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Auszubildende und Fachkräfte in MINT-Bereichen: "Wir dürfen Lebenskonzepte nicht normieren"

Fachkräfte in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) sind begehrt. Ein Fazit nach 10 Jahren Initiative "MINT-Zukunft schaffen".

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Büro, Arbeitsplätze

(Bild: 889520, gemeinfrei (Creative Commons CC0))

Der Konkurrenzkampf der Branchen um Azubis, Studenten und Mitarbeiter wird härter. Wer gewinnt? Die Branchen mit dem besten Gesamtpaket, sagt Thomas Sattelberger im Interview. Er war Personalvorstand bei der Telekom, sitzt nun für die FDP im Bundestag und ist Vorstandsvorsitzender von "MINT-Zukunft schaffen", einer Arbeitgebervereinigung.

heise online: In diesem Jahr wird die Initiative "MINT-Zukunft schaffen" zehn Jahre. Auf der Jubiläumskonferenz im Oktober wird die Kanzlerin per Video zugeschaltet, Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, hält den Eröffnungsvortrag. Das ist viel Prominenz für einen Verein deutscher Arbeitgeber, der Qualifikationen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (also MINT) stärken will. Ist dieses Wissen so wichtig?

Thomas Sattelberger: MINT ist das Rückgrat Deutschlands. Ohne diese Fähigkeiten läuft die Wirtschaft nicht und vielen Menschen haben weder Arbeit noch Wohlstand. Das hat die Politik früh erkannt, deshalb ist die Kanzlerin seit vielen Jahren unsere Schirmherrin. Wir haben die Initiative zudem immer mit der nötigen Distanz zu Unternehmen geführt, so dass es nicht um Vorteile einzelner Arbeitgeber ging, sondern um die MINT-Bewegung insgesamt.

Thomas Sattelberger: "Jeder soll nach seiner Überzeugung glücklich und zufrieden werden. [...] Wem Zukunft wichtig ist, der ist bei MINT sicher aufgehoben."

(Bild: Wolfgang Maria Weber)

heise online: Die Initiative wurde mit dem Ziel gegründet, dass MINT von jungen Menschen, Eltern, Lehrern und der breiten Öffentlichkeit positiv gesehen wird. War das Image vorher schlecht?

Sattelberger: In den 1990er Jahren machte das Wort 'Ingenieurschwemme' die Runde. Die Angst vor Arbeitslosigkeit unter Ingenieuren hatte sich über Generationen fortgesetzt und den MINT-Berufen bis ins letzte Jahrzehnt ein problematisches Image verpasst. Zum anderen war das Thema Frauen in MINT-Berufen komplett unbekannt. Wir haben in zehn Jahren dreierlei erreicht: 1.[]Das schlechte Image eines Berufsstands sauber und nachhaltig aufpoliert. 2. Das Thema Frauen und MINT verankert. 3.[]Die Zahl der MINT-Studierenden signifikant erhöht.

heise online: Gibt es Zahlen, die Ihre Aussagen stärken?

Sattelberger: Innerhalb der letzten zehn Jahre ist die Zahl der Studienanfänger in MINT von 37 auf 40 Prozent gestiegen. Vier von zehn Studenten schreiben sich heute in einem MINT Fach ein. Allerdings ist die technisch-gewerbliche Ausbildung unser Sorgenkind, was den Anteil junger Frauen betrifft.

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Zu Arbeitsplätzen und Stellenangeboten in der IT-Branche siehe auch den Stellenmarkt auf heise online:

heise online: Der lag 2017 in Metall- und Elektroberufen bei bescheidenen 8 Prozent.

Sattelberger: Stellen wir uns der Frage: "Wie attraktiv ist die Metall- oder Elektrobranche für junge Frauen? Die Arbeitswelten und Arbeitskulturen sind in diesen Branchen noch stark männerdominiert und von jungen Frauen daher wenig wertgeschätzt. Was die Situation verschärft, ist, dass unsere Ausbildung mit 360 möglichen Berufen hoch spezialisiert ist und die sind mitunter sehr technisch spezialisiert. Frauen mögen aber mehr als nur Technik im Beruf, ihnen sind soziale Aspekte bei der Aufgabe und Arbeit sehr wichtig.

heise online: "MINT-Zukunft schaffen" will die Ausbildung in diesen Berufen stärken und die Fächer für Studenten interessant machen. Es gibt aber nur eine begrenzte Anzahl junger Leute …

Sattelberger: … aber in Deutschland 1,3 Millionen junge Menschen ohne Ausbildung. Wir sollten Berufsausbildung nicht in ihrem Ergebnisstandard, aber in ihrem Eintrittsniveau so öffnen, dass mehr und mehr dieser ungelernten Arbeitskräfte Zutritt zu einer Berufsausbildung bekommen. Das ist ein Reservoir, das sich jährlich um 150.000 erhöht. Gespeist wird es von Schul- und Ausbildungsabbrechern, Schülern, die keinen Ausbildungsplatz bekommen. Mit den Lösungen meine ich etwa Teilzeitausbildung für alleinerziehende Mütter, Teilqualifizierung angelernter Arbeitnehmer, modularisierte Ausbildung für Flüchtlinge.

heise online: Seit Jahren klagen Unternehmen, dass sie ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen können. Dabei gibt es nach wie vor mehr Bewerber als Plätze. Sind die Firmen zu wählerisch oder mangelt es an der Eignung der Kandidaten?

Sattelberger: Im vergangenen Jahr fanden 22.000 Bewerber keinen Ausbildungsplatz, aber nicht, weil es zu wenige Ausbildungsplätze gab, das hat andere Gründe. Die Stellen wurden in Regionen mit geringer Nachfrage angeboten oder es gab Regionen mit zu hohem Bedarf. Und es gibt Branchen, die kräftig an ihrem Ruf arbeiten müssen, wie etwa das Hotel- und Gaststättengewerbe oder auch Teile des Handwerks.

heise online: Seit Jahren steigen die Studentenzahlen beispielsweise in der Informatik massiv, auch bei den IT-Ausbildungsberufen findet eine Zunahme statt. Diese Auszubildende und Studenten fehlen anderen Branchen. Jetzt startet die Bundesregierung die Pflegeinitiative. Der Wettbewerb um junge Leute wird intensiver. Wohin führt das?

Sattelberger: Die Antwort ist simpel, denn ich bin Marktwirtschaftler: Angebot und Nachfrage wird über den Preis geregelt. Im Falle des Arbeitsmarkts sind das die Einkommen. Wenn man in Pflegeberufen gering bezahlt und vielleicht schlecht behandelt wird, dann braucht man sich nicht wundern, dass diese Branche wenig interessant für Arbeitnehmer ist.

heise online: Das heißt: Wer am besten bezahlt, macht das Rennen um Auszubildende, Absolventen und Mitarbeiter?

Sattelberger: Bezahlung ist nur ein Indikator. Ich habe ganz bewußt auch von der Behandlung gesprochen. Bewerber schauen auf das Gesamtpaket.

heise online: Macht es Sinn, jungen Leuten zu sagen: MINT ist eine Branche mit Zukunft, da habt ihr einen sicheren, gut bezahlten Ausbildungs- und Arbeitsplatz? Ausbildungsexperten raten dringend zu einem Beruf, der Spaß macht.

Sattelberger: Ich sehe das anders als die Experten. Jeder soll nach seiner Überzeugung glücklich und zufrieden werden. Für viele in unserem Land ist das Thema Arbeitsplatzsicherheit ein extrem wichtiges. Für viele andere ist die Höhe ihres Einkommens sehr bedeutend. Wieder andere legen den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit in den Sinn der Aufgabe. Andere in den Spaß. Wir sollten auf keinen Fall Lebenskonzepte von Menschen normieren. Wem Zukunft wichtig ist, der ist bei MINT sicher aufgehoben. (jk)

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