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Auswärtiges Amt macht sich für offenes Dokumentenformat stark

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Bei der ersten internationalen Anwenderkonferenz für das Open Document Format (ODF), zu dem das Bundesaußenministerium rund 150 Praktiker und politische Beobachter nach Berlin geladen hat, kristallisierten sich Brasilien und Indien neben deutschen Städten wie München als führend beim Einsatz des offenen Standards im Bürobereich heraus. Brasilien mache "intensiven Gebrauch" von freier Software, erklärte etwa Deivi Kuhn von der im Regierungsauftrag gegründeten Firma Serpro, die den Einsatz von Open Soure in dem aufstrebenden Entwicklungsland koordiniert. Der vom Internationalen Organisation für Normung (ISO) angenommene ODF-Standard sei im Rahmen der staatlichen Interoperabilitätsvorgaben fürs E-Government vorgeschrieben. Er sei ein gutes Werkzeug, um Nutzerfreiheiten und den Zugang zum Wissen zu sichern.

Ähnlich läuft die Entwicklung in Indien, wie M K Yadava von der IT-Entwicklungsfirma Amtron des Bundesstaats Assam ausführte. Die im Nordosten des Subkontinents gelegene Region sei der Vorzeigestaat Indiens bei der Anwendung offener Software-Standards und ODF. So würden etwa PC mit Linux und OpenOffice an Studenten vergeben, während auch die Umstellung der Regierungsbüros auf die freie Bürosuite laufe. Die IT-Leitlinien machen laut Yadava ODF verpflichtend, sodass die Hardware-Infrastruktur entsprechend ausgerichtet werde. Telefoniert werde in den Behörden mit einer VoIP-Applikation basierend auf der freien Software Asterisk.

ODF bezeichnete Yadava allgemein als Ausweg aus dem gegenwärtigen Dateiformate-Wirrwarr in der Verwaltung, das mit einer hohen Gefahr von Informationsverlusten verknüpft sei. Aber auch in anderen Teilen Indiens führt kein Weg mehr an dem offenen Dokumentenformat vorbei. "Wir nehmen keine Word-Dokumente mehr an", erklärte Richter Yatindra Singh vom High Court in Allahabad. Diese würden sich nicht ohne Weiteres in ODF-kompatible Dateien verwandeln lassen.

In München, wo die Linux-Migration in vollem Gange ist, hilft ODF derweil laut Florian Schießl vom LiMux-Projektbüro, die Vorlagen- und Makro-Flut der Stadtverwaltung zu entschlacken und einheitlichere Vorgaben bei der Dokumentenverwaltung durchzusetzen. Mithilfe eines Skript-Rahmenwerks für den offenen Standard würden derzeit eingesetzte Makros aus Dokumenten extrahiert, analysiert und konvertiert, brachte der IT-Experte ein Beispiel. Man könne mit der Skript-Umgebung aber etwa auch auf unnötig große Bilddateien in Präsentationen zugreifen und diese verkleinern oder mithilfe von Platzhaltern das Suchen und Ersetzen von Begriffen vereinfachen. Microsofts vorerst ausgebremster Anwärter für einen zweiten offenen ISO-Dokumentenstandard, Office Open XML (OOXML), wäre laut Schießl für vergleichbare Aufgaben aufgrund seiner Kompliziertheit kaum zu gebrauchen. Generell gebe es keinen Bedarf für einen zweiten Standard im Bürobereich. Gefragt sei ein Wettbewerb der Implementierungen von ODF, nicht einer der Dokumentenformate untereinander. Alles andere würde künftige Migrationen nur erschweren.

Auch Freiburg will nach einem bislang nicht an die große Glocke gehängten Beschluss des Gemeinderates von Ende Juni komplett in der Stadtverwaltung neben PDF auf ODF setzen. Die Umsetzung des auf Drängen der Grünen durchgesetzten Vorhabens, dem laut Rüdiger Czieschla aus der IT-Abteilung ein "Krieg" etwa gegen regionale Datencenter oder SAP als Microsoft-Befürworter vorausgegangen ist, erfolgt mit der Migration der 2000 Arbeitsplätze von Microsoft Office 2000 auf OpenOffice. Damit hofft die Stadt, in den nächsten zwei Jahren eine halbe Million Euro an Lizenzkosten einzusparen und sich aus bestehenden Abhängigkeiten auf der Infrastrukturebene gegenüber einzelnen Herstellern zu lösen. In der kommenden Woche starte nun die Migration der ersten Behörde, erläuterte Czieschla. Dafür werde eine Wiki-basierte Nutzerhilfe ins Netz gestellt, die auch anderen Kommunen offen stehe.

In Schwäbisch-Hall soll gemäß dem IT-Direktor der Stadt, Horst Bräuner, im kommenden Jahr ODF flächendeckend als Dokumentenformat Einzug halten. Als wichtigstes Argument für die Nutzung des offenen Standards führte er an, dass ODF "absturzsicher" sei. Auch wenn der Rechner abstürze oder die Stromversorgung ausfalle, könne jederzeit die zuletzt bearbeitete Version wiederhergestellt werden. Die von manchen Anwendern zuerst skeptisch beäugte Umrüstung habe zudem den weiteren großen Vorteil, dass den Nutzern plötzlich im Rahmen angebotener Umschulungen die prinzipiellen Funktionen einiger Tasten auf dem Keyboard klar würden. Kritik an OpenOffice sei noch immer rasch wieder verstummt.

Weitgehend als Einzelkämpfer beim ODF-Einsatz präsentiert sich dagegen in Großbritannien Bristol. Dort läuft momentan die Umstellung auf Sun Microsystems StarOffice. Ein absolutes Novum auf der Insel, betonte Gavin Beckett von der Stadtverwaltung. Microsoft habe den Bereich der Bürosoftware 20 Jahre dominiert, da könnten sich viele britische Behördenmitarbeiter schon rein aus Bequemlichkeit gar nichts anderes vorstellen: "Es gilt, stark eingefahrene Verhaltensweisen zu überwinden." In Bristol habe man dagegen vor der rein geschäftsorientierten Entscheidung gestanden, ob eine Million Pfund für die Migration auf Microsofts neuestes Office-Paket ausgegeben oder ob das Geld nicht in andere kommunale Dienstleistungen gesteckt werden solle. Erste Zulieferer und Partner habe man inzwischen vom Wert von ODF überzeugen können. Das Interesse in anderen Verwaltungen steige zudem, weil Bristol bei einem Benchmarking-Vergleich der Regierung zu Bürosoftware am günstigsten abgeschnitten habe. Persönlich würde sich Beckett aber mehr Unterstützung und Vorgaben für das offene Format von der britischen Regierung oder von der EU wünschen.

Zumindest das Auswärtige Amt hat hierzulande mit der Konferenz klar Position bezogen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier bezeichnete ODF in einem Grußwort an die Teilnehmer als "völlig offenes und von der ISO standardisiertes Format". Es stelle somit eine "hervorragende Basis" dar, "um Wissen und Information in einer Zeit der Globalisierung ungehindert austauschen zu können". Dies wiederum sei elementar für die Wissensgesellschaft. Das Außenministerium gilt innerhalb der Bundesregierung als stärkster Befürworter freier Software. Nachdem es seine Auslandsvertretungen bereits frühzeitig mit Open-Source-Programmen vernetzte und Laptops auf Linux und OpenOffice migrierte, soll die Umrüstung bis Mitte kommenden Jahres auf sämtliche Arbeitsplatzrechner der Diplomaten ausgeweitet werden. (Stefan Krempl) / (jk)