bluetooth-Paarungsmodus enthält. Dieses Kästchen rastet satt in eine Kunststoffbuchse in der Manschette ein. In der Manschette kann man ein zweites Bauteil erfühlen, das wasserdicht ist und mit der Jacke ganz normal gewaschen werden darf. Der Akku in dem herausnehmbaren Bauteil muss etwa einmal die Woche geladen werden.

Dieses kleine Modul muss einmal in der Woche herausgenommen und per Mikro-USB aufgeladen werden.

(Bild: Volker Weber)

Zur Inbetriebnahme lädt man zunächst die Jacquard-App auf Androidhandy oder iPhone. Diese App hilft bei der Bluetoothpaarung und erfordert ein Google-Konto. Die Benutzerführung ist vorbildlich und Jacquard ist schnell eingerichtet. Doch dann ist man zunächst ein wenig ratlos. Ja, das funktioniert alles, aber was soll ich nun damit machen? Drei Gesten kann man konfigurieren: Zur Hand streichen, von der Hand weg und Doppeltippen. Eine dritte ist vorgelegt und nicht zu ändern: Legt man die Hand auf, dann wird das Handy stummgeschaltet.

Der Akku wird in die Manschette eingesteckt, die Fäden sieht man mit bloßen Auge kaum, man fühlt jedoch ein weiteres eingearbeitetes Kästchen in der Manschette.

(Bild: Volker Weber)

Erster Versuch Mediensteuerung: Nach unten heißt nächstes Lied, nach oben der vorherige Titel und Doppeltippen Start/Stop. Funktioniert einwandfrei und überraschenderweise auch mit dicken Handschuhen. Wenn man Musik hören will und eine Jacke anhat, dann muss man auch einen Kopfhörer tragen. Der hat meistens eigene Bedienelemente, aber die sind nicht immer mit Handschuhen zu bedienen. Bei den aktuellen AirPods und AirPods Pro könnte man auch laut sagen "Hey Siri, nächstes Lied" aber das ist schon ein wenig peinlich. Ein schneller Griff ans eigene Handgelenk ist schon sehr viel unauffälliger.

Aber dann habe ich eine wirklich sinnvolle Funktion gefunden. Die Jacquard App hat eine eingebaute Fußgänger- und Radfahrer-Navigation. Man belegt eine Geste mit einem Ziel und steckt das Smartphone wieder ein. Jedesmal, wenn man die Geste ausführt, sagt einem Jaquard nun die nächste Richtung an, etwa "geradeaus auf der Mühlstr., dann links in die Nieder-Ramstädter Straße". Und hält dann den Mund, bis man erneut fragt. Das ist recht angenehm, wenn man in einer fremden Stadt herumstromern will und ein bestimmtes Ziel erreichen will. Statt gegängelt zu werden, läuft man einfach los und lässt sich immer wieder neu auf die Schiene setzen, wenn man nicht mehr weiter weiß.

Drei Gesten lassen sich über die Jacquard-App mit Funktionen belegen.

(Bild: Volker Weber)

Insgesamt 19 Funktionen hat Jacquard. Für Audio sind das Start/Pause, Weiter, Zurück, Was läuft. Dazu der ANC-Modus für Bose QC30 und QC35. Hier erkennt man, dass Jacquard von anderer Software abhängt. Vier weitere Funktionen halten den Nutzer auf dem Laufenden: Anzahl, Orte, Uhrzeit, Telefon finden. Anzahl ist super simpel, die App zählt einfach nur die Auslösungen. Orte markiert bei jeder Auslösung die aktuelle Position auf einer Karte. Die Navigation hat zwei Funktionen: Nächste Richtung und Ankunftszeit. Der Google Assistant lässt sich triggern oder kann den Tagesplan ansagen. Mit Siri geht das nicht.

Jacquard ist an diesem Logo erkennbar.

(Bild: Volker Weber)

Die aus dem Ärmel schauende LED kann in drei Farben blinken für alle SMS und Anrufe, nur wichtige SMS und Anrufe. Dazu kann man sich alarmieren lassen, wenn Lyft- oder Uber-Fahrdienst nahen, oder wenn man vergisst, sein Handy mitzunehmen. Die LED lässt sich auch durch eine Geste gezielt einschalten, um nachts auf sich aufmerksam zu machen. Zu guter Letzt gibt es noch eine Fernsteuerung für die Handykamera, so dass man Gruppenaufnahmen machen kann, in denen man selbst drin steht. Eine Auslöseverzögerung sorgt dafür, dass man nicht in jedem Bild sein Handgelenk festhält.

Auch wenn das eine lange Liste von Funktionen ist, muss man sich für drei Aktionen und drei Alarmierungen der LED entscheiden. Und dann fehlt garantiert eine, die jetzt superpraktisch wäre. Jacquard steht und fällt also damit, wie Google an diesem Thema dranbleibt. SMS-Alarmierungen sind bestimmt nützlich, aber was ist, wenn der Nutzer andere Messenger verwendet? Uber ist in USA überall am Start, in Deutschland aber nur in sieben Städten.

Die gute Nachricht ist: Das Spiel ist nicht teuer. Wer sowieso eine Levi's Sherpa Trucker kaufen will, zahlt für Jacquard nicht viel drauf. Bei Zalando habe ich sie schon für 140 Euro entdeckt. Es gibt auch ein Modell ohne kuscheliges Fell, die normale Trucker. Aber jetzt ist erst mal die wärmere Jacke im Einsatz. (vowe)