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Autohersteller stecken Positionen für Kampf um Daten-Schatz ab

Mit der Vernetzung von Autos kommen neue Geschäftsmodelle ins Spiel. Mit den Daten, die die Fahrzeuge produzieren, wird sich viel Geld verdienen lassen. Deswegen zeichnen sich Konflikte darum ab, wer auf sie Zugriff haben wird.

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Kartendienst Here

Sensorendaten aus fahrenden Autos sollen den Kartendienst Here laufend aktualisieren

(Bild: Here)

Die Autoindustrie bereitet sich auf eine Zukunft vor, in der Daten aus dem vernetzten Fahrzeug zum großen Geschäft werden. "Daten sind die künftige Währung in dieser Industrie", sagt der Chef des US-amerikanischen Elektronik-Konzerns und Autozulieferers Harman, Dinesh Paliwal, auf CES in Las Vegas. "Und wer die Kontrolle über das Datenmanagement hat, wird der König sein."

Die deutschen Autohersteller Daimler, Audi und BMW gehen mit einem Einsatz von 2,8 Milliarden Euro ins Spiel. So viel ließen sie sich im Sommer die Übernahme des Kartendienstes Here kosten, den Nokia zum Verkauf gestellt hatte. Here soll den deutschen Premium-Herstellern nicht nur hochpräzise Karten liefern, ohne die selbstfahrende Auto nicht auskommen können. Unter dem Dach der Firma wird auch eine Plattform zum Austausch von Daten zwischen Fahrzeugen aufgebaut, deren Technik Here als weltweiten Standard zu etablieren hofft.

Die drei Eigentümer gaben bereits bekannt, dass Daten von Sensoren aus ihren vernetzten Autos in die Livekarten von Here einfließen sollen. Es geht darum, Informationen über Glatteis, Unfälle, Schlaglöcher oder Staus zu registrieren und über einen Cloud-Dienst an andere Autos weiterzuleiten.

Damit bekommen die deutschen Autohersteller auf ihrem Spielfeld einen Vorteil gegenüber Google, das zwar Ortungsinformationen von Millionen Android-Smartphones auswerten kann, aber von vielen Marken nicht an die präzisen Daten aus dem Auto herangelassen wird.

Here arbeitet daran, die Datenbasis für die Live-Karten mit Informationen von anderen Herstellern auszuweiten. "Wir machen Machbarkeitsstudien und Pilotprojekte mit zehn bis zwölf Herstellern", sagt Here-Manager Floris von de Klashorst. "Ich denke, der Industrie ist bewusst, dass diese Architektur auf Zusammenarbeit basiert und mehr Hersteller dazu beitragen müssen." Here lud andere Autohersteller zum Datenaustausch ein, der Dienst wird als unabhängiges Unternehmen weitergeführt.

In der Branche gibt es aber auch Vorbehalte dagegen, die Daten für Here zu öffnen. So zeigt sich Volvos IT-Chef Klas Bendrik skeptisch. "Alles muss offen und vertrauenswürdig organisiert sein. Eine Einladung ist eine Sache, die Realität eine andere", sagt er und betont, es gebe neben Here auch viele weitere Initiativen zur Entwicklung von Standards.

Volvo experimentiert bereits auf eigene Faust mit Datendiensten und setzte unter anderem auch einen eigenen Cloud-Service auf, über den sich vernetzte Fahrzeuge der Marke zum Beispiel über Glatteis oder Unfälle unterrichten. In Schweden wird so eine gute Abdeckung erreicht, in Ländern mit niedrigerem Volvo-Marktanteil gibt es dagegen schnell weiße Flecken.

Insgesamt habe die Branche verstanden, wie wichtig durchgängige Standards für einen übergreifenden Datenfluss zwischen verschiedenen Automarken sind. Lieber als auf eine fremde Plattform aufzuspringen wäre es Bendrik aber, wenn die Daten zwischen Clouds verschiedener Hersteller ausgetauscht würden.

Auf die Frage, ob er sich dann eine Allianz anderer Hersteller gegen die Deutschen vorstellen könne, gibt Bendrik nur eine ausweichende Antwort. "Es laufen derzeit diverse Gespräche. Es wird aber wie immer einfacher sein, auf bestehende Strukturen zu setzen, statt neue zu schaffen."

Insgesamt bräuchten Hersteller noch Unterstützung bei Cloud-Diensten und Daten-Analyse, sagt Harman-Chef Paliwal. Er bringt Harman als Dienstleister für Here ins Gespräch. Sein Unternehmen wolle den Kartendienst bei der Datenauswertung unterstützten. "Wir können das in einigen Bereichen besser als sie." Auf der CES habe er Produkte von Harman auch Top-Managern der deutschen Autohersteller vorgeführt.

"Die Autohersteller befinden sich in einer Phase des Experimentierens mit neuen Geschäftsmodellen und stoßen dabei auch in völlig neue Branchen vor", sagt Autoexperte Axel Schmidt von der Unternehmensberatung Accenture. Die deutschen Autohersteller hätten mit der Here-Übernahme ihren Anspruch auf die Vorherrschaft im Zeitalter der vernetzten Mobilität untermauert. Der Erfolg werde aber nicht von dem besten technischen System abhängen, sondern davon, wer die beste integrierte Plattform für alle Alltagsaspekte anbiete. (anw)

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