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Automatische Gesichtserkennung: Test der Bundespolizei bringt "gesteigertes Sicherheitsgefühl" oder "Überwachungsdruck"

Bundesinnenminister Thomas de Maizière freute sich zum Start des Feldtests mit automatischer Gesichtserkennungssoftware. Bürgerrechtler und Informatiker kritisieren das Vorhaben und den Ablauf des Tests.

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Gesichtserkennung

(Bild: dpa)

Zum Start des Testlaufes der automatische Gesichtserkennung per Software haben die üblichen Verdächtigen ihre Duftnoten gesetzt. Bundesinnenminister Thomas de Maizière stellt eine "Steigerung des Sicherheitsgefühls" in Aussicht, die Kritiker von Digitalcourage sprechen von einer enormen Zunahme des Überwachungsdruckes.

Erst mit dem Start des Testes wurden die am Test beteiligten Firmen bekannt gegeben, zuvor gab es wettbewerbsrechtliche Probleme: die Rechner kommen von Dell, die Kameras von Elbex und die Gesichtserkennung, das Herzstück des gesamten Testsystems, liefert L1Identity Solutions.

Bundesinnenminister de Maizière freute sich zum Start des Feldtests über die neue Art der Video-Überprüfung durch Computer-Systeme. Sie führe seiner Ansicht nach dazu, dass das Sicherheitsbefinden der Bürger und Bürgerinnen gestärkt werde.

"Durch den Einsatz intelligenter Gesichtserkennungssysteme können zukünftig wesentlich bessere Ergebnisse für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger erzielt werden", heißt es in der Pressemitteilung zum Start des Projektes. Über sechs Monate werden rund 300 vorab mit Gesichtsbildern gespeicherte Probanden die Teststrecke nutzen und dabei einen RFID-Chip tragen, der ihre Anwesenheit unabhängig von einem "Kameralarm" feststellt. Auf diese Weise soll die Quote der False Positives und False Negatives ermittelt werden, die entscheidend ist.

Werden wesentlich mehr Personen von der automatischen Gesichtserkennungssoftware erfasst, ist sie ebenso wertlos, wie wenn sie viele Probanden nicht erkennt. Hinter dem Test steht der Wunsch, gesuchte Personen, von denen es ein Bild gibt, möglichst schnell im öffentlichen Raum zu identifizieren. Mit Schlagzeilen wie Gesichtserkennungs-Software soll Straftaten schnell melden, kommentierten Berliner Medien den Start des Testes entsprechend positiv.

Ganz anders sieht es auf der Seite der Datenschützer aus. Die Bürgerrechtler von Digitalcourage, die selbst mit mehreren Personen am Test teilnehmen, sprechen in ihrer Stellungnahme von einem enorm "gesteigerten Überwachungsdruck". Dabei sei nicht allein die intelligente Gesichtserkennung drückend, sondern auch die Tatsache, dass die Polizei sich mit dem "Videoüberwachungsverbesserungsgesetz" bei anderen Betreibern von Kamerasystemen (Verkehrsbetriebe, Diskotheken usw.) einfacher bedienen kann. Beim Forum der kritischen InformatikerInnen geht es noch düsterer zu, wenn die Pressemitteilung die Zukunft ausformuliert:

"Wenn es zu einem späteren Echt-Einsatz solcher Systeme kommt, wird es einen unüberwachten Ausweichbereich ohnehin nicht mehr geben. Alle, die am öffentlichen Leben teilnehmen, müssen dann damit umgehen, dass sie in ihrer täglichen Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel von Computern in Echtzeit vermessen, analysiert, bewertet und in allen möglichen privaten Momenten identifiziert werden können."

Aber auch die InformatikerInnen haben einen Vorbehalt, wenn es heißt:

"Gleichzeitig können diejenigen, nach denen gefahndet wird, sich mit einfachsten Maßnahmen wie Sonnenbrillen, Mützen, Bärten, Make-up oder dem einfachen Blick nach unten aufs Smartphone der Identifizierung entziehen."

Genau diese Behauptung könnte ein klug angelegter Test mit entsprechend verfremdeten Probanden widerlegen oder entkräftigen. Wie Netzpolitik indessen meldet, sind die Probanden nicht besonders repräsentativ ausgewählt worden. Auflagen, sich auch einmal zu tarnen und zu täuschen soll es nicht geben. Der Test endet in sechs Monaten, erstreckt sich also auch auf die dunklen Monate, in denen das Vorgänger-Projekt "Foto-Fahndung" im Mainzer Hauptbahnhof überwiegend unbrauchbare Ergebnisse lieferte. (Detlef Borchers) / (kbe)

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