Automatisierte Gesichtserkennung: Clearview wollte App um Polizeifotos erweitern

Der Anbieter einer umstrittenen App zur Gesichtserkennung wollte seine Datenbank angeblich mit gemeinfreien Polizeifotos (Mugshots) auffüllen.

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(Bild: Neosiam32896395/Shutterstock.com)

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Die für ihre riesige Datenbank zur Gesichtserkennung kritisierte US-Firma Clearview AI beabsichtigte, ihren Bildvorrat um Polizeifotos zu erweitern. Wie das Online-Magazin OneZero berichtet, habe Clearview geplant, alle in den USA in den letzten 15 Jahren aufgenommenen Mugshots (Polizeifotos von Festgenommenen) in seinen Datenpool einzuspeisen. Clearviews Ziel ist eine möglichst umfassende Sammlung personenbezogener Fotos für treffsichere Gesichtserkennung, auf deren Basis die Firma Behörden und Unternehmen kostenpflichtige Dienstleistungen anbietet.

In den USA fotografiert die Polizei routinemäßig alle Festgenommenen mit einer Namenstafel. Mugshots, die von Bundesbehörden gemacht werden, dürfen frei verbreitet werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich die Fotografierten als schuldig oder unschuldig erweisen – Betreiber einschlägiger Webseiten hatten daraus in der Vergangenheit ein erpresserisches Geschäftsmodell gestrickt.

Für den Erwerb von Polizeifotos stand Clearview nun offenbar mit Justizvollzugsbehörden in Kontakt. Das Online-Technologiemagazin OneZero deckte das Ansinnen auf und veröffentlichte im März 2020 Auszüge aus der Korrespondenz zwischen dem Clearview-Team und der Mitarbeiterin einer Justizbehörde. Die E-Mails stammen schon vom August 2019. Ob bereits Mugshots Eingang in die Datenbank gefunden haben und wenn ja, wieviele, ist unklar.

Clearview hat eine Datenbank mit rund 3 Milliarden persönlichen Bildern aus unterschiedlichen, öffentlich zugänglichen Quellen aufgebaut. Quellen sind soziale Netzwerke und Plattformen wie Facebook, Google, Twitter, aber auch Online-Archive wie Rapsheets.org und Arrests.org. Damit wird eine umstrittene App zur Gesichtserkennung gefüttert, die das Unternehmen schon vor längerer Zeit entwickelt hat.

Die Anwendung sei zur Strafverfolgung und Verbrechensbekämpfung durch autorisierte Behörden gedacht, schreibt das Unternehmen auf seiner Website: "Technology to help solve the hardest crimes." Laut BuzzFeed hat Clearview die App bereits an über 2200 Strafverfolgungsbehörden, Exekutivorgane und Unternehmen in 27 Ländern verkauft. Über 500.000 Suchvorgänge seien bislang erfolgt – und von Clearview protokolliert worden.

In offiziellen Stellungnahmen beteuert Clearview, die App stehe nur ausgebildetem Personal akkreditierter Justizvollzugsbehörden mit entsprechenden rechtlichen Befugnissen zur Verfügung. Diesen bietet Clearview die Beantragung des Zugangs per Formular an. In der Vergangenheit wurde die App auch über herkömmliche App-Stores angeboten, dort ist sie heute nicht mehr gelistet. Kostenlose Testkonten wurden aber breit gestreut: Die New York Times hatte vor wenigen Tagen aufgedeckt, dass die Clearview-App ursprünglich in exklusiven Unternehmerkreisen privat zirkulierte: Sie ist potenziellen Investoren als Beta-Version zum privaten Testen angeboten worden. (sih)