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Autorenschwund bei Wikipedia

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Die englischsprachige Wikipedia verliert Autoren. Nach Berechnungen des spanischen Forschers Felipe Ortega haben in den ersten drei Monaten dieses Jahres 49.000 Autoren der Wikipedia den Rücken gekehrt. Das sind zehn Mal mehr als im Vorjahr, wie das Wall Street Journal berichtet.

Mit der Auswertung der Wikipedia-Logfiles der zehn größten Wikipedia-Ausgaben hat Ortega somit bestätigt, was viele schon vorher vermuteten: Fast neun Jahre nach Gründung des Projekts ist die Mitarbeit in der Online-Enzyklopädie wesentlich schwerer geworden. So werden Beiträge von Wikipedia-Neulingen heute viel öfter gelöscht als früher. Auch das Artikelwachstum ist längst vom ursprünglich exponentiellen Pfad zu einem eher linearen Wachstum übergegangen. Die Leserzahlen steigen hingegen weiterhin stark an: Laut ComScore nahmen die Besucherzahlen im vergangenen Jahr um 20 Prozent zu.

Wie und ob die Wikimedia Foundation auf die Entwicklung reagiert, ist unklar. So verglich Wikimedia-Gründer Jimmy Wales ungezügeltes Wachstum in einem Interview kürzlich mit einer Krebserkrankung: "Wachstum um des Wachstums willen wäre ein merkwürdiges Ziel für Wikipedia", sagte Wales dem Deutschlandradio Kultur. Würden freiwillige Autoren jedoch dem Projekt den Rücken kehren, weil der Umgangston auf der Plattform zu rüde ist oder die Mitarbeiter in ewig gleichen Diskussionen zermürbt würden, wäre dies jedoch ein Problem, das zu korrigieren wäre, erklärte Wales gegenüber dem Wall Street Journal.

Unterdessen bemüht sich die Wikimedia Foundation, die Mitarbeit an der Online-Enzyklopädie und ihrer Schwesterprojekte zu vereinfachen. So kümmert sich ein eigenes Usability-Projekt um die Verbesserung der Wikipedia-Software. Die oftmals verwirrenden sozialen Prozesse in der Wikipedia-Community kann das Team aber nicht direkt beeinflussen. Auch ein neues Forensystem soll in der nächsten Zeit eingeführt werden, um die Übersichtlichkeit der wild wuchernden Wikipedia-Diskussionen zu erhöhen.

An Vorschlägen zur Lösung der vermeintlich existenzgefährdenden Misere mangelt es freilich nicht. So schlägt IT-Experte Kris Köhntopp vor, den Wissensstreit innerhalb der Wikipedia und damit die Artikelqualität besser zu visualisieren. Bisherige Ansätze wecken allerdings wenig Hoffnung: So kann die Firefox-Erweiterung WikiTrust vermeintlich umstrittene Änderungen farblich markieren und soll den Nutzer so vor Falschinformationen schützen. Im Praxistest der deutschen Wikipedia überzeugt die Lösung jedoch wenig: So sind im Artikel über Guido Westerwelle zunächst Vor- und Nachname des deutschen Außenministers als fraglich markiert, bei Angela Merkel erscheint die Warnfarbe gleich im ersten Satz, in dem sie als Bundeskanzlerin und Bundesvorsitzende der CDU bezeichnet wird.

Während die Diskussionen in den großen Wikipedia-Ausgaben sehr hitzig geführt werden, setzt Google auf das enorme Wachstumspotenzial einer jungen Wikipedia- Ausgabe. Mit einem derzeit laufenden Wettbewerb will der Internetkonzern afrikanische Studenten motivieren, Artikel für die noch unterentwickelte Swahili-Wikipedia zu schreiben. Google erhofft sich dadurch, den Internet-Konsum für Afrikaner attraktiver zu machen. (vbr)

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