Auswärtiges Amt: Windows 7 und MS-Office statt Linux und OpenOffice

Die Bundesregierung hat Hintergründe der Rückmigration von Linux und freier Software auf Windows und Microsoft-Software im Auswärtigen Amt näher erläutert.

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Von
  • Oliver Diedrich

Die Bundesregierung hat Hintergründe und Details der Rückmigration von Linux und freier Software auf Windows und Microsoft-Software im Auswärtigen Amt näher erläutert. Die Antwort der Bundesregierung auf eine erste Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion im Februar zur "Nutzung von freier Software im Auswärtigen Amt und anderen Bundesbehörden" hatte nach Ansicht der Grünen-Fraktion eine Reihe von Fragen offen gelassen. Die hat die IT-Beauftragte der Bundesregierung, Cornelia Rogall-Grothe, jetzt beantwortet (PDF-Datei).

Die insgesamt 39 Fragen betreffen sowohl die IT-Strategie der Bundesregierung insgesamt als auch die Migration im Auswärtigen Amt (AA). In Sachen IT-Strategie bleiben die Antworten eher vage: Freie Software sei nicht "in jedem Fall sicherer als proprietäre Software", die Bundesregierung unterstütze den Einsatz von Open Source "überall dort, wo sie geeignet und wirtschaftlich ist", die Verbreitung von Open Source werde durch das Kompetenzzentrum Open Source gefördert. Den Einsatz offener Standards – eigentlich eine zentrale Forderung von Rogall-Grothe – unterstütze man durch die "Aktualisierung und Überarbeitung des Grundlagenpapiers 'Standards und Architekturen für E-Government-Anwendungen (SAGA)'" sowie auf europäischer Ebene.

Zum Auswärtigen Amt erklärte die Bundesregierung, es gehe keineswegs um eine vollständige Abkehr von der bisherigen Strategie: Open Source werde "auch weiterhin dort eingesetzt, wo dies technologisch und wirtschaftlich sinnvoll" sei – überwiegend im Backend und zur Absicherung der Netzinfrastruktur. Auf den Desktops werde ab 2012 Windows 7 und MS-Office 2010 eingeführt; die Umstellung soll bis Anfang 2014 abgeschlossen sein. Grund für die Rückmigration auf Windows seien "erhebliche Beschwerden der Nutzer hinsichtlich Bedienbarkeit, Anwenderfreundlichkeit, fehlender Integration und mangelhafter Interoperabilität". Beispielsweise habe es Probleme beim Datenaustausch zwischen verschiedenen Implementierungen des Open Document Format (ODF) gegeben, sodass "auch weiterhin proprietäre Dokumentenformate unterstützt werden müssen" – obwohl der IT-Rat der Bundesregierung bereits 2008 die Einführung von ODF in der Verwaltung beschlossen hat.

Ein grundlegendes Problem der Linux-Strategie im AA sei der hohe Personalaufwand gewesen, den die Pflege der selbst entwickelten Linux-Distribution mit sich gebracht habe. Da das "Risiko schwerwiegender Funktions- und Sicherheitsmängel" aufgrund fehlender Herstellerhaftung bei Open-Source-Anwendungen ausschließlich bei der IT des AA gelegen habe, so die Bundesregierung in ihrer Antwort, wurden Updates von Bestandssoftware "nur dann vorgenommen, wenn der erzielbare Nutzen den Aufwand und die Risiken überwiegt". Das führte dazu, dass Anwender teilweise mit mehrere Jahre alten Programmversionen arbeiten mussten – das betraf mit Thunderbird und OpenOffice auch viel genutzte Anwendungen.

Letztlich habe der hohe Personalaufwand den Einsatz von freier Software unwirtschaftlich gemacht, zumal die erwarteten Einspareffekte durch den Wegfall von Lizenzkosten nicht eingetreten seien – aufgrund einer Reihe von Windows-Anwendungen seien die Arbeitsplätze als Dual-Boot-Systeme mit Windows und Linux eingerichtet worden. Letztlich erwartet die Bundesregierung sogar Einsparungen durch die Rückmigration auf Windows, da der Aufwand zur Pflege der Linux-Systeme und zur Entwicklung von Linux-Treibern entfalle. Zudem seinen weniger Schulungen nötig und das AA müsse künftig nicht mehr spezielle Linux-kompatible Hardware kaufen, sondern könne günstigere Hardware über einen Rahmenvertrag des Bundes beziehen.

Konstantin von Notz, netzpolitischer Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion und federführend bei der Anfrage, bezeichnete die Antworten in seinem Blog als "teilweise bizarr". Das Bezahlen von Windows-Lizenzen für auf Linux umgestellte Rechner und das jahrelange Verharren auf veralteten Programmversionen könne eine Erklärung dafür sein, warum Mitarbeiter des AA so unzufrieden mit der freien Software waren. Die Kosten für den Parallelbetrieb als Argument für die Abkehr von der Open-Source-Strategie darzustellen, sei nicht nachvollziehbar. Angesichts des bestehenden Marktes an Linux- und Open-Source-Dienstleistern klinge auch das Argument zweifelhaft, bei freier Software gebe es keine Produkthaftung. Insgesamt erhärte sich der Eindruck, dass es "nach wie vor keine kohärente Strategie der Bundesregierung zu freier Software und Offenen Standards" gebe.

Nach Ansicht der Free Software Foundation Europe zeigten die Antworten, dass die Bundesregierung "entweder wichtige Aspekte freier Software nicht verstanden hat oder [...] bewusst freie Software im Allgemeinen und freie Software-Unternehmen attackiert". Es würden alte Mythen verbreitet, etwa dass freie Software schlechter benutzbar sei, höhere Hardware-Kosten verursache und es an Gewährleistung mangele. Auch werfe die Antwort neue Fragen auf. Die FSFE hat eine Plattform zur Kommentierung der Fragen und Antworten eingerichtet.

Siehe dazu auch:

(odi)