Axel-Springer-Chef: "Vergesst Big Brother – Google ist besser!"

Mathias Döpfner antwortet in einem Gastbeitrag für die FAZ auf Google-Chairman Eric Schmidt, kritisiert den Umgang des Konzerns mit der Konkurrenz und beschwört herauf, Google wolle einen "Supra-Staat" errichten.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 468 Beiträge
Von

Der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer, Mathias Döpfner, sieht die wachsende Macht Googles mit Sorge. Der Konzern bilde ein "globales Netzmonopol", ohne dass es transparente und faire Kriterien im Umgang mit Wettbewerbern gebe, schrieb Döpfner in einem offenen Brief an Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt. Der Text wurde in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht.

Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner.

(Bild: dpa, Ole Spata/Archiv)

Döpfner antwortet damit auf einem Gastbeitrag von Schmidt in der FAZ, in dem der Google-Chairman vor einer Woche bei den deutschen Verlagen für eine umfassende Zusammenarbeit geworben hatte. Schmidt hatte dabei mehrfach auf eine Partnerschaft mit dem Axel-Springer-Verlag zur automatisierten Werbevermarktung verwiesen.

"Einerseits ist Axel Springer Teil einer europäischen Kartellklage gegen Google und streitet mit dem Konzern über die Durchsetzung des deutschen Leistungsschutzrechts, das den Inhalte-Diebstahl verbietet, andererseits profitiert Axel Springer nicht nur von dem durch Google entstehenden Traffic, sondern auch bei der Vermarktung von Restplätzen seiner Online-Werbung von Googles Algorithmus", schrieb Döpfner. "Man kann das schizophren nennen. Oder liberal. Oder, und das ist die Wahrheit, um es mit einem Lieblingswort unserer Bundeskanzlerin zu sagen: alternativlos." Springer kenne keine Alternative, die vergleichbare technische Voraussetzungen zur automatisierten Werbevermarktung biete. "Und wir dürfen auf diese Einnahmequelle nicht verzichten, weil wir das Geld dringend für technologische Zukunftsinvestitionen brauchen."

Google habe in Deutschland einen Suchmaschinen-Marktanteil von 91,2 Prozent, weltweit von 70 Prozent, schreibt Döpfner weiter. "Da ist die Aussage 'wenn Google euch nicht passt, könnt ihr euch ja auslisten lassen und woandershin gehen' in etwa so realistisch wie die Empfehlung an einen Atomstromgegner, doch einfach auf Strom zu verzichten. Das kann er – solange er nicht den Amish People beitreten möchte – im wahren Leben eben nicht."

Döpfner wandte sich in dem Brief auch gegen Googles Umgang mit den Angeboten der Konkurrenz, zu denen auch Tochtergesellschaften des Springer-Verlags zählen. Google weise eigene Produkte bei der Online-Suche besser aus als die der Wettbewerber. Die Europäische Kommission zeige sich diesem Problem nicht gewachsen. Damit spielt Döpfner auf das laufende Wettbewerbsverfahren an, in dem sich die Verlage mit Googles Vorschlägen nicht zufrieden zeigten.

Döpfner kritisiert, dass die EU-Kommission vorgeschlagen habe, "dass die infrastrukturbeherrschende Suchmaschine Google weiterhin Wettbewerber in der erfolgsentscheidenden Plazierung von Suchergebnissen diskriminieren darf". EU-Kommissar Joaquín Almunia "sollte noch einmal darüber nachdenken, ob es so klug ist, als quasi letzte Amtshandlung das zu fabrizieren, was als Sargnagel der ohnehin etwas sklerotischen europäischen Internet-Ökonomie in die Geschichte eingehen würde".

"Wenn Google einen Algorithmus ändert, bricht bei einem unserer Tochterunternehmen in wenigen Tagen der Traffic um 70 Prozent ein. Das ist ein realer Fall. Und dass dieses Tochterunternehmen ein Wettbewerber von Google ist, ist dabei sicher Zufall", schrieb Döpfner. Google wolle einen "Supra-Staat" errichten, seine Macht betreffe auch die Zukunft Europas.

Döpfner räumte ein, wie viele andere Medienhäuser "Angst vor Google" zu haben. Das schreibt er auch vor dem Hintergrund, dass der Konzern "in den verschiedensten Bereichen unseres professionellen und privaten Alltags, im Haus, im Auto, im Gesundheitswesen, in der Robotronik eine führende Rolle spielen" wolle. Das sei eine "riesige Chance und eine nicht minder große Bedrohung". Döpfner zitiert den Internet-Theoretiker Evgeny Morozov, nach dem keine Debatte über Technik geführt werden, sondern eine politische Debatte.

16 Jahre Datenspeicherung und 16 Jahre Erfahrung von Zehntausenden IT-Entwicklern hätten Google einen Wettbewerbsvorsprung eingebracht, der mit rein ökonomischen Mitteln nicht mehr einholbar sei, meinte Döpfner. Seitdem Google den Heimvernetzer Nest gekauft hat, wisse der Konzern noch genauer, was die Bürger zuhause tun. Dazu kämen fahrerlose Autos, um auch mit der Autoindustrie zu konkurrieren. Google wisse dann nicht nur, wohin die Autos fahren, sondern auch noch, womit wir uns beim Autofahren beschäftigen. "Vergesst Big Brother – Google ist besser!"

Döpfner beunruhige vor diesem Hintergrund, dass Google den Drohnen-Hersteller Titan Aerospace übernimmt und geplante riesiger Schiffe und schwimmende Arbeitswelten unterstütze, die in staatenlosen Gewässern kreuzen und operieren können. Dabei habe Döpfner die Worte von Google-Gründer Larry Page im Ohr: "Es gibt eine Menge Dinge, die wir gern machen würden, aber leider nicht tun können, weil sie illegal sind", habe Page 2013 verkündet.

Hintergrund des Schlagabtauschs ist das Leistungsschutzrecht (LSR) für Presseverlage in Deutschland. Es war nach einer kontroversen Debatte vor einem Jahr im Bundestag verabschiedet worden und am 1. August 2013 in Kraft getreten. Es ermöglicht Verlagen, für die Veröffentlichung von Zeitungsartikeln im Web eine Lizenzgebühr zu erheben. Suchmaschinen dürfen jedoch "einzelne Wörter und kleinste Textausschnitte" lizenzfrei nutzen. Für die Verlage steht nun an, das LSR praktisch umzusetzen. Es wird erwartet, dass die von Springer, Burda und anderen Verlagen beauftragte Verwertungsgesellschaft VG Media in absehbarer Zeit einen Tarif für die Verwendung von Verlagsinhalten in Angeboten wie Google News veröffentlichen wird. Google lehnt Lizenzgebühren für die Veröffentlichung von Inhalten aus Zeitungsartikeln im Internet strikt ab. (mit Material der dpa) / (anw)